Stand: 09.04.2016 11:45 Uhr  | Archiv

Schmieristen und Syphilis: Schiller-Oper, 2. Akt

Die Schiller-Oper - ein halb verfallenes Gebäude mitten in Hamburg. Erbaut um 1890 als Zirkus, dann Umbau zum Theater, in dem sich Hans Albers erste Sporen verdient. Später wird aus dem Gebäude ein Opernhaus. Im Zweiten Weltkrieg dient es als Gefangenenlager. Dann ziehen Asylbewerber ein, Restaurants, ein angesagter Club. Inzwischen steht die Stahl- und Wellblechkonstruktion unter Denkmalschutz. Doch das Gebäude verkommt. NDR.de erzählt in drei Teilen die kuriose Geschichte der Schiller-Oper.

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Glanz vergangener Tage ...

Der Zuschauerraum der Schiller-Oper erstrahlt um 1920 unter einem riesigen Kronleuchter. Im damals Schiller-Theater genannten Haus ist Platz für rund 1.500 Besucher.

2. Akt: Schmierentheater, Syphilis und Gesang

Ernst Friedrich Michaelis aus Lokstedt kauft Anfang des 20. Jahrhunderts das leer stehende Gebäude und lässt es zum Theater umbauen. Es ist das 100. Todesjahr von Friedrich Schiller - zu Ehren des Dichters nennt Michaelis sein Haus Schiller-Theater. Der Zuschauerraum ist nach Art eines Amphitheaters um eine 12 Meter breite und 16 Meter tiefe Bühne angelegt. Rund 1.500 Besucher finden Platz. Die Eröffnung ist für den 19. April 1905 angesetzt. Doch es gibt Probleme, wie sich die Nachbarskinder Lili und Max Rober später erinnern:

"Da war ein Riesengedränge, die Feuerpolizei ließ die Leute nicht rein. Der Feuerwehrmann hat den eisernen Vorhang probiert, der wollte nicht hoch gehen - da wurde die Eröffnung eben um einen Tag verschoben. Die Leute gingen alle brav nach Hause und kamen am nächsten Tag wieder."

"Unwürdig von der ersten Szene bis zum letzten Vorhang"

Postkarte "Gruß aus dem Schiller-Theater"
Bis 1899 wurde das Gebäude als Zirkus genutzt und dann zum Theater umgebaut.

Die künstlerische Bedeutung des Schiller-Theaters wird von Hamburger Seite nicht allzu hoch geschätzt. Zum einen wird ein bisschen herablassend auf das neue Volkstheater in Altona geschaut, zum anderen wittert man Konkurrenz. Und so schreibt der Theaterkritiker Paul Möhring über die Eröffnungs-Vorstellung:

"Es war eine schaurig-schöne Aufführung, unwürdig von der ersten Szene bis zum letzten Fall des Vorhanges. Schon nach dem Auftakt stand fest, dass von dem neuen Theater nicht viel zu erwarten war."

Den damaligen Direktor Hermann Kampehl-Gürcke nennt Möhring gar einen "Schmierist erster Ordnung".

Weil ein Großteil des Publikums aus dem umliegenden Arbeiterviertel sich keine teuren Eintrittskarten leisten kann, müssen die Theatermacher knapp kalkulieren: Es wird wenig geprobt, die Bühnenarbeiter sind Werftarbeiter, die sich nach Feierabend noch etwas dazu verdienen, Kinder aus der Nachbarschaft geben das Tanzensemble. Auch haftet die Zirkus-Vergangenheit noch an dem Bau: Unter den Bühnenbrettern müffelt es nach Tier, Ratten flitzen herum. Eigentümer Michaelis, von Beruf eigentlich Architekt, erklärt sich 1909 selbst zum Theaterdirektor - als weitere Sparmaßnahme.

Die Mär vom Sprungbrett für den "blonden Hans"

Neben Klassikern und modernen Werken lässt Michaelis gerne Stücke in niederdeutscher Sprache aufführen. In zwei dieser Schauspiele tritt 1913 ein junger Mann auf, der später weltberühmt wird: Hans Albers. Ist das Schiller-Theater das Karriere-Sprungbrett für den "blonden Hans von der Waterkant", wie später immer wieder behauptet wird? Schiller-Oper-Expertin Anke Rees meint, dass Albers für das Schiller-Theater eine ähnliche Rolle spielt wie zuvor die Eisbären für den Zirkus: Eine Marginalie, die im Nachhinein aufgebauscht wurde. Albers habe lediglich ein paar kleine Auftritte gehabt. "Aber solche Legenden sind wichtig für die Erinnerung der Menschen. Sie geben den vielen kleinen Dingen, die noch im Gedächtnis sind, einen Rahmen, auch wenn der gar nicht immer passt. Und sie verstärken die Atmosphäre bestimmter Bauwerke."

Sogar Ringkämpfe auf dem Spielplan

Historisches Foto von Ringkämpfern © Bildarchiv Hamburg 1860 bis 1955
1909 findet im Schiller-Theater ein "Internationaler Ringkampf" statt.

