Stand: 18.07.2019 17:00 Uhr

Der Raketen-Held, der in Hamburg strandete

Arthur Rudolph gilt als einer der Väter der Mondlandung - hier zeigt er ein Modell der von ihm entwickelten "Saturn V"-Rakete.

Die Amerikaner feiern in diesen Tagen den 50. Jahrestag der Mondlandung der "Apollo 11"-Mission im Sommer 1969. Was die wenigsten wissen: Einer der Raketen-Wissenschaftler, der entscheidend zu dem Triumph der USA beiträgt, ist der gebürtige Deutsche Arthur Rudolph. In den 80er-Jahren muss er aber die USA wegen seiner Nazi-Vergangenheit verlassen. In Hamburg leitet die Staatsanwaltschaft daraufhin ein Ermittlungsverfahren gegen Rudolph ein. Die Ermittlungsakten sind nach 30 Jahren nun freigegeben.

Am 25. Mai 1984 betritt ein älterer Herr das US-Generalkonsulat am Alsterufer in Hamburg. Kaum ein Spaziergänger wird den Mann mit schütterem Haar beachtet haben. In den USA ist er ein Held, hierzulande kennt ihn niemand. Arthur Rudolph ist Raketen-Ingenieur, einer der besten auf der Welt. Er hat die Trägerrakete "Saturn V" für die Mondlandung im Sommer 1969 entwickelt. Der gebürtige Deutsche ist in den Vereinigten Staaten für seine Verdienste reich dekoriert worden, auch von der NASA. Aber im März 1984 muss er die USA verlassen, weil ihn seine Nazi-Vergangenheit eingeholt hat. Die USA werfen ihm vor, im Dritten Reich bei der Drangsalierung und Verfolgung von Zwangsarbeitern mitgewirkt zu haben. Im US-Generalkonsulat wird der 77-Jährige an diesem Tag im Mai 1984 auf seine US-Staatsbürgerschaft verzichten. So sieht es eine Vereinbarung mit dem US-Justizministerium vor. Rudolph darf nie wieder in die USA einreisen. Im Gegenzug zahlen ihm die Amerikaner weiter seine Rente.

Erdgeschoss-Wohnung mit Terrasse

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In diesem Haus im Hamburger Stadtteil Wellingsbüttel wohnt Arthur Rudolph nach seiner Rückkehr aus den USA.

Und so lebt Arthur Rudolph nun zusammen mit seiner Ehefrau Martha in einem Mehrfamilienhaus im Hamburger Stadtteil Wellingsbüttel. In einer ruhigen Straße. Die Adresse: Classenweg 50. Sie mieten eine Wohnung im Erdgeschoss, Terrasse nach hinten raus - mit Blick ins Grüne. Dass das Ehepaar Rudolph ausgerechnet nach Hamburg zieht, hat einen einfachen Grund: Dort lebt die Schwester von Martha Rudolph. Die einzige Tochter bleibt in den USA.

Die Staatsanwälte werden hellhörig

Arthur Rudolph ist nun ein Staatenloser. Seine deutsche Staatsbürgerschaft hatte er bei seiner Einbürgerung in den USA im November 1954 aufgegeben. Also beantragt er am 1. Juli 1984 in Hamburg seine Wiedereinbürgerung. Aber die Dinge laufen nicht so, wie es sich der Ruheständler ausgemalt hat. Das Auswärtige Amt in Bonn bekommt Mitte Oktober 1984 vom US-Botschafter den Hinweis, dass sie einen Ex-Nazi ausgebürgert haben. Kurz darauf werden auch die Hamburger Behörden eingeschaltet: Ob sie wüssten, wo in der Stadt sich ein gewisser Arthur Rudolph aufhält? Die Polizei findet schnell seine Wohnadresse heraus. Die Hamburger Staatsanwaltschaft wird hellhörig: Warum musste Rudolph aus den USA ausreisen? Welche Vorwürfe hat das US-Justizministerium gegen ihn?

