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Der Raketen-Held, der in Hamburg strandete

Stand: 07.06.2022 14:20 Uhr

Als Raketen-Ingenieur ist der gebürtige Deutsche Arthur Rudolph einer der Väter der Mondlandung. Als ihn seine Nazi-Vergangenheit einholt, zieht er aus den USA nach Hamburg. Dort leitet die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein.

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de

Am 25. Mai 1984 betritt ein älterer Herr das US-Generalkonsulat am Alsterufer in Hamburg. Kaum ein Spaziergänger wird den Mann mit schütterem Haar beachtet haben. In den USA ist er ein Held, hierzulande kennt ihn niemand. Arthur Rudolph ist Raketen-Ingenieur, einer der besten auf der Welt. Er hat die Trägerrakete "Saturn V" für die Mondlandung im Sommer 1969 entwickelt. Der gebürtige Deutsche ist in den Vereinigten Staaten für seine Verdienste reich dekoriert worden, auch von der NASA. Aber im März 1984 muss er die USA verlassen, weil ihn seine Nazi-Vergangenheit eingeholt hat. Die USA werfen ihm vor, im Dritten Reich bei der Drangsalierung und Verfolgung von Zwangsarbeitern mitgewirkt zu haben. Im US-Generalkonsulat wird der 77-Jährige an diesem Tag im Mai 1984 auf seine US-Staatsbürgerschaft verzichten. So sieht es eine Vereinbarung mit dem US-Justizministerium vor. Rudolph darf nie wieder in die USA einreisen. Im Gegenzug zahlen ihm die Amerikaner weiter seine Rente.

Zuflucht in Hamburg: Erdgeschoss-Wohnung mit Terrasse

Das Wohnhaus von Arthur Rudolph in Hamburg  Foto: Marc-Oliver Rehrmann
In diesem Haus im Hamburger Stadtteil Wellingsbüttel wohnt Arthur Rudolph nach seiner Rückkehr aus den USA.

Und so lebt Arthur Rudolph nun zusammen mit seiner Ehefrau Martha in einem Mehrfamilienhaus im Hamburger Stadtteil Wellingsbüttel. In einer ruhigen Straße. Die Adresse: Classenweg 50. Sie mieten eine Wohnung im Erdgeschoss, Terrasse nach hinten raus - mit Blick ins Grüne. Dass das Ehepaar Rudolph ausgerechnet nach Hamburg zieht, hat einen einfachen Grund: Dort lebt die Schwester von Martha Rudolph. Die einzige Tochter bleibt in den USA.

Die Staatsanwälte werden hellhörig

Arthur Rudolph ist nun ein Staatenloser. Seine deutsche Staatsbürgerschaft hatte er bei seiner Einbürgerung in den USA im November 1954 aufgegeben. Also beantragt er am 1. Juli 1984 in Hamburg seine Wiedereinbürgerung. Aber die Dinge laufen nicht so, wie es sich der Ruheständler ausgemalt hat. Das Auswärtige Amt in Bonn bekommt Mitte Oktober 1984 vom US-Botschafter den Hinweis, dass sie einen Ex-Nazi ausgebürgert haben. Kurz darauf werden auch die Hamburger Behörden eingeschaltet: Ob sie wüssten, wo in der Stadt sich ein gewisser Arthur Rudolph aufhält? Die Polizei findet schnell seine Wohnadresse heraus. Die Hamburger Staatsanwaltschaft wird hellhörig: Warum musste Rudolph aus den USA ausreisen? Welche Vorwürfe hat das US-Justizministerium gegen ihn?

"Hetzkampagne der Presse"

Auch die Presse bekommt Wind von der Geschichte. "Meine Familie und ich werden von Presse, Rundfunk und Fernsehen rücksichtslos bedrängt", klagt Rudolph. "Völlig unbegründete Anschuldigungen" würden gegen ihn erhoben, er habe niemals irgendwelche Verbrechen begangen. Tatsächlich liegt bis dahin kein belastendes Material gegen Arthur Rudolph vor, auch nicht bei der Zentralstelle für die Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg.

Ist Rudolph für Tötungshandlungen verantwortlich?

