Stand: 17.11.2019 16:48 Uhr

"Tank Man": Die Geschichte eines Fotos

von Barbara Jung

Vor 30 Jahren fotografierte Jeff Widener den Mann, der sich während des Tiananmen-Massakers in Peking einer Panzerkolonne in den Weg stellte. Das "Tank Man"-Foto ging um die Welt - und hat den Fotografen privat nach Hamburg verschlagen.

Ein schmuckloser Gewerbehof in Hamburg-Wandsbek. Fotograf Jeff Widener streift sich weiße Handschuhe über und öffnet behutsam das schwere Fotobuch. "Tiananmen 1989" ist darauf zu lesen. Gleich das erste Bild ist sein berühmtestes: der "Tank Man". Das Foto des "Panzermannes", der sich am Tag nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes in Peking mit Einkaufstüten vor chinesische Panzer stellte. Das Foto war 1989 auf Dutzenden Titelseiten weltweit. Und machte den damals 33-jährigen Pressefotografen Widener über Nacht weltbekannt. "Ich wusste zwar, dass es ein gutes Foto war, aber mit solch einer Sensation hatte ich nicht gerechnet", erzählt Widener heute. Dabei hätte es sein Foto fast nicht gegeben.

Tiananmen: "Am Anfang hatte es noch was von Karneval"

Widener war im Juni 1989 als Fotojournalist für die Nachrichtenagentur AP in Peking und erlebte die Proteste der chinesischen Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens hautnah mit. "Es war frühlingshaft. Ich habe viele glückliche Menschen gesehen, am Anfang hatte es noch was von Karnevalsstimmung", erzählt er. Das sollte sich in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni schlagartig ändern. Das chinesische Militär rückte vor und schlug den Aufstand brutal nieder. Widener geriet zwischen die Fronten und bekam einen schweren Stein ins Gesicht.

Trotz Gehirnerschütterung machte er am 5. Juni weiter. Mittlerweile hatte das Militär den Tiananmen-Platz besetzt. Das wollte er fotografieren. Mit der Kamera unter der Jacke und den Filmen in der Unterhose betrat er das Beijing Hotel unweit des Platzes und sprach einen jungen Amerikaner an: "Ich sagte: 'Hey Joe, wo warst du?' Und flüsterte dann: 'Ich bin von AP, kannst du mich in dein Zimmer lassen?'"

Jeff Wideners Blick auf Tiananmen 1989

 Student hilft dem Jeff Widener aus der Patsche

Der Student sollte noch eine entscheidende Rolle spielen bei der Entstehung des "Tank Man"-Fotos. Denn er brachte Widener nicht nur in den sechsten Stock des Hotels, von wo aus er freie Sicht auf den Tiananmen-Platz hatte. Er half dem Fotografen auch aus der Patsche, als diesem die Filme ausgingen. Er machte sich auf die Suche nach Ersatz und konnte einem Touristen in der Hotellobby einen neuen Film abschwatzen.

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Das Militär gegen das Volk: Widener-Foto vom Platz des Himmlischen Friedens.
Tank Man: "Er vermasselt mir das Bild"

Während die Panzer vom Platz des Himmlischen Friedens in Richtung Beijing Hotel rollten, richtete Widener auf dem Balkon des Hotels sein Bild ein. Plötzlich tauchte der Mann mit den Einkaufstüten vor den Panzern auf: "Im ersten Moment dachte ich, der Typ vermasselt mir das Bild." Widener hielt drauf und wartete, dass der Mann erschossen würde, aber nichts passierte. Bewegtbildaufnahmen der Szene damals zeigen, wie sich der Mann den Panzern immer wieder in den Weg stellte, auf einen der Panzer kletterte und mit einem Mitglied der Besatzung sprach, bevor er wieder runterkletterte und dem Militär erneut den Weg versperrte. "Das war der Moment, in dem ich auf den Auslöser drückte", erzählt Widener. Dann zogen mehrere Männer in Zivil den Mann mit den Einkaufstüten weg.

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"Tank Man"-Foto geht vom Tiananmen um die Welt

Widener wollte den Film so schnell wie möglich zum Entwickeln ins Büro bringen. Erneut half der Student: Er schmuggelte den Film zur amerikanischen Botschaft in Peking, und diese übermittelte die Aufnahmen zur Nachrichtenagentur AP, von wo aus das Bild schließlich um die Welt ging. Am nächsten Morgen traute Widener seinen Augen kaum: In Dutzenden Zeitungen weltweit prangte sein Foto auf dem Titel. Wie sich später herausstellte, hatten noch drei weitere Pressefotografen die Szene mit dem Mann vor den Panzern fotografiert. Aber es war Wideners Foto, das sich als erstes verbreitete. Zu erkennen an den Straßenlampen unten rechts. 1990 wurde es für den Pulitzer-Preis nominiert. Die "Times" erklärte es später zu einem der wichtigsten Fotos überhaupt.

Der "Tank Man" ist bis heute verschollen

Das Faszinierende an dem Bild ist, dass es in nur einer Szene das ganze Geschehen Anfang Juni 1989 komprimiert: Unbewaffnete Zivilisten stehen Soldaten mit Schießbefehl gegenüber. Der "Tank Man" wurde zum Symbol für den Mut und die Tragik der chinesischen Demokratiebewegung. Wie viele Menschen genau damals ums Leben kamen, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von bis zu mehreren Tausend aus. Jegliche Erinnerung an damals wird in China unterdrückt. Fotos wie das von Widener sind im chinesischen Netz gesperrt. Der Mann mit den Einkaufstüten gilt seit dem damaligen Tag als vermisst. Widener hat oft an ihn gedacht und sich gefragt, was wohl aus ihm geworden ist.

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Jeff Widener hat seine Frau Corinna in Peking kennengelernt.
Für eine Frau zieht Widener später an die Elbe

Widener selbst verdankt diesem Moment nicht nur seinen Erfolg als Pressefotograf, auch privat hat er sein Leben verändert. Vor zehn Jahren, zum 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers, flog Widener für die BBC zurück an den Ort, an dem das Foto entstand. Als er in Peking allein durch die Stadt zog, traf er unweit des Tiananmen-Platzes eine junge Deutsche, eine Lehrerin aus Hamburg. Die beiden kamen ins Gespräch. Für sie zog der Amerikaner Jeff Widener schließlich an die Elbe. Die beiden sind bis heute ein Paar.

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NDR//Aktuell | 04.06.2019 | 16:00 Uhr

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