Heinrich Mann, um 1931. © akg-images, picture-alliance

Heinrich Mann - Autor, Rebell und Vorreiter

Stand: 28.03.2021 00:01 Uhr

Vor 150 Jahren wurde Heinrich Mann geboren. Er trotzte seinem Vater, verteidigte die Weimarer Republik verteidigt und brachte die Nazis gegen sich auf. Trotz schriftstellerischer Erfolge starb er in tiefer Resignation.

von Vivienne Schumacher

Heinrich Mann kommt am 27. März 1871 in Lübeck zur Welt. Die Vita seines jüngeren Bruders Thomas Mann ist in allen Details erforscht. Doch bis heute gibt es Lücken in der Kenntnis vom Leben Heinrich Manns. Das ist erstaunlich, da die Biografien der beiden Brüder eng verzahnt sind - persönlich wie literarisch. Trotzdem scheint noch nicht alles bekannt zu sein: Immer wieder tauchen in den vergangenen Jahrzehnten wieder Briefe und Dokumente des Schriftstellers auf.

Bruder Thomas stößt Heinrich vom Thron

Heinrich Mann mit Geschwistern, um 1885. © dpa-Bildarchiv
Heinrich Mann - hier um 1885 - wuchs mit seinem Bruder Thomas (M.) sowie den Schwestern Julia und Carla auf.

Heinrich kommt als ältestes Kind in der Lübecker Wohnung der Familie Mann auf die Welt. Als Erstgeborener ist er der potenzielle Nachfolger seines Vaters, Thomas Johann Heinrich Mann, der eine Speditionsfirma führt und sechs Jahre später Lübecker Senator für Wirtschaft und Finanzen wird. Seine Mutter Julia ist 20 Jahre alt, als sie Heinrich bekommt. Er wächst mit mehreren Kindermädchen auf - und es scheint, als könne seine Mutter mit ihrem ersten Sohn nicht viel anfangen. In seinem Roman "Eugénie oder Die Bürgerzeit" (1926) erzählt Heinrich Mann von einem Jungen, der von seiner Mutter weder geliebt noch gewollt wird. Später bezeichnet er diesen Jungen selbst als autobiografische Figur.

Heinrich bleibt kein Einzelkind. Als er vier Jahre alt ist, bekommt er einen Bruder: Thomas. Die Mutter bevorzugt den Jüngeren; der Erstgeborene wird entthront. Während Thomas Mann später seine Kindheit in idyllischen Bildern schildert, schreibt Heinrich Geschichten von Verrat und Vernachlässigung. Es folgen noch zwei Schwestern, Julia (1877) und Carla (1881), sowie Bruder Viktor (1890).

Heinrich - der Rebell

Als Heinrich 13 Jahre alt ist, beschließt er, Schriftsteller zu werden. In den folgenden Jahren schreibt er Gedichte und Theaterstücke. Einige werden sogar gedruckt und von der Familie gelesen. Der Vater findet sich damit ab, dass sein Erstgeborener nicht Kaufmann und damit auch nicht der Firmenerbe werden wird. Er will Heinrich zu einem Jura-Studium drängen. Dieser aber sträubt sich und verlässt das Gymnasium 1889 ohne Abschluss.

Im Herbst des Jahres beginnt er eine Lehre als Buchhändler in Dresden - ein Kompromiss mit seinem Vater. Aber auch diese Ausbildung bricht er ab und geht 1890 für zwei Jahre als Volontär zum S. Fischer Verlag nach Berlin. Im selben Jahr findet das 100. Firmenjubiläum der Spedition seines Vaters statt. Heinrich erscheint nicht.

Vater Thomas Johann Heinrich hinterlässt ein schweres Erbe

Thomas Johann Heinrich Mann um 1880 © picture-alliance / Imagno
Vater Thomas Johann Heinrich Mann - hier um das Jahr 1880 - lehnte den Berufswunsch seines Sohnes ab.

Ein Jahr später stirbt Thomas Johann Heinrich Mann und hinterlässt Heinrich ein schweres Erbe. In seinem Testament heißt es: "Soweit sie [die Vormünder] es können, ist den Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer literarischen Thätigkeit entgegenzutreten. Zu gründlicher, erfolgreicher Thätigkeit in dieser Richtung fehlen ihm m. E. die Vorbedingnisse: genügendes Studium und umfassende Kenntnisse. Der Hintergrund seiner Neigungen ist träumerisches Sichgehenlassen und Rücksichtslosigkeit gegen andere, vielleicht aus Mangel am Nachdenken." Im Alter wird Heinrich Mann berichten, dass sein Vater ihm kurz vor dem Tod die literarische Laufbahn erlaubt habe. Zur gleichen Zeit wird er bewegende Zeichnungen anfertigen, die seinen sterbenden Vater und sich selbst zeigen.

