Stand: 26.04.2016 14:30 Uhr  | Archiv

Zeugnisse jüdischer Geschichte

von Daniel Kaiser

Die Geschichte der Juden ist mehr als die Verfolgung in der Nazizeit. Seit jetzt 50 Jahren gibt es in Hamburg eine Forschungsstelle zu diesem Thema: das "Institut für die Geschichte der deutschen Juden". Die Wissenschaftler sitzen in einem alten Haus, das selbst eine aufregende Geschichte hat.

Der "Geschichtomat" ist eines der Vorzeigeprojekte des Instituts. Junge Leute entdecken die jüdische Geschichte in ihrer Nachbarschaft. Sie recherchieren in Projektwochen an der Schule die Herkunft von Straßennamen oder die Biografien von Prominenten wie Albert Ballin oder Oscar Troplowitz, des Mannes hinter der Erfolgsgeschichte des Kosmetik-Konzerns Beiersdorf. Im Internet ist so ein Stadtplan mit schon 99 jüdischen Geschichten entstanden. Darauf ist die Instituts-Leiterin Miriam Rürup besonders stolz. "Wir wühlen eben nicht nur in Akten, sondern nehmen auch die Menschen und ihre Biografien ernst."

Ein besonderes Haus: Hamburg, Beim Schlump 83

Konflikt um das jüdische Erbe war Auslöser

Die Geschichte des Instituts begann vor 50 Jahren mit einem Streit. Der junge Staat Israel sah keine Zukunft für jüdisches Leben in Europa und forderte von Hamburg, alle historischen Dokumente und Zeugnisse jüdischer Geschichte herauszugeben. Die Akten hatten den Krieg im Staatsarchiv überlebt. "Die Hamburger wiederum wollten die Akten in der Stadt behalten", erklärt Miriam Rürup. Man einigte sich am Ende darauf, dass das Material komplett auf Mikrofilm festgehalten wurde. "Die eine Hälfte der Originale kam nach Jerusalem, die andere blieb in Hamburg, sodass beide Seiten 400 Jahre Geschichte der Juden in Hamburg bis heute erforschen können."

"Hinter den Stolpersteinen stecken Biografien"

Die Wissenschaftler untersuchen und erklären zum Beispiel auch den alten jüdischen Friedhof in Altona, der ja mittlerweile als Weltkulturerbe nominiert ist. Sie entziffern Grabinschriften, entschlüsseln Bildsymbole und machen den Ort für die Hamburger wieder zugänglich. Neue Publikationen untersuchen 'Das Schiff als Ort der jüdischen Migrationsgeschichte' oder die 'Wissenschaft des Judentums im 19. Jahrhundert'. Beate Meyer begleitet das Gedenken mit den Stolpersteinen, die überall in der Stadt an die Namen der Nazi-Opfer erinnern. Das Institut hilft dabei, ihre Biografien zu erzählen. "Es geht um die Lebensgeschichte dieser Menschen, als sie noch nicht Opfer, sondern Akteure ihres Lebens waren. Wir wollen erzählen, wie dann die Verfolgung begann und wie sie damit umgegangen sind", so Meyer. 15 Bücher mit Sammlungen solcher Lebensgeschichten aus der ganzen Stadt hat das Institut schon veröffentlicht.

Das Institut als moderner Multimedia-Player

Institut für die Geschichte der deutschen Juden

Beim Schlump 83
20144 Hamburg

Tel. +49 40 - 42 838-2617
Fax +49 40 - 44 808-66
E-Mail: IGdJ@public.uni-hamburg.de

Öffnungszeiten
Mo-Do: 9-17 Uhr (Buchbestellung bis 16 Uhr)
Fr: 9 - 15 Uhr

Das Institut wurde 1966 eröffnet und war die erste Einrichtung in Deutschland, die ausschließlich die deutsch-jüdischen Geschichte erforscht.

Neben der Forschung haben die Wissenschaftler auch einen Lesekreis und einen besonders erfolgreichen Filmclub im Angebot, erklärt der stellvertretende Institutsleiter Andreas Brämer: "Gerade mit den Filmen erreichen wir die Altersgruppe von Mitte 20 bis Mitte 40, die wir mit Vorträgen so nicht erreichen würden." Das Institut ist zum Multimedia-Player für die Geschichte der Juden in Hamburg geworden. Die Finanzierung ist grundsätzlich gesichert. Aber große Sprünge können die Wissenschaftler mit dem Geld von der Behörde allein nicht machen. Ohne großzügige Hilfe von vielen Stiftungen müssten sie viele Aktivitäten einstellen. Ausgerechnet das neue Aushängeschild "Geschichtomat" steckt in einer finanziellen Krise und sucht dringend Unterstützer.

Vom Wohnzimmer zum Altbau mit Filmgeschichte

Angefangen hat alles vor 50 Jahren in einer kleinen Wohnung in der Rothenbaumchaussee. Die Bücher stapelten sich damals schnell sogar in der Küche. Jetzt sitzen die Forscher in einem alten Haus im Uni-Viertel. Es ist eines mit einer ganz eigenen Film-Geschichte. "In diesem Gebäude wurde in den 50er-Jahren der 'Hauptmann von Köpenick' gedreht", erzählt Miriam Rürup und zeigt stolz auf Filmplakate und Schwarz-Weiß-Fotos mit Heinz Rühmann, die im Hausflur an die Szenen erinnern. "Das Spannende an der Drehzeit war, dass sich mit Gyula Trebitsch auch ein Holocaust-Überlebender entschieden hat, hier diesen Film zu drehen." Dieses Haus steckt wirklich voll Hamburger jüdischer Geschichte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Die Reportage | 18.09.2016 | 06:30 Uhr

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