Stand: 05.05.2020 18:33 Uhr

Kriegsende 1945: Kunst für Kohle

von Peter Helling
Die jüdische Schauspielerin Ida Ehre überlebte die Nazi-Herrschaft nur knapp und gründete 1945 die Kammerspiele.

Der Zweite Weltkrieg endete mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 in Berlin. Der Kollaps des NS-Staates wird auch als "Stunde Null" bezeichnet. Doch gab es die wirklich? Das Wort klingt nach Tabula Rasa, nach reinem Tisch. Nur: Das "Vorher" war ja noch da: alte und junge Nazigrößen, vergiftete Anschauungen und deren Kultur. Hamburgs Theater mussten nach Kriegsende komplett neu anfangen. Nach dem Krieg waren die meisten zerstört, vor allem aber: Der braune Ungeist musste raus. Einen Neuanfang ermöglichten  Theaterkünstler, die trotz Verfolgung durch die Nazis den Mut hatten, hier etwas Neues aufzubauen. Und da hatte Hamburg wirklich Glück mit der Theaterlegende Ida Ehre.

"Eiskalt war es, die Menschen saßen in Decken und in Mänteln eingehüllt und unser Atem ging runter, und der Atem des wenigen Publikums kam herauf zu uns, da waren so vielleicht 25, 30 Menschen da, und nach drei Wochen war das Theater voll," erinnerte sich 40 Jahre nach Kriegsende Schauspielerin Ida Ehre.

1945: Kunst für Kohle

Weitere Informationen

Zwischen Flak-Splittern und nahbaren Briten

Peter Maertens erlebt den Zweiten Weltkrieg als Junge in Hamburg. Seine jüdische Mutter überlebt den NS-Terror nur durch eine List. Mit dem Kriegsende weicht enormer Druck von der Familie. mehr

Theater 1945, das hieß: Eiseskälte in baufälligen Theatersälen, ein Kohlebrikett als Eintrittskarte, als Lohn für die Schauspieler. "Die Schauspieler wurden mit Kohle bezahlt," erzählt der Schauspieler Peter Maertens. Daran könne man sehen, wie sehr die Hamburgerinnen und Hamburger ihr Theater liebten, obwohl die nicht ihre Säle heizen konnten, sagt der Hamburger Historiker Nils Steffen.

Deutsches Schauspielhaus weitgehend intakt

Als der Krieg am 8. Mai 1945 zu Ende ging, als Hamburg befreit wurde, lag die Stadt in Trümmern. Fast alle Bühnen der Stadt auch. Eine der wenigen weitgehend intakten Theater war das Schauspielhaus. Die Briten beschlagnahmten das Haus, nannten es Garrison Theatre und nutzen es zur Unterhaltung ihrer eigenen Truppen in der Stadt. Erst 1948 wurde es an die Deutschen zurückgegeben. Das eigentliche Schauspielhausensemble war bis dahin sozusagen heimatlos, spielte im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof.

Ida Ehre in jungen Jahren

Kriegsende 1945: Theater in Hamburg eröffnen

NDR 90,3 - Kulturjournal Spezial -

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. In der "Stunde Null" zeigt das Ende der Nazi-Herrschaft nicht nur das Grauen des Krieges. In den Trümmern Hamburgs entsteht auch wieder unabhängige Kultur.

4,36 bei 14 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Alliierte förderten Kulturbetrieb

Bild vergrößern
Nils Steffen ist Koordinator des Arbeitsfeldes Public History an der Universität Hamburg.

"Die Alliierten wussten um die Bedeutung von Kultur und ihre Wirkung, so wurden die Theater in vielen Städten Deutschlands gefördert, nicht zuletzt auch, weil man darin die Möglichkeit zur Entnazifzierung und Demokratisierung durch Kultur sah", so sagt Nils Steffen. Auf den Spielplänen standen vor allem deutsche Klassiker, wie "Faust" oder "Nathan der Weise". Nach und nach kehrten Regisseure und Regisseurinnen und Schauspielerinnen und Schauspieler zurück, die von den Nazis verfolgt worden waren. Und mit ihnen kam ein neuer Geist auf die Bühne. "So wurde das Theater nach und nach von einer Institution der staatlich gelenkten Bildung wieder mehr zu einem Ort der Gesellschaftskritik, einem Raum der Kunst, in dem die Fragen der Zeit verhandelt wurden", so Nils Steffen.

