Stand: 22.02.2016 10:22 Uhr  - NDR Info

1946 begann die neue "Zeit"

von Irene Altenmüller, NDR.de

"Die Jahre, die hinter uns liegen, haben den deutschen Leser von der Welt abgeschlossen, ihn in den Nebel der Propaganda gehüllt und der harten Sprache der Tatsachen entwöhnt. Es gilt heute, Trümmer nicht nur in den Straßen der zerbombten Städte wegzuräumen, sondern auch geistige Belastungen einer untergegangenen Epoche, und das kann nur geschehen, wenn wir den Mut haben, ungeschminkt die Wahrheit zu sagen. Nur in der Atmosphäre unbestechlicher Wahrheit kann Vertrauen erwachsen." Mit diesen Worten beschreibt die Redaktion der "Zeit" in der Erstausgabe vom 21. Februar 1946, wie sie ihre Aufgabe im vom Krieg zerstörten Deutschland sieht. Es ist der Anfang einer freien Presse in Deutschland nach zwölf Jahren NS-Diktatur.

Die Seite eins der Erstausgabe. Damals enthielt der Titelkopf noch das Hamburger Stadtwappen.

Nach einem Gewerkschaftsblatt ist "Die Zeit" die zweite in Hamburg erscheinende Zeitung nach dem Krieg. Nur acht Seiten dick ist die Erstausgabe. Erst eine Woche zuvor hatte die britische Militärregierung den vier Gründern - neben dem späteren Alleininhaber Gerd Bucerius sind das der ehemalige Hamburger Baudirektor Richard Tüngel, der frühere Verlagskaufmann Ewald Schmidt di Simoni sowie der Kunsthistoriker Lovis Lorenz - die Lizenz zur Herausgabe erteilt. Zunächst werden 25.000 Exemplare gedruckt. Sie sind für einen Preis von 40 Pfennig zu haben und finden reißenden Absatz - angeblich weniger wegen der Inhalte, sondern vor allem, weil Fisch- und Gemüsehändler das Papier dringend zum Einwickeln ihrer Ware benötigen.

Flucht und Vertreibung - Themen der ersten Ausgabe

Neben Artikeln zur ersten Tagung der Vereinten Nationen oder zur neuen Regierung in Brasilien beschäftigen sich die Autoren der ersten Ausgabe vor allem mit der Situation im zerstörten Deutschland. Auf der Titelseite zieht ein expressiver Holzschnitt den Blick auf sich: Eine Abbildung dreier Menschen - Entwurzelte, Flüchtlinge -, die auf einer Eisscholle im Meer treiben. Darunter ein Text, der heute wieder auf eigentümliche Art aktuell wirkt: "15 Millionen Menschen irren durch Deutschland  oder haben nur ein dürftiges Notquartier gefunden, Flüchtlinge aus den bombenzerschlagenen Städten, aus den kriegsverheerten Gauen, ... Ausgewiesene aus Nachbarländern."

Hamburg-Wappen weicht dem Bremer Schlüssel

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Das Pressehaus am Speersort ist bereits 1946 Sitz der "Zeit"-Redaktion. Seit Anfang 2016 heißt es Helmut-Schmidt-Haus.

Jeder Artikel geht in der Anfangszeit durch die britische Zensur. Doch nicht nur die Briten beobachten "Die Zeit", sondern auch der Hamburger Senat. Er untersagt der Zeitung die Nutzung des Hamburger Stadtwappens im Titelkopf als Missbrauch von Hoheitszeichen. Auch ein verändertes Wappen mit geöffnetem Stadttor stößt auf Missfallen. Ab Ausgabe 19 ziert daher bis heute der Schlüssel aus dem Bremer Stadtwappen den Titel - mit offizieller Erlaubnis der Stadt Bremen.

