Stand: 15.11.2019 11:01 Uhr

Robert Koch - Ein Leben im Reich der Mikroben

von Dirk Köhne, NDR.de
Im deutschsprachigen Raum etablierte Koch die Ansicht, dass Bakterien krank machen. Vor allem das Bürgertum gewöhnte sich einen "hygienisch sauberen" Lebensstil an.

Berlin, 24. März 1882: Im Tagungssaal der Physiologischen Gesellschaft ist es mucksmäuschenstill. Die Anwesenden begreifen, welcher medizinischen Sensation sie gerade beiwohnen. Der Mediziner Robert Koch hat ihnen soeben mitgeteilt, dass er den Tuberkelbazillus isoliert habe. Zu dieser Zeit stirbt etwa jeder siebte Deutsche an der Lungenkrankheit. Die "Schwindsucht" gilt als unheilbar oder hat in milderen Fällen einen lebenslangen Klinikaufenthalt zur Folge. Mit dem Nachweis des Tuberkulose-Bakteriums ebnet sich der Weg für die Entwicklung eines Impfstoffs. Als Überträger der Krankheit ermittelt Koch die Atemluft: Im Schleim von Erkrankten weist er Tuberkelbazillen nach. Damit ist belegt, dass vor allem von Kranken mit offener Lungentuberkulose eine Gefahr ausgeht. Auf Kochs Entdeckung ist der Welttuberkulosetag begründet, der alljährlich am 24. März begangen wird.

Koch revolutioniert die Medizin

Als Robert Koch Ende des Jahres 1843 in Clausthal zur Welt kommt, glaubt die Wissenschaft noch, dass Seuchen und Epidemien von sogenannten Miasmen ausgelöst werden - giftigen Dämpfe, die aus dem Erdreich emporsteigen. Mit der Entdeckung, dass Krankheiten wie die Pest, Tuberkulose oder Cholera von winzigen Mikroorganismen verursacht werden, revolutioniert Koch Jahre später die Medizin. Er beweist, wie wichtig Hygiene im Alltag ist. Bei der Choleraepidemie in Hamburg 1892 setzt er Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung durch. Er entdeckt den Erreger des Milzbrandes und der Tuberkulose und verbessert die Züchtung von Bakterienkulturen. Seine Forschungen tragen maßgeblich zur Eindämmung von Seuchen und zur Bekämpfung jahrhundertealter Krankheiten bei. 1905 wird Robert Koch für seine Verdienste mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet.

Porträt des Mediziners Robert Koch um 1882 (Holzstich nach Fotografie). © picture-alliance / akg-images

1905: Robert Koch bekommt Nobelpreis

NDR 1 Niedersachsen -

Der Direkter des Universitäts-Instituts für Hygiene in Berlin wird für seine Forschungen auf dem Gebiet der medizinischen Bakteriologie ausgezeichnet.

3,5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dem Milzbranderreger auf die Spur gekommen

Schon als junger Lazarett-Arzt zeigt Koch großes Interesse an der Forschung. Im Deutsch-Französischen Krieg erfährt er, dass Soldaten oft an Milzbrand sterben, obwohl die Verwundungen nicht gravierend sind. Dies veranlasst ihn, nach der Ursache für die Milzbranderkrankungen zu forschen. Er erfindet die Technik des hängenden Tropfens. Dabei werden die Mikroben in einem Tropfen an der Unterseite eines Objektträgers kultiviert. Koch kann nun Bakterien im Blut von befallenen Tieren im Mikroskop beobachten und nachweisen. Mit seinen Beobachtungen und Feststellungen kann er belegen, warum sich Vieh auf bestimmten Weiden immer wieder mit Anthrax ansteckt: Die Bauern vergraben die Kadaver der gestorbenen Tiere nicht tief genug in der Erde. Zudem findet er heraus, dass getrocknetes Blut von infektiösen Schafen noch nach vier Jahren ansteckend ist.

Sepsis-Forschung an Mäusen

Bild vergrößern
Maßgeblich für die Forschungen Kochs waren die Sorgfalt der Methoden und die Logik der Beweisketten unter schlichten Bedingungen in seinem spärlich ausgerüsteten Labor.

Nach der Publikation über den Milzbranderreger 1876 befasst sich Koch mit der Problematik von Wundinfektionen (Sepsis). Er baut ein Tiermodell für die Sepsis auf und stellt fest, dass diverse Tierarten unterschiedlich auf die verschiedenen Bakterienarten reagieren. So weist er an Mäusen sechs verschiedene Formen der Sepsis nach, die von sechs unterschiedlichen Bakterientypen ausgelöst werden. Seine "Untersuchungen über die Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten" bringt Koch 1878 heraus.

Robert Koch: Vom technischen Fortschritt getrieben

Koch versucht stetig, auf dem Gipfel der technischen Entwicklung zu bleiben. Er optimiert die Mikroskopie und macht erste Fotos von Mikroorganismen.