Angesichts der Vorwürfe in den USA leitet aber der Hamburger Oberstaatsanwalt Harald Duhn am 30. Oktober 1984 ein sogenanntes Vorermittlungsverfahren ein: "zur Klärung der Frage, ob Arthur Rudolph im Zusammenhang mit seiner früheren Tätigkeit für Tötungshandlungen verantwortlich ist und ob konkrete Beweise für eine Verstrickung in NS-Gewaltverbrechen zur Verfügung stünden." Duhn notiert am 18. Dezember 1984: "Herr Rudolph ist an öffentlicher Rehabilitation interessiert. Ich habe ihm deshalb versprochen, ihn in jedem Fall über den Ausgang der Sache zu unterrichten." Die Hamburger Ermittler fragen in den USA an. Welche Angaben hat Rudolph bei den Vernehmungen in den USA gemacht?

"Jagd auf die Helden von gestern" in den USA

Der Stimmungswandel in den USA gegenüber den deutschen Raketen-Ingenieuren beginnt Anfang der 80er-Jahre. Im Justizministerium wird 1979 die Sonderermittlungsbehörde OSI (Office of Special Investigations) zur Aufspürung von Nazi-Kriegsverbrechern im Land gegründet: Die Ermittler nehmen auch die Vergangenheit der Wissenschaftler aus Deutschland unter die Lupe. Das Nachrichtenmagazin "Stern" spricht von einer "Jagd auf die Helden von gestern". Die "Washington Post" schreibt, dass die Untersuchungen überfällig seien: "Unter den dummen und schändlichsten Entscheidungen, die von den Vereinigten Staaten zuweilen getroffen wurden, sind nur wenige noch anstößiger als die Rekrutierung von Nazi-Raketen-Ingenieuren." Und einer dieser Raketen-Ingenieure mit Nazi-Vergangenheit ist Arthur Rudolph.

Rudolphs Karriere beginnt in Peenemünde

Nachbau einer V2-Rakete auf dem Gelände des Historisch-Technischen Museums Peenemünde © picture alliance/dpa Foto: Eventpress Hoensch
Auf dem Gelände des Historisch-Technischen Museums Peenemünde ist der Nachbau einer V2-Rakete zu sehen.

Den Grundstein für seine Karriere hat er in Norddeutschland gelegt. In Peenemünde auf der Insel Usedom arbeitet er seit 1937 an der Seite des legendären Raketen-Wissenschaftlers Wernher von Braun zusammen an dem Bau von Raketen für die Nationalsozialisten. Von Braun ist für die Entwicklung verantwortlich, Rudolph für die serielle Produktion. "Arthur Rudolph war für die Raketen-Produktion der Nationalsozialisten eine ganz wichtige und zentrale Figur, auch schon in Peenemünde", so Philipp Aumann, Kurator des Historisch-Technischen Museums Peenemünde, vor einiggen Jahren gegenüber dem NDR: "Er ist in Peenemünde auch ganz aktiv auf die SS zugegangen, um KZ-Häftlinge für die Raketen-Produktion einzusetzen."

Als die Briten die Anlagen in Peenemünde im August 1943 bei der "Operation Hydra" mit Luftangriffen stark beschädigen, weichen die Nationalsozialisten mit der Raketen-Produktion in unterirdische Stollen im Harz nahe Nordhausen in Thüringen aus. Für Rudolph beginnt nun die Zeit, die ihm später zum Verhängnis werden sollte.

KZ Mittelbau-Dora: Wo Zwangsarbeiter schuften

Eingang zum unterirdischen V2-Werk im Kohnstein bei  Nordhausen (Thüringen). © picture-alliance Foto: picture-alliance
Im KZ Mittelbau-Dora mussten Zehntausende Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie schuften - in unterirdischen Bergstollen.

