Nackte Urlauber schieben 1973 auf dem Campingplatz in Prerow einen Wohnwagen. © NDR Foto: Hans Parczyck

Nackt und frei? FKK-Kultur in der DDR

Stand: 05.07.2021 12:35 Uhr

In der DDR gehörte FKK zum Sommerurlaub dazu. Von Ahrenshoop bis Zinnowitz war Nacktbaden für viele ein Stück Freiheit. Dagegen konnte auch die Staatsführung nichts ausrichten.

Sommer, Sonne, nackt am Strand - in der DDR gehörte das für viele zusammen. Ob an der mecklenburgischen Ostseeküste oder am sächsischen Baggersee, im Arbeiter- und Bauernstaat erfreute sich die Freikörperkultur, kurz FKK, großer Beliebtheit. Seit den 70er-Jahren gehörte der hüllenlose Badespaß an fast allen Stränden im Land dazu. 1982 gab es 40 offizielle Nacktbadestellen, 1988 waren es schon 60. Doch die meisten DDR-Bürger brauchten keinen offiziellen FKK-Strand, um sich streifenfrei zu bräunen: Nur wenige störten sich an nackten Sonnenanbetern auf dem Nachbarhandtuch, auch wenn sie selbst lieber einen Badeanzug trugen.

"Vorwiegend makellose Sitten"

Dabei war das Nacktbaden an real-sozialistischen Gewässern nicht im Sinne der prüden DDR-Obrigkeit. So betonten offizielle Veröffentlichungen in diesem Zusammenhang gerne mal die "vorwiegend makellosen Sitten", die an den FKK-Stränden vorherrschten - so als wäre nacktes Baden an sich eher ein Beweis für unsittliches Verhalten.

In den frühen Jahren der DDR hatte das FKK-Vergnügen noch für erheblichen Unmut in der Nomenklatur des Arbeiter- und Bauernstaates gesorgt. Kulturminister und FKK-Gegner Johannes R. Becher forderte 1954 gar: "Schont die Augen der Nation!" Zu diesem Zeitpunkt tobte eine Auseinandersetzung zwischen FKK-Anhängern und DDR-Führung, die im Sommer 1954 das Nackbaden offiziell verboten hatte.

FKK: Kulturkampf um die Badehose

Ein Schild mit der Aufschrift "Freikörperkultur verboten" am Strand von Warnemünde im Jahr 1953. © Bundesarchiv / CC-BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de)
"Schont die Augen der Nation!": Verbotsschild am FKK-Strand.

Zu Beginn der 50er-Jahre badete an den Ostseestränden besonders die intellektuelle Elite nackt. Autoren, Künstler, Filmemacher und auch Politiker trafen sich in der Künstlerkolonie Ahrenshoop. Als die Sommerurlauber 1954 in ihr elitäres Ferienparadies am Ostseestrand kamen, staunten sie über die Bekanntmachung, dass ab sofort das Nacktbaden an der gesamten Ostseeküste untersagt sei. Es folgte ein Sturm der Entrüstung, die geistige Elite traktierte die Staatsführung mit Eingaben und Protestschreiben. Auch Politiker schlossen sich an. So gab die DDR-Obrigkeit schnell nach - in der Künstlerkolonie blieb FKK geduldet.

Weniger tolerant war das Regime gegenüber den werktätigen Nacktbadenden. Am Strand von Prerow auf dem Darß, an dem sich schon zu dieser Zeit der legendäre FKK-Campingplatz befand, wurde das FKK-Verbot durchgesetzt. Doch auch hier hielt das Verbot nur zwei Jahre. Nach Protesten von Bürgern und Intellektuellen musste die DDR-Obrigkeit 1956 zurückrudern. Nun galt die neue "Anordnung zur Regelung des Freibadwesens", nach der hüllenloses Baden an gekennzeichneten Stränden erlaubt war.

Massenphänomen FKK

Nachdem der Freikörperkultur von offizieller Seite nun nichts mehr im Weg stand, breitete sie sich schnell in der DDR aus. Ob es daran lag, dass die DDR-Bürger sich so ein Stück Freiheit im Privaten zurückeroberten, oder ob es schlicht zu wenig modische Badekleidung gab, darüber gehen die Interpretationen auseinander. Fest steht: Urlaub am FKK-Strand war spätestens ab den Siebzigern ein Massenphänomen in der DDR.

Urlauber am FKK-Strand von Hohenwieschendorf in der Wismarer Bucht, August 1984. © Bundesarchiv / CC-BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de) Foto: Bernd Settnik
Hüllenloses Badevergnügen für Groß und Klein gehörte an DDR-Stränden dazu.

Ärger um die angemessene Menge Stoff am Strand gab es erst wieder nach der Wende 1989: Als West-Urlauber in großer Zahl die ostdeutschen Strände erkundeten, wunderten sie sich über die vielen Nackten. Zwar gab es auch in Westdeutschland eine große FKK-Bewegung, doch die Nackbadenden blieben an den ausdrücklich gekennzeichneten Badestränden - meist irgendwo hinter dem Hundestrand gelegen - für sich oder trafen sich gar auf den Geländen von FKK-Vereinen, die den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit durch einen Sichtschutz entzogen waren.

Höschenkrieg zwischen Ost und West

Ein buntes Durcheinander von Nackten und Textilen an den Stränden waren die Wessis nicht gewohnt. Die Lokalzeitungen berichteten vom "Höschenkrieg an der Ostsee" und für ein paar Sommer waren die Schilder, die beide Strandbereiche voneinander trennten, durchaus ernst gemeint. Inzwischen ist an der mecklenburgischen Küste wieder ein wenig vom alten Laissez-faire zurückgekehrt: Wer sich ganz ausziehen möchte, der kann das tun, alle anderen dürfen auch ein modisches Stück Stoff um die Hüften tragen.

Kurze Geschichte der FKK-Bewegung

FKK heute: Die Lust am Nacktsein nimmt ab

Insgesamt ist die Zahl der FKK-Anhänger jedoch in den letzten Jahren rückläufig, die FKK-Vereine verlieren jedes Jahr Mitglieder. "Naturismus hat nicht mehr den gleichen Stellenwert wie vor einigen Jahrzehnten", stellt auch der Deutsche Verband für Freikörperkultur (DFK) fest. Besonders Jüngere zeigen sich demnach nicht gerne nackt. Allerdings liegen die Deutschen im internationalen Vergleich immer noch vorn. Am beliebtesten ist Nacktbaden übrigens nach wie vor im Osten. Laut einer repräsentativen Umfrage von 2015 finden 51 Prozent der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern es "vollkommen natürlich", 17 Prozent baden "grundsätzlich oder häufig" nackt.

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Unsere Geschichte | 19.08.2017 | 11:30 Uhr

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