Nachkriegs-Theater: Trümmer beseitigen

Weitere Informationen

Ida Ehre - die "Mutter Courage" des Theaters

Sie brachte nach dem Ende des Nazi-Terrors ein Stück Welttheater in die Hansestadt: Am 16. Februar 1989 starb Ida Ehre, Gründerin und Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele. mehr

Aber erst mal aber hieß es aufräumen und Trümmer beseitigen. Vom Thalia Theater stand nur noch das Vorderhaus. Die Staatsoper hatte Vorderhaus und Zuschauersaal verloren. Ida Ehre und viele ihrer Schauspielerkollegen wollten jetzt nur eins: "Dieses ganze Geröll weg, aus einem selbst das Geröll weg, um einen herum alles das, dass man wieder atmen kann mit seinem Verstand, mit seinem Herzen, ohne dass jemand dreinredet, wenn man was sagt."

Ida Ehre war Jüdin. Sie verstarb am 16. Februar 1989 in Hamburg. Sie hatte bereits eine beachtliche Karriere vor 1933 hinter sich und die Nazizeit im KZ Fuhlsbüttel nur knapp überlebt. Jetzt, 1945, bot sich ihr diese Chance. Ein englischer Offizier mit Wiener Wurzeln gab sie ihr. "Eines Tags kam er zu mir und sagte: mit Genehmigung der Militärregierung, das Theater ist für Sie frei. Da hatte ich ein Theater und wusste noch gar nicht, was ich anfangen soll," so die Schauspielerin.

Ida Ehre eröffnet Kammerspiele

Es war das ehemalige jüdische Logenhaus in der  Hartungstraße, die heutigen Kammerspiele. Am 15. Dezember 1945 wurden sie eröffnet. In kürzester Zeit holte Ida Ehre ein Spitzenensemble an ihr Haus. Sie konnte die modernsten Stücke aufführen. Ein "Theater der Menschlichkeit" sollte es werden. Statt Nazipropaganda holte sie neueste Autoren aus dem Ausland, Stücke wie "Wir sind noch einmal davongekommen", "Der Trojanische Krieg findet nicht statt", später Sartres "Die Fliegen". Das Haus füllte sich, erinnert sich Ida Ehre: "Mein Publikum saß bei Halbfunzellampen im Zuschauerraum und hat geguckt."

1947: Uraufführung "Draußen vor der Tür"

Weitere Informationen

Auf den Spuren von Wolfgang Borchert

Das Drama "Draußen vor der Tür" von 1947 hat Wolfgang Borchert berühmt gemacht. Er wurde nur 26 Jahre alt. Bis heute ist Borchert einer der beliebtesten Hamburger Autoren. mehr

Unvergessen, natürlich, 1947 die Uraufführung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür". Aber 1945 galt erst mal: Improvisieren, das weiss auch Peter Maertens, Sohn von Willi Maertens, des langjährigen Intendanten des Thalia Theaters. 1945 sollte er nur übergangsweise als Intendant wirken - daraus wurden 18 Jahre. "Das zeigt, dass improvisierte Sachen in Hamburg manchmal länger halten als die Regeln," so Maertens.

Kulturhunger im Nachkriegs-Hamburg groß

Natürlich war den Menschen die Steckrübe zunächst wichtiger als die Theaterkarte, trotzdem war laut Historiker Nils Steffen der Kulturhunger groß. "Da es kaum andere Unterhaltungsmöglichkeiten gab, waren die Theater in den Nachkriegsjahren mit bis zu 80 Prozent hervorragend ausgelastet." Auch die 1919 gegründete Hamburger Volksbühne verzeichnete nach Kriegsende einen steilen Anstieg seiner Mitgliederzahlen. "Theater ist nun mal etwas besonders, man geht raus, man unternimmt etwas, es ist live, es ist emotional, es lässt uns alles drum herum für einen kleinen Moment vergessen, und das ist manchmal sehr wertvoll. Und das ist zum Glück auch heute noch so."

Weitere Informationen

Hamburg: 75 Jahre Kriegsende

Kriegsende vor 75 Jahren: Am 3. Mai 1945 kapituliert Hamburg - die Stadt wird an die Briten übergeben. Trotz der Corona-Krise finden Gedenkfeiern statt - allerdings nur virtuell. mehr

Zwischen Flak-Splittern und nahbaren Briten

Peter Maertens erlebt den Zweiten Weltkrieg als Junge in Hamburg. Seine jüdische Mutter überlebt den NS-Terror nur durch eine List. Mit dem Kriegsende weicht enormer Druck von der Familie. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 06.05.2020 | 20:00 Uhr