Den ersten Chefredakteur, Ernst Samhaber, entfernen die Briten bereits im August 1946 von seinem Posten. Nicht nur hatte er die britische Besatzungspolitik scharf kritisiert. Es kam auch ans Licht, dass er sowohl für NS-Zeitungen als auch für das NS-Propagandaministerium gearbeitet hatte. Als Chefredakteur folgt ihm der rechtskonservative Richard Küngel nach.

Gräfin Dönhoff bringt "Die Zeit" auf liberalen Kurs

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Marion Gräfin Dönhoff in den 60er-Jahren. Sie beginnt bei der "Zeit" 1946 mit einem Anfangssalär von monatlich 600 Mark.

Liberales Gegengewicht in der Redaktion ist Marion Gräfin Dönhoff. Sie ist ab Ausgabe 5 dabei. "Es war ein großer geistiger Aufbruch nach einer fürchterlichen Zeit der Rechtlosigkeit", erinnert sich die 2002 verstorbene spätere Chefredakteurin und Herausgeberin im Jahr 1996 an die Anfänge. Man habe den Menschen eine Orientierung geben und "eine wirklich gute Zeitung" schaffen wollen, "die Argumente liefern könnte und nicht irgendwelche Doktrin".

Unter Chefredakteur Tüngel driftet "Die Zeit" bis in die 1950er-Jahre weiter nach rechts. Als mit Carl Schmitt gar ein ehemaliger NS-Jurist in dem Blatt zu Wort kommt, kündigt Gräfin Dönhoff 1954 und kehrt erst zurück, nachdem Tüngel die Redaktion verlassen hat. Gemeinsam mit Gerd Bucerius, der ab 1957 Alleininhaber der Zeitung ist, bringt sie "Die Zeit" auf einen liberalen Kurs, den die Wochenzeitung bis heute beibehalten hat.

1983: Helmut Schmidt wird Herausgeber

In den 60er-Jahren kritisiert "Die Zeit" die starre Ostpolitik der CDU und plädiert für eine Annäherung. Später sagt Willy Brandt, "Die Zeit" habe seine Ostpolitik in Deutschland vorbereitet. 1983 wird Helmut Schmidt nach seiner Abwahl als Bundeskanzler neuer Herausgeber. "Als mich Gerd Bucerius fragte, habe ich das sehr gerne gemacht", erinnert sich Schmidt im Jahr 2006. Er sei erfreut gewesen, nach der langen Zeit als Berufspolitiker "etwas ganz anderes, etwas Neues" machen zu können.

"Die Zeit" bleibt erfolgreich

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1986 feiern Theo Sommer, Hilde von Lang, Gerd Bucerius, Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt (v. l.) den 40. Geburtstag der "Zeit".

Viele prominente Namen sind mit der "Zeit" verbunden: Neben Bucerius, Schmidt und Döhnhoff sind das unter anderem Theo Sommer, Michael Naumann und Giovanni di Lorenzo. Etliche Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller haben Gastbeiträge geschrieben. Bis heute gilt die Wochenzeitung trotz vieler Veränderungen und Anpassungen als Blatt der Akademiker und Intellektuellen - und trifft damit offenbar weiter den Geschmack der Leser. Während die meisten Zeitungen mit der Digitalisierung an Auflage verloren haben, konnte "Die Zeit" sie in den letzten Jahren sogar leicht steigern. 2015 lag sie bei knapp 512.000 Exemplaren und erreicht nach Schätzungen rund 1,6 Millionen Leser.

Sonderausgabe und "Lange Nacht" zum Jubiläum

Zu ihrem Jubiläum hat "Die Zeit" am 15. Februar eine Sonderausgabe herausgegeben, in der sie eine Rückschau auf die vergangenen 70 Jahre Berichterstattung hält. Zusätzlich wurde der Geburtstag am 20./21. Februar 2016 mit einer "Langen Nacht der Zeit" gefeiert. Bei rund 30 Veranstaltungen diskutierten Politiker, Wissenschaftler und Künstler von Wolfgang Schäuble über Maria Furtwängler bis Jan Delay über unterschiedlichste Themen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 15.02.2016 | 06:20 Uhr

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