Das bewegte Leben von Arthur Rudolph

"Hetzkampagne der Presse"

Auch die Presse bekommt Wind von der Geschichte. "Meine Familie und ich werden von Presse, Rundfunk und Fernsehen rücksichtslos bedrängt", klagt Rudolph. "Völlig unbegründete Anschuldigungen" würden gegen ihn erhoben, er habe niemals irgendwelche Verbrechen begangen. Tatsächlich liegt bis dahin kein belastendes Material gegen Arthur Rudolph vor, auch nicht bei der Zentralstelle für die Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg.

Ist Rudolph für Tötungshandlungen verantwortlich?

Angesichts der Vorwürfe in den USA leitet aber der Hamburger Oberstaatsanwalt Harald Duhn am 30. Oktober 1984 ein sogenanntes Vorermittlungsverfahren ein: "zur Klärung der Frage, ob Arthur Rudolph im Zusammenhang mit seiner früheren Tätigkeit für Tötungshandlungen verantwortlich ist und ob konkrete Beweise für eine Verstrickung in NS-Gewaltverbrechen zur Verfügung stünden." Duhn notiert am 18.12.1984: "Herr Rudolph ist an öffentlicher Rehabilitation interessiert. Ich habe ihm deshalb versprochen, ihn in jedem Fall über den Ausgang der Sache zu unterrichten." Die Hamburger Ermittler fragen in den USA an. Welche Angaben hat Rudolph bei den Vernehmungen in den USA gemacht?

"Jagd auf die Helden von gestern" in den USA

Der Stimmungswandel in den USA gegenüber den deutschen Raketen-Ingenieuren beginnt Anfang der 80er-Jahre. Im Justizministerium wird 1979 die Sonderermittlungsbehörde OSI (Office of Special Investigations) zur Aufspürung von Nazi-Kriegsverbrechern im Land gegründet: Die Ermittler nehmen auch die Vergangenheit der Wissenschaftler aus Deutschland unter die Lupe. Das Nachrichtenmagazin "Stern" spricht von einer "Jagd auf die Helden von gestern". Die "Washington Post" schreibt, dass die Untersuchungen überfällig seien: "Unter den dummen und schändlichsten Entscheidungen, die von den Vereinigten Staaten zuweilen getroffen wurden, sind nur wenige noch anstößiger als die Rekrutierung von Nazi-Raketen-Ingenieuren." Und einer dieser Raketen-Ingenieure mit Nazi-Vergangenheit ist Arthur Rudolph.

Rudolphs Karriere beginnt in Peenemünde

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Auf dem Gelände des Historisch-Technischen Museums Peenemünde ist der Nachbau einer V2-Rakete zu sehen.

Den Grundstein für seine Karriere hat er in Norddeutschland gelegt. In Peenemünde auf der Insel Usedom arbeitet er seit 1937 an der Seite des legendären Raketen-Wissenschaftlers Wernher von Braun zusammen an dem Bau von Raketen für die Nationalsozialisten. Von Braun ist für die Entwicklung verantwortlich, Rudolph für die serielle Produktion. "Arthur Rudolph war für die Raketen-Produktion der Nationalsozialisten eine ganz wichtige und zentrale Figur, auch schon in Peenemünde", sagt Philipp Aumann, der Kurator des Historisch-Technischen Museums Peenemünde. "Er ist in Peenemünde auch ganz aktiv auf die SS zugegangen, um KZ-Häftlinge für die Raketen-Produktion einzusetzen."

Als die Briten die Anlagen in Peenemünde im August 1943 bei der "Operation Hydra" mit Luftangriffen stark beschädigen, weichen die Nationalsozialisten mit der Raketen-Produktion in unterirdische Stollen im Harz nahe Nordhausen in Thüringen aus. Für Rudolph beginnt nun die Zeit, die ihm später zum Verhängnis werden sollte.

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NDR 90,3 | Kulturjournal | 18.07.2019 | 19:00 Uhr

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