Nach seiner Zeit in Peenemünde zieht Arthur Rudolph in den Harz. Von September 1943 bis April 1945 ist er technischer Betriebsdirektor des Staatsunternehmens Mittelwerk. Seine Aufgabe hat sich nicht geändert: Er soll Hitlers "Vergeltungswaffe" - die Langstreckenrakete V2 - in möglichst hoher Stückzahl herstellen. Nur der Ort ist anders: Die Fertigung erfolgt im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Die Arbeits- und Lebensbedingungen im KZ Mittelbau-Dora sind so grausam, dass sogar Albert Speer, der das System der Zwangsarbeiter organisiert hatte, sie in seinen Erinnerungen als "barbarisch" bezeichnet. Etwa 20.000 Menschen kommen ums Leben.

Mittelbau-Dora: Ein KZ für die Rüstungsindustrie

"Etwa jeder zehnte KZ-Häftling dort war in der Waffenproduktion beschäftigt", so Historiker Aumann. "Den Häftlingen in der Raketen-Fertigung ging es klar besser als denjenigen, die beispielsweise die Tunnel graben mussten. Damit hat sich Rudolph auch wiederholt herausgeredet."

In der Tat ist nach 1945 von Rudolph immer wieder der Satz zu hören: Er habe damals alles in seiner Macht Stehende getan, um die Bedingungen für die Zwangsarbeiter zu mildern. "Rudolph gehörte zur sogenannten Funktionselite im Dritten Reich. Wenn er sich später von den Gräueltaten distanzierte, so ist das nicht glaubwürdig."

Mit offenen Armen empfangen

Wenige Wochen vor Kriegsende geben die Nationalsozialisten das KZ Mittelbau-Dora auf, Rudolph flüchtet am 8. April 1945 nach Bayern. Von Mai bis Juli 1945 ist er in Garmisch-Partenkirchen in einem Lager der US-Armee untergebracht. Als Raketen-Wissenschaftler ist er heiß begehrt bei den Alliierten. Von Juli bis Oktober 1945 arbeitet er für die Operation "Backfire" der Briten, bei der auch Raketenstarts in der Nähe von Cuxhaven durchgeführt werden. Anschließend bescheinigen die Briten dem Deutschen: "Es besteht kein Zweifel, dass Rudolph ein Raketen-Ingenieur der höchsten Güte ist." Aber kurz darauf sichern sich die Amerikaner seine Dienste.

Am 22. November 1945 unterzeichnet Rudolph einen Arbeitsvertrag mit der US-Armee "als Mitglied der Dr. von Braun-Gruppe". Am 6. Dezember 1945 reist er in die USA ein. Seine Frau und und seine Tochter kommen 1947 nach.

Rudolphs Einbürgerung im nationalen Interesse

Die Ausweisseite von dem deutscher Raketeningenieur Arthur Rudolph. © picture alliance / AP Images
Arthur Rudolph tritt 1931 der NSDAP bei - zwei Jahre vor der "Machtergreifung" Hitlers.

Seine Nazi-Vergangenheit ist für Rudolph damals kein Problem. Dabei war er schon seit 1931 NSDAP-Mitglied, also zwei Jahre vor der "Machtergreifung": "Aus Angst, dass die Kommunisten an die Macht kämen, trat ich der NSDAP bei, um, wie ich glaubte, die westliche Kultur zu bewahren", schildert Rudolph im Rückblick. So wird er auch kurz nach Kriegsende in einem US-Dokument als "hundertprozentiger Nazi, gefährlicher Typ, Sicherheitsrisiko" eingestuft. Aber die US-Regierung sieht zu Beginn des Kalten Krieges bewusst über die Warnung hinweg. Im September 1948 heißt es dann in einem Geheimdienst-Bericht: Rudolph sei "kein glühender Nazi und wäre bei Entnazifizierung wahrscheinlich als Mitläufer eingestuft" worden. Und das Justizministerium hält fest: Ein Scheitern der Einbürgerung Rudolphs wäre "ein Nachteil für die nationalen Interessen". Zu wertvoll ist sein Wissen für das US-Militär. Später profitiert die NASA von seinem Know-how, bis Rudolph am 31. Januar 1969 freiwillig in den Ruhestand geht.

