Sendedatum: 29.10.2012 22:45 Uhr

Carla Mann - Ein Leben im Schatten der Brüder

von Melanie Thun
Carla Mann © NDR
Carla Mann wurde am 23. September 1881 in Lübeck geboren. Schon mit 28 Jahren nahm sie sich das Leben.

Carla Mann ist erst 28 Jahre alt, als sie das Leben nicht mehr aushält. Sie nimmt so viel Zyankali, das - so ihr Bruder Thomas später - ausgereicht hätte, um eine ganze Kompanie Soldaten zu töten. Im Film "Die Manns" wird Thomas' Tochter Elisabeth auch über ihre Tante befragt: "Was hat man Ihnen denn über Carla erzählt und ihr Ende?" / "Dass sie sehr verliebt war und es also aus Liebeskummer getan hätte. Aber von Carla gab es dann noch das Döschen, wo sie Gift drin gehabt hat." / "Das muss ja ein drastischer Tod gewesen sein mit Gurgeln und Gift und Schmerz?" - "Entsetzlich, entsetzlich. Ach Gott, ach Gott!" / "Was der Tod in ihrer Familie angerichtet hat, wie verstehen Sie das, so viele Tote?" Elisabeth Mann Borgese seufzt.

Der Literaturwissenschaftler Willi Jasper hat sich nun als erster mit dem Leben und Leiden von Carla Mann beschäftigt. Er hat sich auf Spurensuche begeben und Dokumente ausgegraben. So auch die letzte Notiz Carla Manns, die in französischer Sprache an ihren Verlobten gerichtet ist: "Ich liebe dich, ich habe dich an einem Abend betrogen, dennoch liebe ich dich."

Wer war diese Carla und warum hat sie sich umgebracht?

Von links: Heinrich, Thomas, Julia und Carla Mann um 1885. © dpa-Bildarchiv
Carla Mann (2.v.r.) mit ihren Brüdern Heinrich (l.), Thomas (M.) und ihrer Schwester Julia um 1885.

Sie wächst als jüngere Schwester von Heinrich und Thomas Mann auf, ist als Kind oft krank und schwächlich. Ehe und Bürgertum sind nichts für sie. Sie will ein Leben in der Bohème, Künstlerin sein. Und so tingelt sie als Schauspielerin von einer Provinzbühne zur anderen. Ein anstrengendes Leben - fast ohne Erfolg und mit wenig Geld.

Ihr Bruder Thomas lehnt dieses Leben ab. Er spricht nur verächtlich von ihren Ambitionen, lästert über ihre Schauspielkünste. Ihrem Bruder Heinrich dagegen steht sie sehr nahe, vielleicht zu nahe. "Ganz offensichtlich hatte die Familie Angst, dass irgendwelche Inzest-Geheimnisse auf den Markt kommen", sagt Jasper. "Und offensichtlich war das Verhältnis zwischen Carla und ihrem älteren Bruder Heinrich sehr eng, sodass man so etwas nicht ausschließen kann. In seinen Novellen und in einigen Romanen findet man dazu mehr als in den Archiven natürlich."

Carla und ihr Bruder Heinrich

Heinrich ist für Carla die wichtigste Stütze, ihm vertraut sie alles an, schreibt ihm über ihr Leben, ihre zumeist unglücklichen Amouren. Und er? Er schlachtet das gnadenlos aus - für seine literarischen Werke.

"Heinrich hat sie angehalten, die Briefe so zu verfassen, dass er sie für seine Novelle verwenden kann", berichtet der Autor. "Das hat sie auch getan. Sie hat ihn regelrecht aufgefordert, dass er das benutzen solle, und anschließend hat sie dann aber auch wiederum in dieser Wechselwirkung so gelebt, wie einige Novelle-Heldinnen. Es gibt eine ganze Reihe von Vorbildern an Frauen, Musen von Künstlern, die ähnlich gestorben sind wie Carla."

Fünf Jahre vor ihrem Tod verlobt sich ihr Bruder Heinrich. Eine Katastrophenmeldung für Carla. Er entgleitet ihr immer mehr, braucht sie auch nicht mehr als literarische Vorlage.

Zyankali kurz vor der Hochzeit

Als sie im Theater in Mülhausen ein Engagement hat, lernt sie Arthur Gibo kennen. Sie verloben sich. Doch dann droht die Heirat zu platzen: Die Mutter ihres Verlobten hatte einfach gehofft, dass Carla mehr Geld mit in die Ehe bringt. Aber es kommt noch schlimmer: "Dann muss es zu diesem Skandal gekommen sein. Anders kann ich es mir nicht erklären. Es war nicht nur eine reine Finanzfrage, sondern die Distanzierung der Familie Gibo von Carla hatte wohl auch etwas damit zu tun, dass sie eventuell schwanger war - und zwar nicht von Gibo selbst - und dass man versuchte, sich von ihr zu distanzieren", vermutet Jasper.

Heinrich (r.) und Thomas Mann 1940 in New York. © picture-alliance/ dpa Foto: Keystone
Heinrich (r.) und Thomas Mann 1940 in New York.

Nach einer letzten missglückten Aussprache mit ihrem Verlobten geht Carla die Treppe zu ihrem Zimmer hoch, schließt die Tür ab und schluckt Zyankali. Ihr Bruder Heinrich ist schockiert, gibt sich selbst auch die Schuld an ihrem Tod. Zunächst, wie Jasper sagt: "In der ersten Phase ging es ihm sehr schlecht, dann hat er sehr schnell fußgefasst und hat innerhalb kürzester Zeit ihr Leben und ihren Tod vermarktet, indem er das Theaterstück 'Schauspielerin' gemacht hat. In München gab es eine Aufführung, die für Eingeweihte sehr gespenstisch war, weil dort in der ersten Reihe beide Brüder saßen und ganz vehement Beifall klatschten bei all diesen tragischen Szenen. Sie haben offensichtlich beide versucht diese Szenen auch noch nach dem Tod, also in einem gewissen Nachspiel zu vermarkten."

Carla Mann - ein wahrlich tragisches Schicksal im Schatten der berühmten Brüder.

(Beitrag: Melanie Thun)

Carla Mann. Das tragische Leben im Schatten der Brüder

von Willi Jasper
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Propyläen
Bestellnummer:
978-3549074060
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 29.10.2012 | 22:45 Uhr

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