Das Schiller-Publikum bekommt damals nicht nur Sprechtheater geboten: Im Sommer bucht Michaelis die saisonbedingt arbeitslosen Künstler der Staatsoper und lässt sie in Altona spielen. Auch Artisten-Auftritte und selbst Ringkämpfe stehen auf dem Spielplan. Michaelis holt auf die Bühne, was dem Volk gefällt. "Die Volksbühne" heißt auch das regelmäßig erscheinende Heft, das über das Geschehen im und am Schiller-Theater informiert. Und der Direktor nutzt diese Schrift gerne auch in eigener Sache: "Er war ja ein heimlicher Dichter, hat immer Gedichte geschrieben, die er dann in den Programmheften veröffentlichen ließ", erinnert sich Tochter Edith.

Wilde Dramen auf und hinter der Bühne

Kleine und große Dramen gibt es auch außerhalb des Spielplanes: Direktor Michaelis wird eine Affäre mit einer jungen Schauspielerin nachgesagt. Seine eifersüchtige Ehefrau stürzt daraufhin mitten in einer Aufführung auf die Bühne des Schiller-Theaters und vertrimmt die Nebenbuhlerin mit einer Reitpeitsche. Andere Ensemble-Mitglieder, so erfuhr der inzwischen verstorbene Filmemacher und NDR Redakteur Horst Königstein um 1980 in Zeitzeugen-Interviews, vergnügen sich damals mit Verehrerinnen aus dem Publikum. Wenn sich die Verliebten heimlich treffen, stehen Kinder aus der Nachbarschaft für ein paar Groschen Schmiere.

Eine Geschlechtskrankheit füllt die Kassen - dann folgt die Pleite

Einen der größten Erfolge feiert das Theater mit dem Stück "Die Schiffbrüchigen" von Eugène Brieux. Die Aufführung wird von der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gesponsert, denn in dem Werk geht es um die Syphilis. Conrad Kayser, dessen Vater damals die Programmhefte druckte, erzählt:

"Das war ja ein ganz hartes Thema. Das handelte davon, dass es Krankheiten gibt, die man nicht so gern erwähnt. Und die man vor allem nicht gerne hat. Das war ein großer Renner! Es war so, dass man sich schämte, wenn man sich dieses Stück ansah. Ich bin mit Schulkameraden reingegangen, aber mit gesenktem Kopf."

"Die Schiffbrüchigen" läutet auch das Ende der großen Zeit des Schiller-Theaters ein: Michaelis schickt sein Ensemble mit der erfolgreichen Inszenierung auf Tournee. Als 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, brechen die Einnahmen ein. 1916 ist der Architekt mit seinem Theater pleite.

"Hinhaltetaktiken, Behördenwillkür und falsche Zusagen"

Das Schiller-Theater wechselt mehrfach den Besitzer. Doch Krieg, Revolution und die unruhigen Nachkriegsjahre lassen keine große Blüte mehr aufkommen. Dabei beschert eine Fusion mit dem Altonaer-Stadttheater dem privaten Schiller-Theater sogar erstmals öffentliche Zuschüsse. Und auch künstlerisch findet das Haus unter Max Ellen, der 1923 das Ruder in die Hand nimmt, durchaus positive Beachtung. Doch es fehlt an Geld, um das Haus zu erhalten und das Personal zu bezahlen. Historikerin Rees vermutet, dass Ellen wegen seiner jüdischen Herkunft bewusst Steine in den Weg gelegt werden. Sie spricht von "Hinhaltetaktiken, Behördenwillkür und falschen Zusagen". Im April 1931 wird das Haus zwangsversteigert. Es fällt für 28.500 Reichsmark an den Justizrat Dr. Otto Wolff aus Altona.

Opernzeit im Nationalsozialismus

Historisches Szenenfoto aus der Operette "Giuditta"
Das Jahr 1939 beginnt für die Schiller-Oper mit Léhars Operette "Giuditta" - und endet mit einem Aufführungsverbot.

Wolff lässt das Theater erneut umbauen - zum Opernhaus. Für die Leitung engagiert er den aufstrebenden Theatermacher Hanns Walther Sattler. 1932 ist Eröffnung mit dem "Freischütz". Die Premiere wird sogar im Radio übertragen. Doch die Zeiten sind nicht sehr kulturfreundlich: Immer wieder gibt es jetzt in der Nachbarschaft blutige Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Kommunisten. Direktor Sattler, Sozialdemokrat und Freimaurer, überlässt die Bühne zwar nachts gerne mal linken Aktivisten. Doch auch die "Nationalsozialistische Gastspielbühne" muss er nach der NS-Machtübernahme auftreten lassen - mit einem Stück von Joseph Goebbels. Sattlers ursprüngliches Ensemble schwindet dahin, weil immer mehr jüdische Mitarbeiter fliehen müssen. Noch einige Zeit kann sich Sattler mit dem Regime arrangieren. Er holt Mitläufer und Nazis in sein Haus, verhält sich aber andersdenkenden Mitarbeitern gegenüber loyal, wie Zeitzeugen später betonen. Der Schlingerkurs funktioniert bis 1939. Dann machen die Behörden die Schiller-Oper dicht. Offizielle Begründung: Es gebe keinen Luftschutzraum. Das letzte Programm am Silvestertag trägt den Titel "Drei heitere Stunden".

Wie die Geschichte der Schiller-Oper weitergeht und was vorher geschah, erfahren Sie hier:

Das tragische Auf und Ab der Schiller-Oper
Historisches Foto der Schilleroper © Hein, Lehmann GmbH, Krefeld

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 19.01.2016 | 19:30 Uhr

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