Irene Butter: "Dieses Land wird immer bei mir sein"

Stand: 12.09.2022 15:20 Uhr

Die Holocaust-Überlebende Irene Hasenberg Butter hat Deutschland besucht. Jetzt ist die 91-Jährige wieder in den USA - und blickt auf eine denkwürdige Zeit zurück. Dazu gehört auch der Besuch des Grabs ihres Vaters in Laupheim.

Irene Hasenberg Butter hat das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt. Seit ihrer Flucht lebt sie in Amerika, hält dort Vorträge in Schulen und Gedenkstätten. Mit vier Hamburger Schülerinnen hat sie einen Podcast für NDR Info und Funk über ihre Kindheit und ihre Rettung produziert: "Irene, wie hast du den Holocaust überlebt?". Jetzt hat sie die Mädchen erstmals persönlich getroffen. Das Fazit über ihre Deutschlandreise fällt durchaus positiv aus. Eine Rückkehr scheint - wenn es die Gesundheit zulässt - nicht ausgeschlossen.

Sie waren jetzt sieben Tage in Deutschland. Wie war Ihre Reise?

Vier Mädchen halten ein Erinnerungsfoto mit Irene Butter hoch. © NDR / John Bidwell Foto: John Bidwell
Mit den Hamburger Schülerinnen Lonneke Liebmann, Mathila Foitlinski, Milla Bessling und Ida Seidel (v.l.n.r.) bleibt Irene Butter tief verbunden.

Irene Butter: Nun, es war eine unglaubliche Zeit. Das ging schon gleich am Flughafen los, als ich von der Presse begrüßt wurde. Dann dieses Willkommens-Essen am gleichen Abend mit den vier Mädchen einem wunderschönen Garten - als wir den Podcast aufzeichneten, hätte ich nie gedacht, dass wir uns eines Tages auch persönlich begegnen würden. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass wir lebenslange Freunde sind und uns wiedersehen werden.

Am nächsten Tag haben Sie in den Zeise-Kinos vor über 300 Schülerinnen und Schülern ihre Lebensgeschichte erzählt ...

Die Hamburger Schülerinnen Milla Bessling, Lonneke Liebmann, Mathilda Foitlinski und Ida Seidel halten Süßigkeiten in ihren Händen. © NDR / John Bidwell Foto: John Bidwell
Zwischen ernsthaften Gedanken über Demokratie und Erinnerungskultur kommt die Freude über amerikanische Süßigkeiten nicht zu kurz.

Butter: Mich hat sehr bewegt, wie sehr sie mich zu verstehen scheinen. Da ich den Zweiten Weltkrieg überlebt habe, nehme ich es zurzeit wahrscheinlich besonders stark wahr, viel stärker als andere, wie unsere Demokratien bedroht sind - durch autoritäre und antidemokratische Strömungen. Ich halte es für meine Pflicht darauf hinzuweisen. Und in diesem Kino hatte ich das Gefühl, die jungen Menschen verstehen diese Botschaft in einer Art und Weise, die mich überrascht hat. Am Ende sagten mir mehrere mit einer Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit - die ich so selten erlebt habe -, wir werden uns immer erinnern, das versprechen wir Ihnen.

Am nächsten Tag waren Sie bei DAS! zu Besuch und am Sonntag wollten Sie dann eigentlich nach Bergen-Belsen fahren, um an der großen Gedenkfeier teilzunehmen, doch Sie waren nicht da. Warum sind Sie nicht hingegangen?

Butter: Ja, leider hat das nicht geklappt, was ich ganz und gar bedauere. Ich war nach all den Aktivitäten in den ersten Tagen doch sehr erschöpft. Daraus habe ich gelernt: Ich kann halt nicht mehr jeden Tag etwas unternehmen. Heute brauche ich nach einem ereignisreichen Tag einen Tag Ruhe, um mich zu regenerieren. Das habe ich jetzt verstanden. Es war also gut, diese Lektion zu lernen. Aber natürlich war das traurig, denn so habe ich es verpasst, andere Überlebende zu treffen und an diesen - für mein Leben - so wichtigen Ort zurückzugehen. Und das finde ich sehr schade.

Nach zwei Tagen Erholung konnten Sie aber glücklicherweise dann doch das Grab Ihres Vaters in Laupheim noch besuchen.

Irene Butter steht an einem Zaun und hält sich fest. © NDR / John Bidwell Foto: John Bidwell
Der Besuch des Grabs des Vaters in Laupheim ist für Irene Butter ein sehr emotionaler Moment auf ihrer Reise in Deutschland.

Butter: Das war natürlich ein sehr trauriger Moment. Aber andererseits bin ich jedes Mal, wenn ich dorthin gehe, so dankbar, dass er dort begraben ist. Man muss sich das mal überlegen: Wenn er nur zwei Tage früher gestorben wäre, wäre er in einem Massengrab in Bergen-Belsen gelandet, und ich hätte nie einen Ort gehabt, wo ich an ihn denken kann. Und das im Kreise meiner Freundinnen und Freunde, die ich heute in Laupheim habe, und die mich dorthin begleitet haben.

Am nächsten Tag ging es dann zurück in die USA. Wie war das für Sie nach so einer ereignisreichen Woche, Deutschland zu verlassen?

Die sieben Tage sind viel zu schnell vergangen. Und jetzt bin ich wieder hier, und in meinem Kopf schwirren noch all diese Erlebnisse nun herum. In meinem Interview zu Beginn der Reise habe ich gesagt, dass sich der Kreis jetzt schließen wird. Heute denke ich anders. Heute denke ich, es gibt keinen Abschluss. Und es wird keinen Abschluss geben, weil dieses Land immer bei mir sein wird. Und zwar nicht nur in einer negativen Weise. In den sieben Tagen habe ich keinen einzigen Menschen getroffen, der nicht sehr gastfreundlich und sehr hilfsbereit war. Ich glaube, das war nicht meine letzte Reise. Sollte meine Gesundheit es mir irgendwie erlauben, werde ich wiederkommen. Da bin ich mir ganz sicher.

Das Interview führte Caroline Schmidt.

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Dieses Thema im Programm:

DAS! | 03.09.2022 | 18:45 Uhr

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