Pitt Venherm und Olaf Schulz im Porträt.

Pitt und Olaf - 30 Jahre deutsch-deutsche Freundschaft

Stand: 05.03.2021 09:34 Uhr

Nach dem Mauerfall begegnen sich der westdeutsche Kameramann Pitt Venhern und der ostdeutsche LPG-Traktorist Olaf Schulz im mecklenburgischen Klein Vielen. Drei Jahrzehnte später besteht ihre Freundschaft noch immer.

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, trotzdem hält ihre deutsch-deutsche Männerfreundschaft nun schon mehr als 30 Jahre: der Mecklenburger Olaf Schulz und der Westfale Peter Venherm. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt als Peter Venherm, genannt Pitt, damals Kameramann beim "RIAS Berlin", kurz nach dem Mauerfall im November 1989 nach Klein Vielen bei Neustrelitz kommt. Dort trifft er Olaf Schulz, der als Traktorist bei der örtlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) arbeitet.

Treffen in der LPG-Küche

Pitt Venherrm im Porträt.
Pitt Venherm kommt nach dem Mauerfall als Kameramann nach Klein Vielen.

Kameramann Pitt will beobachten und festhalten, wie der große Lauf der Geschichte die kleine Welt der Menschen auf dem Dorf konkret verändert. Alle paar Wochen reist er aus West-Berlin nach Klein Vielen. Treffpunkt ist die LPG-Küche. Vor der Tür wird damals heftig diskutiert: "Das ist der Ort, wo Du gestanden hast", erinnert er sich heute gemeinsam mit Olaf: "Dein Lieblingsort war hier auf der Stufe - an der Tür. Da hast Du immer gemeckert. Alle haben sie hier um dich rumgesessen." Ein stolzer Mann mit Schnauzer, der kein Blatt vor den Mund nimmt, so habe er den Traktoristen Olaf kennengelernt, meint Pitt heute. Er habe ihn an Wolf Biermann erinnert: "Der hatte auch so eine große Schnauze." Die, meint Olaf Schulz, habe er auch gebraucht. An ihm kommt damals in Klein Vielen niemand vorbei. Also heftet sich Kameramann Pitt an Olafs Fersen. Sie werden Freunde.

Von Ost-Cola und Fahnen im Müll

Ein Mann mit der D-Mark in der Hand.
Der Kameramann dokumentiert 1990, wie die D-Mark nach Mecklenburg kommt.

Im Archiv von Pitt Venherm lagern heute unzählige Film-Kassetten über das Leben in Klein Vielen. Anfangs drehte er noch im Auftrag des "RIAS Berlin", später einfach weiter. Er dokumentiert, wie sich der Ort verändert, wie im Konsum darüber beratschlagt wird, ob es nach der Währungsunion am 1. Juli 1990 mit der D-Mark wohl überhaupt noch Ost-Cola zu kaufen gibt, wie die neuen Westwaren in die Regale geräumt werden, wie in der Polytechnischen Oberschule Staatsbürgerkunde-Bücher und Fahnen im Müll entsorgt werden, wie in der LPG darüber geschimpft wird, dass die Bauernpartei mit der westdeutschen CDU fusionieren will.

"Wie ein Zusammenbruch"

Der Umbruch bringt das Alltagsleben aller im Dorf durcheinander. Filmemacher Pitt spürt auch die Unsicherheit und Zukunftsangst, kaum jemand hält damit hinter dem Berg. "In dieser Zeit war hier Anarchie. Ein Jahr später waren plötzlich die Türen zu und die Leute sind vorsichtig geworden", erinnert er sich. Auch Olaf blickt auf eine turbulente Zeit zurück: "In dem Moment war das wie ein Zusammenbruch. Da hat keiner überhaupt richtig gewusst, was passiert."

Als Spediteur durch ganz Europa

Olaf Schulz im Porträt
Olaf Schulz gründet 1990 ein eigenes Fuhrunternehmen und fährt durch ganz Europa.

Olaf Schulz packt damals sein Schicksal beim Schopf: 1990 gründet er, mit gut 6.000 D-Mark Startkapital, die ihm nach dem Umtausch geblieben sind, ein Fuhrunternehmen. Schon drei Jahre später hat er das erste Autotelefon im Dorf, fährt durch ganz Europa in 48 Stunden, hat bald 20 Lkw und genauso viele Angestellte. Pitt filmt auch Olafs Aufstieg zum Spediteur: 1990 hält er noch die ersten Fahrten im Bäckerauto fest, mit dem Olaf die kleinen Läden der Umgebung beliefert, später sitzt er auf dem großen Bock im Hamburger Hafen. Keiner, so Olaf Schulz im Sommer 1991, habe ihm den Erfolg gegönnt.

"Man wollte immer Harmonie"

Die rasanten Umbrüche im Osten lassen den Westfalen Pitt Venherm erst über seine eigene Geschichte nachdenken. Geboren 1947 in Rheda-Wiedenbrück, hätte er nie geglaubt, dass es ihn einmal nach Klein Vielen verschlägt. "Es war ja kein Krieg zu Ende, aber eine deutsche Teilung, die entstanden war durch den Krieg", sagt er heute. Was Pitt Venherm bei den Ostdeutschen vermisst hat: "Dass die Menschen keine Streitkultur hatten, man wollte immer Harmonie, die es aber gar nicht gibt" Aber, so wirft Olaf Schulz drei Jahrzehnte später ein, zu streiten habe in der DDR keiner gelernt: "Es war: Die Partei hat immer recht. Und fertig", sagt er.

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30 Jahre Männerfreundschaft

Der Osten, das war gut die Hälfte des Lebens von Olaf Schulz. Das Land, in dem er groß geworden ist, ist verschwunden: "Ich bin mehr oder weniger froh, dass ich keinen Schiffbruch erlitten habe", sagt er heute. Er glaubt, wer wirklich etwas will, könne das auch schaffen: "Man muss sich da reinknien, ob man will oder nicht."

Kameramann Pitt Venherm hat in Mecklenburg eine neue Heimat und neue Freunde gefunden, erzählt er heute: "Ich wohne schon länger in Mecklenburg, als ich jemals in Westfalen gewohnt habe." Zusammen sind sie 30 Jahre älter geworden - die deutsch-deutschen Männerfreunde.

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