Am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin entwickelt er die sogenannte Kulturplatten-Technik. Bislang wurden Bakterien in Fleischbrühe oder auf Kartoffelscheiben gezüchtet. Fleischbrühe lässt sich unter dem Mikroskop aber nicht fixieren und auf Kartoffelscheiben wachsen viele krankheitserregende Bakterien nicht. Koch stabilisiert daraufhin die Fleischbrühe mit Gelatine und gießt diese Nährböden in rechteckigen "Plattenschalen" aus. Die Methode der festen, transparenten Nährböden ist seitdem Bestandteil jeder bakteriologischen Forschung.

Nachweis von Cholera-Bakterien während einer Expedition

Bild vergrößern
Als Entdecker des Cholera-Erregers wird oft Robert Koch genannt - tatsächlich isolierte bereits 1854 der Italiener Filippo Pacini das Bakterium.

Als kleiner Junge träumte Robert Koch davon, reisender Naturforscher zu werden - wie sein Vorbild Alexander von Humboldt. Einige seiner zehn Geschwister wanderten nach Uruguay, Mexiko und in die USA aus. Als ihm 1883 die Leitung der Deutschen Cholera-Expedition angeboten wird, packt er seine Koffer und trifft im August in Alexandria ein. In Ägypten ist die Epidemie aber schon wieder am Abklingen und deshalb zieht die Expedition im November nach Indien weiter. Dort gelingt Koch zwei Monate später der Nachweis von Cholera-Bakterien. Er findet zudem heraus, dass der Erreger durch das Wasser übertragen wird. Die Rückkehr nach Deutschland im Mai 1884 gleicht einem Triumphzug. Kaiser Wilhelm I. empfängt Koch und belohnt ihn mit 100.000 Mark.

Im folgenden Jahr beruft die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin Koch zum Professor und Leiter des neu geschaffenen Instituts für Hygiene. Doch als Lehrer ist er unbegabt. Vorlesungen und Prüfungen sind ihm ein Kreuz. Seine Gesundheit ist angeschlagen und er sucht deshalb Erholung auf mehreren langen Reisen. Auch in seiner Ehe kriselt es. Derweil hat das konkurrierende Forscherteam von Louis Pasteur in Paris große Erfolge bei der aktiven Impfung. Bis 1890 kommt von Koch kein nennenswerter Bericht.

Tuberkulin: Kochs Impfstoff bleibt wirkungslos

Bild vergrößern
Rober Koch soll von morgens bis abends gearbeitet haben - auch sonntags.

Auf dem 10. Internationalen Mediziner-Kongress in Berlin präsentiert Koch dann im August 1890 einen Impfstoff, der den Tuberkulose-Erreger den Garaus machen soll: das Tuberkulin. Tausende Tuberkulose-Kranke versprechen sich Heilung von dem Mittel. Der Enthusiasmus ist groß. Doch das Serum hält nicht, was Koch verspricht. Langzeitheilungen werden nicht verzeichnet, viele Probanden sterben sogar. Obwohl sich das Tuberkulin - eine Mixtur aus Bestandteilen abgetöteter Tuberkelbazillen - als Heilmittel nicht durchsetzt, wird es später erfolgreich zum Nachweis der Tuberkulose-Erkrankung eingesetzt. Die Pleite mit dem vermeintlichen Impfstoff wiegt für Koch schwer. Aber er bleibt von der Heilkraft des Mittels überzeugt und stellt sieben Jahre später ein modifiziertes Tuberkulin vor, das als Medikament aber auch unwirksam ist.

Koch wird Leiter des Instituts für Infektionskrankheiten

1891 gibt Koch seine Professur auf und wird ab 1. Juli Leiter des eigens für ihn gegründeten "Königlich Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten" mit einer experimentellen und einer klinischen Sektion. Das "Koch'sche Institut" übernimmt Aufgaben für Städte und Reichsbehörden. Neun Jahre später wird das Institut aufgrund der gestiegenen Zahl von Mitarbeitern und Forschungsarbeiten in einen Neubau verlegt, den Koch selbst mitgeplant hat - am Nordufer in Berlin-Wedding. Noch heute trägt diese Einrichtung den Namen des Gründers.

Als im August 1892 die Choleraepidemie in Hamburg ausbricht, wird Kochs Know-how bei der Seuchenbekämpfung eingesetzt. Im Gegensatz zu den Hamburger Medizinern ist Koch mit den bakteriologischen Methoden zum Nachweis des Cholera-Erregers vertraut. Die Menschen in der Hansestadt werden ermahnt, das Trinkwasser abzukochen, Desinfektionskolonnen reinigen die Wohnungen von Cholera-Infizierten. Als die Seuche im Oktober bekämpft ist, sind mehr als 8.600 Menschen gestorben. Nach der Epidemie gehen in Hamburg eine neue Müllverbrennungsanlage und Filtrierwerke in Betrieb. Für Mediziner werden Fortbildungskurse angeordnet. Ein Schüler von Koch, Bernhard Nocht, wird auf die Stellung des Hafenarztes berufen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 08.12.2005 | 11:20 Uhr

Mehr Geschichte

02:06
Hamburg Journal