Stand: 05.04.2017 08:05 Uhr  | Archiv

"Löchrig wie ein Käse": 50 Jahre Endlager Asse

Arbeiter transportieren Fässer mit radioaktivem Müll in ein Salzbergwerk. © dpa-Bildfunk
Im April 1967 werden die ersten Fässer mit Atommüll in die Asse gebracht.

Es klingt nicht gerade einladend, was alles im Bauch des Schachtes Asse II bei Remlingen (Landkreis Wolfenbüttel) vor sich hin gammelt. Uran, Plutonium, Arsen - insgesamt 125.787 Fässer und Gebinde mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen, dazu Chemiemüll. Für solch hochgiftige Stoffe würde man sich eine sichere Lagerstätte wünschen. Doch die Asse ist alles andere als das. Heute vor 50 Jahren, am 4. April 1967, wurden die ersten 80 Fässer mit Atommüll aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe in der Asse versenkt. Mit den Nachwehen dieser Entscheidung hat die Region bis heute zu kämpfen.

Täglich 12.000 Liter Sickerwasser

Bis in die 1960er-Jahre wurde in Schacht Asse II nördlich des Harzes Steinsalz gefördert. 1965 kaufte der Bund das Gelände und ließ es zu einem sogenannten Versuchsendlager für Atommüll ausbauen. In 13 Kammern wurden Hunderte Tonnen strahlender Müll eingelagert - wobei dieser Ausdruck etwas beschönigend ist. Gabelstapler kippten die Fässer teilweise einfach direkt in die Asse. Spätestens seit 1988 tritt hier Wasser ein - wie auch in den benachbarten Schächten I und III. Dort musste der Bergbau deshalb bereits schon früher aufgegeben werden. Täglich laufen nun geschätzte 12.000 Liter Wasser in den Schacht Asse II. Das Endlager säuft langsam ab.

Instabile Kammern - eingebrochene Decken

Die Auswirkungen sind bereits zu erkennen. Einige Kammern seien instabil, dazu seien Zwischendecken eingebrochen, sagen Experten. Im Jahr 2008 tritt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf den Plan und wird auf Initiative des Bundes und des Landes Niedersachsen Betreiber der Asse. Das Ziel: die sichere Schließung der Grube und die Bergung der Fässer. Aber es gibt Probleme. Denn mit der Rückholung allein wäre es nicht getan. Ein Zwischenlager müsste gebaut, dazu eine dauerhafte Lagerstätte gefunden werden. Weltweit wurde noch nie ein Endlager geräumt. Und: Eine Lösung für die Situation ist bis heute nicht in Sicht.

Reste einer deutschen Atombombe?

Gerüchte ranken sich auch um das ehemalige Bergwerk. So sollen hier Uranabfälle lagern, die bei der Vorbereitung einer deutschen Atombombe angefallen seien. Auch Geschichten über Kadaver von Affen im Schacht gibt es: An ihnen sollen radioaktive Versuche vorgenommen worden sein. Im Jahr 2009 startet ein Untersuchungsausschuss des Niedersächsischen Landtags zur Lage in Remlingen. Einer der geladenen Zeugen ist der heutige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD). Er sagt damals, die Asse sei "einer der größten Problemfälle, die wir in Europa haben". Es sei skandalös, dass die Atomindustrie ein Bergwerk "löchrig wie ein Käse" für eine "Billigentsorgung" genutzt habe.

Zum Jahrestag der ersten Einlagerung in der Asse planen Umweltschützer eine große Kundgebung am früheren Salzbergwerk. Die Aktivisten fordern unter anderem, die Planungen für die Bergung zu beschleunigen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 04.04.2017 | 12:00 Uhr

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