Stand: 22.05.2015 10:14 Uhr  - Unsere Geschichte  | Archiv

Vom Feind zum Freund: Die Briten im Norden

von Janine Kühl, NDR.de

"Es ist unsere vorrangige Aufgabe, für Nahrung, Unterkunft und Gesundheit der Bevölkerung zu sorgen", erklärt der britische Oberbefehlshaber Bernard Law Montgomery im Juni 1945. Daneben stehen die Entnazifizierung und Demokratisierung der Deutschen ganz oben auf der Agenda der britischen Besatzer, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Kommando in den heutigen Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen übernehmen.

Das britische Militär richtet sich im Norden ein

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Über die Mönckebergstraße rücken die Briten am 3. Mai 1945 zum Hamburger Rathaus vor. Eine Ausgangssperre sorgt für menschenleere Straßen.

Gleich zu Beginn ihres Einmarsches in Norddeutschland werden die britischen Soldaten mit den Gräueltaten des Nazi-Regimes konfrontiert: Am 15. April 1945 treffen sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen auf bis aufs Skelett abgemagerte Menschen und Massengräber. Kampflos nehmen die Briten am 3. Mai Hamburg ein. Oberste Priorität hat zunächst die Sicherheit in der britischen Zone. Die Truppen müssen untergebracht, die Bevölkerung muss entwaffnet und bisherige Instanzen müssen entmachtet und ersetzt werden.

"Here is radio Hamburg, a station oft the allied military government", können die Hamburger am Abend des 4. Mai 1945 hören. Die neuen Machthaber kontrollieren alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Im Vergleich zu den übrigen Besatzungszonen kommt es zu relativ wenigen Übergriffen auf die Deutschen. Dennoch bleiben Vergewaltigungen und Plünderungen vor allem in den ersten Monaten der Besatzungszeit nicht aus. Dies belegen Anzeigen bei der Hamburger Schutzpolizei, die unter britischer Kontrolle ihre Aufgaben ausübte.

"No Germans" - fraternisieren verboten

Kontakte zwischen Briten und Deutschen gibt es zunächst fast ausschließlich auf offizieller Ebene. Es gilt das Fraternisierungsverbot. Briten dürfen privat nicht mit Deutschen sprechen, keine Deutsche heiraten, keine Geschenke verteilen oder Einladungen von Deutschen annehmen. Stattdessen errichtet die Militärregierung eine Parallelwelt für britische Soldaten und Zivilisten mit eigener Versorgung, Schulen, Unterhaltungsprogramm und Kirchen. Außerdem beschlagnahmt sie Wohnungen. Einquartierung wird diese Maßnahme genannt, die wegen der ohnehin angespannten Wohnungssituation auf wenig Verständnis trifft.

In den Hamburger S-Bahnen benutzen die Briten eigens für sie ausgewiesene Waggons, sie haben eigene Läden, Kinos, Clubs. Schilder mit der Aufschrift "Keep out", "No Germans", "Off limits" beschränken den Zugang für die Bevölkerung. Allerdings benötigt die Militärregierung deutsche Gehilfen und Amtsträger. Diese müssen auf den sogenannten Weißen Listen stehen, auf denen Gegner der Nazis beziehungsweise Unbeteiligte verzeichnet sind.

Ab Sommer 1945 lockern die Befehlshaber allmählich die Regeln. Gespräche zwischen Besatzern und Besetzten sind nun erlaubt, Beziehungen zwischen britischen Soldaten und deutschen Frauen stehen nicht mehr unter Strafe. Besuche in deutschen Wohnungen hingegen sind noch immer verboten. Unter den wachsamen Augen der Besatzer werden politische Gruppierungen und Gewerkschaften allmählich wieder aktiv.  

Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 05.11.2016 | 11:30 Uhr

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