Nach der Liquidierung der väterlichen Firma verliert die Familie an gesellschaftlicher Achtung. Die Manns verlassen Lübeck und ziehen nach München. Heinrich geht auf Reisen und ist in den folgenden Jahren ohne festen Wohnsitz. Entgegen dem testamentarischen Wunsch unterstützt Julia ihren Sohn bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit und finanziert seinen ersten Roman "In einer Familie" (1894), in dem die Protagonistin ihr selbst stark ähnelt. Ähnlichkeiten mit Familienmitgliedern kommen in seinen Werken immer wieder vor, genauso wie Autobiografisches.

Enge Bindung: Heinrich Mann und seine Schwester Carla

Zu seiner jüngeren Schwester Carla hat Heinrich eine besondere Beziehung. Er unterstützt sie in ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden und nutzt ihr Leben als "Material" für seine Bücher. 1903 schreibt er den Roman "Die Jagd nach Liebe", dessen Inhalt stark seiner Beziehung zu Carla ähnelt. Die Protagonistin reist immer mit einem Totenschädel, in dem sie Gift aufbewahrt - genau wie seine zehn Jahre jüngere Schwester. 1906 schreibt er die Novelle "Schauspielerin". Carla bietet ihm an, dass er ihre Briefe für diese Geschichte nutzen darf. Er schreibt ganze Passagen aus ihren Briefen ab. 1910 nimmt sich Carla das Leben - mit dem Zyankali aus ihrem Totenschädel. Heinrich kommt nur schwer darüber hinweg.

Maria Kanová und der Untergang des Kaiserreichs

Diederich Heßling (Werner Peters) steht am Redepult. Szene aus "Der Untertan" im Jahr 1951. © picture-alliance / KPA Honorar und Belege
1951 wurde der Mann-Roman "Der Untertan" mit Werner Peters verfilmt.

Zwei Jahre später - Heinrich reist viel zu Aufführungen seiner Theaterstücke durch Deutschland - lernt der junge Schriftsteller die Prager Schauspielerin Maria Kanová kennen und lieben. Gleichzeitig beginnt er mit seiner Arbeit zu "Der Untertan". Der Roman erscheint als Fortsetzungsreihe in einer Münchner Zeitschrift, wird aber mit Beginn des Ersten Weltkriegs abgesetzt. Im August 1914 heiraten Maria und Heinrich, 1916 wird ihre Tochter Henriette Maria Leonie geboren.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und in den ersten Kriegsjahren wendet sich Heinrich verstärkt sozialkritischen Themen zu. Während sein jüngerer Bruder Thomas Ende 1914 in dem Essay "Gedanken im Kriege" den Feldzug befürwortet und verherrlicht, entwickelt sich Heinrich zum Mittelpunkt der bürgerlichen Opposition, zum Kriegsgegner. In seinem "Zola"-Essay (1915) bekennt er sich zur Demokratie und erteilt dem Kaiserreich eine Absage. Die Brüder zerstreiten sich über ihre Texte persönlich und öffentlich. Erst 1922, als Heinrich mit 51 Jahren schwer erkrankt, werden sie sich wieder versöhnen.

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Heinrich Mann: "Der Untertan" (Buchcover) © Reclam Verlag

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Zwischen den Weltkriegen: Abrechnung mit dem Kaiserreich

Die Nachkriegsjahre sind Heinrich Manns erfolgreichste Jahre. 1918 erscheint "Der Untertan" als Buch und wird sein größter Erfolg. In dem Roman rechnet er mit dem Kaiserreich ab und gilt fortan als Vorreiter der Revolution und Vertreter der Deutschen Kultur. Sein Roman-Protagonist Diederich Heßling versinnbildlicht, was in der Weimarer Republik überwunden werden soll. In politischen Reden und Schriften äußert sich der nun berühmte Schriftsteller zu seinen Vorstellungen von einer Republik und wird in den 30er-Jahren zum Gegner der Nationalsozialisten.

Bis 1928 wohnt Heinrich mit Maria und seiner Tochter gemeinsam in München, dann trennt er sich von seiner Frau und geht nach Berlin. Dort lernt er bei einem seiner zahlreichen Bar-Besuche seine zweite Frau kennen, die Bardame Nelly Kröger. Die 27 Jahre jüngere Frau und der prominente Dichter entwickeln eine enge Beziehung, aber Nelly stammt aus einfachen Verhältnissen und wird in Heinrichs großbürgerlicher Familie nicht akzeptiert.

Mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein gegen die NSDAP

Filmplakat von 1951: Der Blaue Engel. © picture-alliance
Die gesellschaftskritische Satire "Professor Unrat" bekommt als Film den Titel "Der Blaue Engel".

1930 verfilmt Regisseur Josef von Sternberg Heinrich Manns Roman "Professor Unrat" (1905) - mit Marlene Dietrich und Emil Jannings in den Hauptrollen. Auf der Höhe seiner Karriere wird der Dichter ein Jahr später zum Präsidenten der Sektion Dichtkunst an der Preußischen Akademie berufen. Anfang 1933 unterzeichnet er einen Appell zu einer Vereinigung von SPD und KPD gegen die NSDAP - gemeinsam mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein. Er redet und schreibt gegen den Antisemitismus und für die Demokratie. Den Nazis ist er ein Dorn im Auge. Heinrich Mann verlässt Deutschland bevor sie ihn aus der Preußischen Akademie ausschließen können.

Bücherverbrennung und Emigration in die USA

Am 21. Februar 1933 reist Heinrich Mann nach Frankreich, um dort seinen großen Roman "Henri Quatre" zu schreiben. Nelly Kröger folgt ihm kurz darauf. In seiner Heimat wird ihm sofort die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen und bei den Bücherverbrennungen 1933 zerstören die Nazis öffentlich auch seine Bücher. In Südfrankreich engagiert sich der Kriegsgegner in mehreren Organisationen, die Nazi-Deutschland den Kampf angesagt haben. Noch glaubt er, dass sich der Nationalsozialismus nicht lange halten wird.

Heinrich (r.) und Thomas Mann 1940 in New York. © picture-alliance/ dpa Foto: Keystone
Heinrich (r.) und Thomas Mann - hier 1940 in New York - flüchten vor dem Nazi-Regime in die USA.

Doch er sollte sich irren. 1940 flüchtet er mit seiner Frau Nelly und einigen anderen Literaten über Spanien nach Portugal. Von den Nazis anfangs verschont, hatte inzwischen auch sein Bruder Thomas Deutschland verlassen und war nach Amerika emigriert. In den USA organisiert er für alle Pässe und Visa, sodass die Flüchtlinge im November 1940 die Schiffsreise in die USA antreten können.

Heinrich Manns dunkle Jahre im Exil

Während Thomas Manns Werke übersetzt werden und er in den USA beruflich erfolgreich ist, gelangt sein älterer Bruder in Abhängigkeit. Seine Bücher werden kaum übersetzt, er ist als Schriftsteller nahezu unbekannt. Trotzdem schreibt Heinrich im kalifornischen Santa Monica ein Werk nach dem anderen. Doch keines lässt sich verkaufen.

Buch-Tipp

Seine Frau Nelly kommt mit ihrem Leben im Exil nicht zurecht und noch immer wird sie von Heinrichs Familie nicht als seine Frau geduldet. Sie beginnt in einem Krankenhaus zu arbeiten, mit ihrem Lohn müssen beide auskommen. Heinrich ist inzwischen über 70 Jahre alt. Er ist auf Nelly und auf seinen jüngeren Bruder angewiesen, der ihn zusätzlich mit Geld unterstützt. Nelly Mann fängt an zu trinken und nimmt sich 1944 im Alter von 46 Jahren mit Schlaftabletten das Leben.

Berufung nach Berlin: Mann stirbt kurz vor Antritt

Eine Büste Heinrich Manns steht auf seinem Grabstein. © picture-alliance / ZB Foto: Hubert Link
Heinrich Manns Urne wurde in Berlin beigesetzt.

1949 - die Deutsche Demokratische Republik wurde gerade gegründet - erhält Heinrich Mann die Berufung zum Präsidenten der neuen Dichterakademie in der Akademie der Künste zu Berlin. Bevor er diesen Posten annehmen kann, stirbt er am 11. März 1950 in Santa Monica an einer Gehirnblutung. In einem Brief von Thomas Mann steht:

"Er war in letzter Zeit sehr alt geworden, heimgesucht von wechselnden Leiden. Er arbeitete nicht mehr, schrieb einige Briefe, las ein wenig, hörte Musik. [...] Dann, man weiß nicht mehr zu welcher Nachtstunde, im Schlaf, die Gehirnblutung, ohne Laut oder Regung von seiner Seite. [...] Es war im Grunde die gnädigste Lösung."

 

Heinrich Mann, um 1931. © akg-images, picture-alliance
AUDIO: Todestag Heinrich Mann (14 Min)

VIDEO: Versteigerung: Autografen Heinrich und Thomas Mann (3 Min)

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 28.03.2021 | 19:30 Uhr

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