Ermittlungen in den USA

13 Jahre später interessieren sich die Ermittler des US-Justizministeriums für die Nazi-Vergangenheit des gefeierten Raketen-Ingenieurs. Im Herbst 1982 wird Rudolph zum ersten Mal stundenlang befragt, im Februar 1983 folgt eine zweite Vernehmung. Welche Taten ihm zur Last gelegt werden, erfährt Rudolph zunächst nicht. Er ist gesundheitlich angeschlagen, einen Herzanfall hat er erst kurz zuvor überstanden. Einem möglichen Gerichtsverfahren sieht er sich nicht gewachsen. "Es würde sich auf Jahre hinziehen und alle meine finanziellen Mittel übersteigen", bemerkte Rudolph später. Zudem sei es unmöglich Entlastungszeugen vorzuweisen: "Die mir noch bekannten Arbeitskollegen sind gestorben", stellt Rudolph ernüchtert fest. Und so steigt er im März 1984 mit seiner Frau in ein Flugzeug nach Deutschland - mit dem Ziel Hamburg.

Duhn leitet in Hamburg Ermittlungen ein

In der Hansestadt entscheidet Oberstaatsanwalt Duhn am 27. Juni 1985, ein Ermittlungsverfahren gegen Arthur Rudolph einzuleiten - wegen Beihilfe zum Mord. Die Aussagen Rudolphs, die er 1947 "als Zeuge eines amerikanischen Militärgerichtsverfahrens wie auch als Betroffener des gegen ihn gerichteten Ausbürgerungsverfahrens gemacht hatte, begründeten den Anfangsverdacht noch verfolgbarer Straftaten". Grundlage für diese Entscheidung ist die Post aus Washington, die kurz zuvor in Hamburg eingetroffen ist. Darin sind enthalten: die Vernehmungsprotokolle mit den Aussagen Rudolphs über seine Nazi-Vergangenheit.

Jürgen Rieger: Ein Neonazi als Verteidiger

Die Ausbürgerung Rudolphs erklärt das US-Justizministerium in einem Schreiben an die deutschen Behörden so: "Das Beweismaterial, das wir bei den Ermittlungen im Fall Rudolph zusammengetragen haben, war mehr als ausreichend, um Beihilfe bei der Verfolgung von Zwangsarbeitern nachzuweisen. Ob es nach Ihrem Recht als Beweis für Mord ausreicht, ist selbstverständlich von Ihnen zu entscheiden."

"Ich denke, es waren Russen"

Die zerstörte Stratford Street in London nach dem Einschlag einer deutschen "V2"-Rakete (1945). © picture-alliance Foto: picture-alliance
Diese historische Aufnahme zeigt Zerstörungen, die eine V2-Rakete in London angerichtet hat.

Was geschah vom September 1943 bis April 1945 im KZ Mittelbau-Dora, wo Zwangsarbeiter unter der technischen Leitung von Arthur Rudolph Raketen fertigen mussten? Hamburgs Oberstaatsanwalt Duhn interessiert mehr als 40 Jahre später nur eine Frage: Welche Rolle hat Rudolph bei der Erhängung von Zwangsarbeitern gehabt? Die SS tötete sie wegen angeblicher Sabotage auf besonders bestialische Weise: Zur Abschreckung mussten die anderen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge bei den Hinrichtungen zusehen.

Die Hamburger Ermittler wissen: Rudolph hat bei Vernehmungen in den USA eingeräumt, zumindest bei einer Erhängung von Zwangsarbeitern anwesend gewesen zu sein. Sechs bis zwölf Männer seien hingerichtet worden. "Ich denke, es waren Russen", sagte Rudolph. Er sei nicht die ganze Zeit bei der Hinrichtung anwesend gewesen.

200 Häftlinge unter seiner Kontrolle

Wie aus den Hamburger Ermittlungsakten hervorgeht, schilderte Rudolph den US-Ermittlern, dass er bei der Raketen-Produktion unter hohem Druck gestanden habe: "Es gab immer eine Deadline, immer den Wunsch nach mehr Häftlingen." Auf die Frage, wie viele Häftlinge unter seiner Kontrolle standen, antwortete Rudolph: bis zu 200 Häftlinge am Tag. Er habe keinen Häftling gesehen, der an Hunger gestorben ist. "Ich habe nicht gesehen, wie sie bestraft, geschlagen oder erschossen wurden", gab Rudolph in den USA zu Protokoll. Gegenüber den Hamburger Ermittlern verweigert er die Aussage.

