Buxtehude und die Verkehrsberuhigung: Die Tempo-30-Zone wird 40

Stand: 14.11.2023 15:00 Uhr

Als eine von sechs Modellstädten testete Buxtehude im Landkreis Stade ab dem 14. November 1983 die Tempo-30-Zone. Damals sorgte sie für Protest, inzwischen ist sie aus dem Bild vieler Städte nicht mehr wegzudenken.

von Svenja Nanninga

Große Blumenkübel aus Rohrsegmenten stehen an den Straßenrändern, ein Schild mit dem Hinweis auf eine Tempo-30-Zone davor. Unter der schwarzen 30 mit rotem Rahmen noch der Zusatz "Verkehrsberuhigung". Das war so ab 14. November 1983 in der Konopkastraße, einer Straße in der neu gebauten Siedlung Sagekuhle in Buxtehude. Autofahrern dürften diese Schilder besonders ins Auge gestochen sein. Dass ein ganzes Viertel zur verkehrsberuhigten Zone erklärt wurde, ist in Deutschland neu.

Ein umstrittenes Projekt

Stadtbaurat Otto Wicht steht 1984 vor Tempo-30-Straßenschildern. © Dirk Eisermann/laif Foto: Dirk Eisermann
Stadtbaurat Otto Wicht steht von Anfang an hinter dem Modellversuch und lässt sich von der Kritik nicht beirren.

Stadtbaurat Otto Wicht, der mittlerweile verstorben ist, muss damals viel Spott über sich ergehen lassen. "Kübel-Otto" nennen die Bürger ihren Stadtbaurat, als Anspielung auf die knapp 200 Blumenkübel, die Wicht in den neuen verkehrsberuhigten Bereichen aufstellen lässt. Freiwillig geht anfangs nämlich kaum ein Autofahrer vom Gas. In einer Gesprächsrunde im NDR-Fernsehen muss sich Wicht im Januar 1984 verschiedene Vorwürfe anhören. Zur Fragerunde sind auch 20 Buxtehuder Bürger geladen. "Mit welcher Berechtigung verstellen Sie mit einem unheimlichen Aufwand ausgebaute Kreuzungen so, dass man sie nur noch mit einem Kompass befahren kann?", ärgert sich einer der Studiogäste.

Andere Tempo-30-Gegner sehen in den Blumenkübeln sogar eine Gefahr. Die aufgestellten Betonhindernisse würden ihnen die Einsicht auf die Straße einschränken. "Unmöglich, ich fahre lieber schneller" oder "Jetzt sind die Straßen ja noch mehr verstopft als vorher", die Autofahrer in Buxtehude haben viel Wut auf das Modellprojekt. Otto Wicht lässt die Kritik nicht an sich heran, entgegnet in der Gesprächsrunde nur: "Es fehlt nur noch, dass Sie sagen, ab 150 kannst du abheben wie auf dem Flughafen. Wir müssen doch umdenken lernen."

Weitere Informationen
Ein Tempo-30-Schild steht in einer Wohnsiedlung, in der Autos parken. © Dirk Eisermann/laif Foto: Dirk Eisermann
8 Min

Forderung nach Tempo-30-Limit in Ortschaften (Panorama 23.02.2016)

Sollte innerhalb geschlossener Ortschaften grundsätzlich Tempo 30 gelten? So fordert es die Gewerkschaft der Polizei. Dem Bundesverkehrsminister geht dies zu weit. 8 Min

Von Blumenkübeln zu Berliner Kissen

Um das Projekt möglichst kostengünstig zu halten, müssen 1983 zunächst einmal die Blumenkübel als Geschwindigkeitsbegrenzung herhalten. Betonrohrsegmente werden kurzerhand umfunktioniert und mit Blumenerde gefüllt. Um einen Schritt auf die Menschen in Buxtehude zuzugehen, die sich auch nach einiger Zeit nicht mit den Kübeln anfreunden können, lässt Stadtbaurat Wicht später Bäume pflanzen und Bodenwellen einbauen. Nun soll die Aufpflasterung der sogenannten Berliner Kissen den Verkehr beruhigen. Doch auch hier kommt es anfänglich zu Problemen. "Diese Hügel, die wurden bestimmt fünf, sechs Mal gepflastert, weil das immer nicht richtig war", erzählt Anwohner Karl Brunckhorst dem NDR. Regelmäßig seien tiefergelegte Autos auf dem Pflaster aufgeschlagen und Reparaturarbeiten nötig gewesen. Heute gehören die "Berliner Kissen" bundesweit zum Straßenbild von Tempo-30-Zonen.

Positiver Effekt der 30er-Zone auf Fahrverhalten und Sicherheit

Trotz allen Ärgers und Frusts in Buxtehude, der Modellversuch hat einen positiven Effekt. So sei auf den Tempo-30-Straßen nicht nur langsamer gefahren worden, sondern auch wesentlich gleichmäßiger und ruhiger, so der ADAC in der Auswertung der Versuchsergebnisse. Zudem hätten Anwohner ihre eigene Fahrweise in Befragungen als vorsichtiger und ruhiger beschrieben. Das schlägt sich auch in den Unfallzahlen im Modellgebiet nieder. In den beobachteten Straßen sinkt den Angaben zufolge die Zahl der Schwerverletzten um etwa 75 Prozent.

