Stand: 06.09.2011 17:06 Uhr  | Archiv

Ein kleiner Bahnhof mit großer Geschichte

Im Bahnhof Friedrichsruh hängt ein Porträt des Reichskanzlers Otto von Bismarck © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Im sanierten Bahnhof Friedrichsruh hängt dieses Porträt von Otto von Bismarck.

Ein Ausflug nach Friedrichsruh - vor den Toren Hamburgs - lohnt sich. Nicht nur wegen des Gartens der Schmetterlinge. Wohl nirgendwo sonst können Besucher der Geschichte von Otto von Bismarck (1815-1898) so nahe kommen. Hier befindet sich sein Mausoleum, hier ist nach wie vor der Stammsitz der Familie Bismarck, hier gibt es ein Bismarck-Museum. Und auch Eisenbahnfans kommen auf ihre Kosten. Der Bahnhof Friedrichsruh ist einer der ältesten in Deutschland.

Per Zug direkt nach Berlin

Der Reichskanzler war 1874 nach Friedrichsruh gezogen. "Der preußische König hatte ihm drei Jahre zuvor den Sachsenwald für seine Verdienste um die Reichseinigung geschenkt", erzählt Historiker Andreas von Seggern. Es sei bekannt gewesen, dass Bismarck gerne Zeit im Wald verbringt. Bis zu seinem Tode im Jahr 1898 blieb Bismarck dem Wohnsitz treu, der direkt an den Gleisen lag. Für den Reichskanzler war die Lage ausgesprochen praktisch: Er brauchte nur aus der Gartenpforte herauszutreten und konnte schon in den Zug nach Berlin stiegen.

Bahnhof kurz vor dem Abriss gerettet

Der Bahnhof Fredrichsruh wurde um 1846 im Stil des Spätklassizismus errichtet und ist ein Denkmal aus der Anfangszeit der Eisenbahn. Im Jahr 1847 nahm die Hamburg-Berliner Eisenbahn ihren Betrieb auf. Fünf oder sechs Zugpaare fuhren zunächst täglich zwischen Hamburg und Berlin - mit Friedrichsruh als normalem Halt. Der Ort im Sachsenwald war damals ein beliebtes Ausflugsziel für Hamburger Bürger.

In den 1970er-Jahren verfiel das Empfangsgebäude zusehends und konnte später nur knapp vor dem Abriss gerettet werden. Seit einigen Jahren erstrahlt es in neuem Glanz. "Der Bahnhof Friedrichsruh zählt zu den zehn ältesten Bahnhofsgebäuden in Deutschland, die noch erhalten sind", weiß von Seggern.

Extra-Halt für den Reichskanzler

Der Bahnhof Friedrichsruh vom Bahnsteig aus gesehen © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Der Bahnhof Friedrichsruh steht unter Denkmalschutz.

Viele sprechen deshalb auch von "Bismarcks Bahnhof". Aber die Bezeichnung ist nicht ganz zutreffend. "Bismarck selbst hat das Empfangsgebäude nie benutzt", weiß von Seggern. Für den prominenten Fahrgast hielten die Züge stets 200 Meter weiter an der Gartenpforte zur Residenz. Auch Staatsgäste, die Otto von Bismarck in Friedrichsruh einen Besuch abstatteten, ließen das Empfangsgebäude links liegen.

Sogar für den Briefwechsel des Reichskanzlers gab es eine Sonderbehandlung. "Die Express-Züge, die in den 1880er-Jahren ohne Stopp zwischen Hamburg und Berlin verkehrten, fuhren im Bahnhof Friedrichsruh so langsam, dass bei offener Waggontür Postsäcke abgeladen oder aufgeworfen werden konnten", berichtet der Historiker. So sei die Post innerhalb weniger Stunden in Berlin angekommen. Vier bis fünf Monate im Jahr verbrachte Bismarck in der Idylle des Sachsenwaldes. "Viele Journalsiten sprachen damals von Friedrichsruh als zweiter Reichshauptstadt", erzählt von Seggern.

Wallfahrtsort für Bismarck-Fans

Der deutsche Kaiser war drei Mal in Friedrichsruh. Beispielsweise legte Wilhelm II. nach einem Besuch des Nord-Ostsee-Kanals in Rendsburg im Dezember 1897 einen zweieinhalbstündigen Stopp im Sachsenwald ein. Mit Otto von Bismarck genoss er ein Neun-Gänge-Menü. "Eigentlich wollte sich der Kaiser nur vergewissern, dass Bismarck nicht mehr lange leben würde", erzählt von Seggern. Das Verhältnis der beiden galt als zerrüttet. Bismarck starb dann im folgenden Sommer, am 30. Juli 1898. In einem Mausoleum unweit des Bahnhofs fand er seine letzte Ruhe.

Nach dem Tod Bismarcks wurde Friedrichsruh zum Wallfahrtsort für die Verehrer des Reichskanzlers. Bis zu 100.000 Besucher kamen pro Jahr in den kleinen Ort, die allermeisten per Eisenbahn. Sie alle wollten auf den Spuren ihres Helden wandeln.

Ein Terrorist im Keller

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Friedrichsruh zunehmend in Vergessenheit. Die Verehrung Bismarcks hatte längst ihren Höhepunkt überschritten. Und auch der Bahnhof hatte bessere Zeiten gesehen. Mit dem Aufstieg des Autos fuhren seit den 1950er-Jahren immer weniger Leute mit der Eisenbahn. Das Gebäude verfiel. So fiel es auch nicht auf, dass sich Anfang der 1980er-Jahre im Keller des leer stehenden Gebäudes einer der meistgesuchten Männer der Bundesrepublik versteckt hielt: der RAF-Terrorist Christian Klar. Im nahegelegenen Wald befand sich ein Waffenlager der RAF, dort wird Klar am 16. November 1982 gefasst.

Eine rettende Idee

Nach dieser Episode kehrte wieder Ruhe ein. Das Bahnhofsgebäude diente eine Zeit lang als Unterkunft für Asylbewerber. Ende der 1990er-Jahre rettete die Gemeinde Aumühle das Gebäude vor dem Abriss. Der Bahnhof wurde mit Bundesgeldern saniert. 1999 bezog die Otto-von-Bismarck-Stiftung das frühere Empfangsgebäude. Der Bahnhof soll nun wieder Anlaufpunkt für Geschichts-Interessierte und Bismarck-Fans werden. Im Erdgeschoss ist eine bemerkenswerte Ausstellung über Bismarck und die Reichseinigung zu sehen. Viele Besucher haben einen weiten Weg hinter sich, wenn sie in Friedrichsruh ankommen. "Es gibt in Asien glühende Bismarck-Verehrer, für die der Besuch ein ganz besonderer Moment ist", berichtet von Seggern.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.03.2015 | 20:00 Uhr

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