100 Zeugen in aller Welt befragt

Die Hamburger Staatsanwälte sind also auf Zeugen-Aussagen angewiesen. "Es wird versucht, Zeugen zu ermitteln, die Rudolph beobachtet haben und sagen können, welchen Anteil er an der Verfolgung von sogenannten Saboteuren gehabt hat", notiert der Oberstaatsanwalt. Rund 100 Zeugen werden im Zuge der Ermittlungen vernommen, unter anderem in den USA, Australien und Israel. Das Ergebnis ist allerdings mager. Im November 1985 stellt die Hamburger Staatsanwaltschaft ernüchtert fest: "Bei den bisherigen Ermittlungen hat sich ergeben, dass der Beschuldigte den KZ-Häftlingen jedenfalls namentlich kaum bekannt war. Aus den Kreisen der ehemaligen Mitarbeiter, seien es andere Ingenieure oder Bürogehilfen, sind keine belastenden Aussagen zu erlangen gewesen. Vielmehr besteht deutlich der Eindruck einer gewissen Solidarisierung mit dem Beschuldigten."

Arthur Rudolph spricht nach einem Gerichtstermin in Toronto in das Mikrofon eines Reporters. © CBC
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Rudolph beteuert weiter seine Unschuld. Er benennt Entlastungszeugen, die aber aus Sicht der Staatsanwaltschaft "nichts konkret Entlastendes erbracht haben". Der Tatverdacht sei jedoch so gering, dass es einer Entlastung auch nicht mehr bedarf, notiert Duhn in den Akten.

Bitte um Mithilfe an die UdSSR

Im Januar 1986 geht der Oberstaatsanwalt davon aus, dass er das Verfahren gegen Rudolph schon bald einstellt. Aber da kommt ihm die Hamburger Justizsenatorin Eva Leithäuser in die Quere: Sie will noch das sowjetische Generalkonsulat um Mithilfe bei den Ermittlungen bitten. Duhn spricht sich dagegen aus: Es sei "äußerst unwahrscheinlich, dass sowjetische Häftlinge Rudolph von Person kannten und mit dem Namen konkrete tatrelevante Erinnerungen verbinden können." Zudem sei Eile geboten, weil von dem Verfahren "die Entscheidung über die Staatsbürgerschaft von Rudolph abhängt". 

Aber die Senatorin lässt sich nicht beirren und schreibt Ende Januar 1986 an den Generalkonsul in Hamburg, ob den sowjetischen Behörden Erkenntnisse über das KZ Mittelbau-Dora vorliegen, "welche für die schwierige Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft Hamburg von Nutzen sein könnten". Dieser Schritt verzögert den Abschluss des Verfahrens um ein ganzes Jahr, ohne dass die Sowjets etwas Handfestes beitragen können.

Aus Mangel an Beweisen

Und so stellt der Oberstaatsanwalt das Ermittlungsverfahren gegen Arthur Rudolph am 17. Februar 1987 mangels Beweisen ein. Anklage wird nicht erhoben. Der Presse teilt Duhn mit: "Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass Rudolph wusste, dass den Häftlingen im Mittelwerk Unrecht geschah." Er sei im Vorfeld an der Auswahl von Häftlingen, die der Sabotage verdächtigt und getötet wurden, beteiligt gewesen. "Die Vorwürfe sind allerdings zu pauschal und im Detail nicht beweisbar gewesen, für einen Mordvorwurf reichten sie nicht aus", bilanziert der Oberstaatsanwalt. Daraufhin wird Arthur Rudolph am 17. März 1987 eingebürgert. Nach knapp 33 Jahren ist er wieder deutscher Staatsangehöriger.

"Keinerlei moralische Bewertungen"

Bei einem persönlichen Treffen macht Duhn dem früheren Raketen-Ingenieur aber klar, dass die Einstellung des Verfahrens "nicht eine Reinwaschung bedeute und dass keinerlei moralische Bewertungen anstanden".