1990 wird die Tempo-30-Zone bundesweit eingeführt und in die Straßenverkehrsordnung aufgenommen. Sie darf maximal 1.000 Meter lang sein und die Fahrbahn muss einer bestimmten Breite entsprechen. Diese Begrenzungen werden 2001 aufgehoben.

Olaf Lies (SPD) spricht auf einer Pressekonferenz. © picture alliance/dpa | Michael Matthey Foto: Michael Matthey
AUDIO: Lies: "Tempo 30 ist sinnvoll und schafft Verkehrssicherheit" (5 Min)

Otto Wicht wird zum Preisträger

Für die Buxtehuder Bürger ist die höhere Sicherheit zunächst kein schlagendes Argument. Doch das Meinungsbild ändert sich. Als auch überregional über die positiven Versuchsergebnisse in Buxtehude berichtet wird, sind die Menschen in der Hansestadt begeistert. Spätestens als Otto Wicht den Deutschen Verkehrssicherheitspreis bekommt, ist der anfängliche Ärger über Blumenkübel am Straßenrand vergessen. Und auch heute beschwert sich keiner mehr über einen Kübel. Im Gegenteil, die Stadt bekommt regelmäßig Hinweise auf weitere Bereiche, in denen eine Verkehrsberuhigung sinnvoll sein könnte.

20 ist das neue 30 in Buxtehude

Die Stadt Buxtehude ist heute fast flächendeckend eine Tempo-30-Zone. An der Zufahrt zur Altstadt steht seit dem vergangenen Jahr allerdings keine 30 mehr auf dem Straßenschild, sondern eine 20. Die Hansestadt hat damit wieder einen Modellversuch gestartet. Damit ist die Altstadt jetzt ein verkehrsberuhigter Geschäftsbereich, so die offizielle Bezeichnung. Perspektivisch strebe die Stadt in diesem Bereich sogar eine Tempo-10-Zone an, so Verkehrsplaner Johannes Kleber. Derzeit erlaube die Straßenverkehrsordnung das noch nicht. In Berlin ist an einer Stelle schon der Versuch unternommen worden, so eine Zone einzurichten. Sie musste aber nach Klagen zurückgenommen werden.

Reform soll Vereinfachungen bringen

Bundesweit spielt dieser Versuch zwar keine besonders große Rolle, die Stadt Buxtehude engagiert sich aber nach wie vor in der Verkehrspolitik. In der Initiative "Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten" haben sich bundesweit Städte zusammengeschlossen. Sie fordern mehr Handlungsmöglichkeiten für Kommunen, wenn es um Tempo-30-Zonen geht. Noch können sie das Tempo-Limit nur an besonderen Gefahrenstellen und mithilfe von Gutachten anordnen. Eine Reform hat das Bundeskabinett bereits beschlossen, nachdem der Druck der mittlerweile über 900 Kommunen im Bündnis größer wurde. Zwar sieht diese Reform kein flächendeckendes Tempo 30 in Städten vor, aber Kommunen, die mit dem Klima- und Umweltschutz, der Gesundheit oder der städtebaulichen Entwicklung argumentieren, sollen es künftig leichter haben.

Weitere Informationen
Ein Auto fährt an einem Verkehrsschild für eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometer vorbei. © picture alliance / dpa Foto: Julian Stratenschulte

Kommunen können demnächst leichter Tempo 30 anordnen

Der Bundestag hat für eine entsprechende Änderung im Straßenverkehrsgesetz gestimmt. Auch viele Städte sind dafür. mehr

. © Screenshot
3 Min

Wedel: Tempo 30 stellt Freiwillige Feuerwehr vor Probleme

Einige Feuerwehrleute fühlen sich ausgebremst - sie wissen nicht, wie sie in zehn Minuten bei der Wache sein sollen. 3 Min

Ein Schild weist Autofahrer auf Tempo 30 hin. © Hendrik Schmidt/dpa Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen - Test in Meckelfeld

Das Land Niedersachsen will herausfinden, wie sich das reduzierte Tempo unter anderem auf Lärm und Sicherheit auswirkt. mehr

Zwei Pkw fahren an einem Tempo-30-Schild vorbei. © Picture Alliance Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Niedersachsen: Verkehrsminister für mehr Tempo 30 in Städten

Etwa 35 Städte und Gemeinden in Niedersachsen fordern rechtliche Voraussetzungen dafür - darunter auch eine FDP-geführte Kommune. mehr

. © Screenshot
2 Min

50 Jahre Tempolimit auf Landstraßen

Im November 1972 wurde Tempo 100 auf Landstraßen eingeführt - und in Schleswig-Holstein gab es die erste Radarkontrolle dafür. 2 Min

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 14.11.2023 | 19:30 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Die 80er-Jahre

Straßenbau

Straßenverkehr

Mehr Geschichte

Die frühere Halle 5 der Munitionsanstalt in Diekholzen © NDR Foto: Marc-Oliver Rehrmann

Diekholzen: Als es in der Munitionsanstalt plötzlich brannte

Bei dem Unglück in der Nähe von Hildesheim starben heute vor 80 Jahren 33 Menschen, unter ihnen viele Mädchen. Das Gedenken im Ort war lange schwierig. mehr

Norddeutsche Geschichte