"Heftige Angriffe aus den USA"

Eli Rosenbaum, Mitarbeiter des US-Justizministeriums, gibt dem ARD-Magazin "Panorama" ein Interview.
US-Sonderermittler Eli Rosenbaum kritisiert, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft keine Anklage gegen Rudolph erhebt.

In den USA stößt die Entscheidung der Hamburger Ermittler, das Verfahren gegen Rudolph einzustellen, auf Unverständnis. Oberstaatsanwalt Duhn sieht sich "heftigen Angriffen" vonseiten der Sonderabteilung OSI im US-Justizministerium ausgesetzt, die ihrerseits im Ausbürgerungsverfahren gegen Rudolph ermittelt hat. "Es ist sehr enttäuschend, dass sich die deutschen Behörden gegen eine strafrechtliche Verfolgung entschieden haben", urteilt damals der spätere OSI-Direktor Eli Rosenbaum.

Konkret beweisbare Schuld

Duhn rechtfertigt sich, indem er auf die grundsätzlichen Unterschiede zwischen einem Ausbürgerungsverfahren und einem Strafverfahren hinweist: "Das deutsche Strafrecht setzt für eine Anklageerhebung eine konkret beweisbare persönliche Schuld voraus, an der es in diesem Fall gefehlt hat." Die Ermittlungen hätten zudem auf die Teilnahme an der Ermordung von Häftlingen beschränkt bleiben müssen, weil die Verfolgung anderer Vorwürfe wie zum Beispiel Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Nötigung verjährt ist.

USA verweigern Rudolph Einreise

Rudolph hängt noch seiner erfolgreichen Zeit in den USA nach. Als 1989 die Feierlichkeiten für den 20. Jahrestag der Mondlandung anstehen, will der Rentner in die USA reisen. Aber die US-Regierung verweigert ihm ein Visum. Er scheitert auch mit seinem Versuch, die US-Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen. Die Amerikaner hatten ihm zudem 1987 die von der NASA verliehene Medaille für seine Verdienste um die Mondlandung wieder weggenommen. Der frühere Raketen-Ingenieur ist seinen Heldenstatus in den USA endgültig los, auch wenn viele frühere Weggefährten weiter zu ihm halten.

Auch Kanada-Reise floppt

Arthur Rudolph spricht nach einem Gerichtstermin in Toronto in das Mikrofon eines Reporters. © CBC
Der kanadische Fernsehsender CBC berichtet am 6. Juli 1990 über Arthur Rudolph, der am Flughafen Toronto von den Behörden festgehalten wird.

Um ihre Tochter wiederzusehen, die weiterhin in den USA lebt, fliegt das Ehepaar Rudolph im Juli 1990 nach Kanada. Dort ist ein Familien-Treffen geplant. Doch da Arthur Rudolph nach wie vor auf einer US-Liste gesuchter Personen steht, wird er bei seiner Ankunft auf dem Flughafen Toronto von den kanadischen Behörden festgehalten - und schließlich ausgewiesen.

Den Nachbarn nichts erzählt

Sein Hamburger Nachbar Hermann Ross erinnert sich noch gut an Arthur Rudolph, mit dem er neun Jahre lang Tür an Tür gewohnt hat - und den er 1993 zu seiner Hochzeit eingeladen hat: "Ich habe nicht geahnt, dass Herr Rudolph ein Raketen-Wissenschaftler war, der auch für die Nazis gearbeitet hat. Darüber hat er nie gesprochen", erzählt der damals 79-Jährige vor einigen Jahren NDR.de. Erst nachdem Rudolph zusammen mit seiner Frau in ein nahegelegenes Altenheim gezogen ist, erfährt Ross über Umwege von dessen bewegtem Leben.

Tod am Neujahrstag

Im Altenheim verbringt Arthur Rudolph seine letzten beiden Lebensjahre. In der Nacht zum 1. Januar 1996 stirbt er im Alter von 89 Jahren nach einem weiteren Herzanfall.

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NDR 90,3 | Kulturjournal | 18.07.2019 | 19:00 Uhr

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