Stand: 12.11.2019 14:10 Uhr

Gut für den Kopf: Musik machen im Alter

von Miriam Stolzenwald

Musikalische Bildung macht zwar nicht unbedingt schlauer, aber das Musizieren kann strukturelle Veränderungen im Gehirn hervorrufen. Das wirkt sich positiv auf andere Lernfelder aus: durch verbesserte Rechtschreib-Leistung oder beim Erlernen von Sprachen. Prof. Dr. Eckart Altenmüller untersucht diese Effekte an der Musikhochschule Hannover. Dort hat er das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin gegründet. In seiner aktuellen Studie befasst er sich mit der Frage: Welche Einflüsse kann musikalische Bildung auf das Gehirn im Alter haben? Wir haben das Experiment einen Nachmittag lang mit Senioren begleitet.

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Selbst musikalisch unterwegs: Musikmediziner Eckart Altenmüller an der Querflöte.

Wolfgang Brüggemann und Hans-Jürgen Ziegenbein lernen seit einem halben Jahr Klavierspielen. Sie sind zwei von 100 Probanden, die im Rahmen einer Studie einmal pro Woche in das Musikphysiologie-Institut in Hannover kommen, wo der Gruppen-Unterricht stattfindet. Einige Probanden erhalten praktischen Musikunterricht, einige theoretischen. Eckart Altenmüller und Florian Worschech wollen mit diesem Experiment herausfinden, ob sich Gehirn-Strukturen auch noch im Alter durch das Musizieren verändern.

Musikalische Bildung sorgt für Veränderungen im Gehirn

Die Probanden sind zwischen 64 und 76 Jahren alt und hatten vorher noch nie Musikunterricht. Gemessen werden diese Veränderungen im MRT (Magnetresonanztomographie), erklärt Eckart Altenmüller: "Unsere Messzeitpunkte sind vorher, nach 6, 12 und 18 Monaten. Wir vermessen die Gehirngröße, aber auch ganz viele sogenannte Verhaltensmaße, so zum Beispiel Gedächtnisspanne und Reaktionszeiten."

Musikalische Bildung heißt zum Beispiel, ein Instrument zu erlernen. Das Singen sowie intensives Musikhören führen zu Veränderungen im Gehirn, vor allem in den Arealen, die direkt mit dem Musizieren zu tun haben. Die Hörregionen sind vergrößert und die Vernetzung zwischen Hör- und Bewegungs-Arealen verstärkt.

Prof. Dr. med. Eckart Altenmüller vom Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin in Hannover. © Eckart Altenmüller

Musik und Gehirn

NDR Kultur -

Musizieren selbst macht nicht unbedingt schlauer, Musizieren verändert aber die Gehirnstrukturen und erzeugt positive Effekte. Wie genau, erklärt Musikmediziner Eckart Altenmüller.

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Positive Wirkung auf Gedächtnisleistung und Selbstbild

Schon 20 Minuten Üben am Tag zeigt bereits nach kurzer Zeit große Effekte im Gehirn - egal, welches Instrument man lernt. Der Intelligenzquotient verbessert sich durch musikalische Bildung zwar nicht direkt, dafür sind aber, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, positive Begleiteffekte zu beobachten: "Sprachfertigkeiten sind verbessert. Das Selbstbild ist verbessert. Das sogenannte Selbstwirksamkeitserleben ist verbessert, und das sind Dinge, die geben den Kindern dann Selbstvertrauen und machen sie zu glücklicheren und freieren Menschen. Bei Kindern auch zu beobachten ist, dass sie verbesserte Rechtschreibleistungen haben. Und dann sind natürlich auch, ganz wichtig, die Gedächtnisfunktionen besser."

Motivation ist Schlüssel zum Erfolg

Beim Lernen kommt es vor allem auf die Motivation an, sagt der Wissenschaftler: "Wenn ich gegen meinen Willen von den Eltern angehalten werde, Klavier zu spielen und ich will eigentlich viel lieber E-Gitarre lernen, dann sind die Effekte beim Klavierspielen nicht so groß. Das hat damit zu tun, dass das Nervensystem sich besonders gut anpasst, wenn wir motiviert sind, wenn wir Freude haben."

Musikinstrumente öffnen eine neue Welt

Die ersten Ergebnisse der Studie erwarten die Forscher in Kürze. Eckart Altenmüller hat unabhängig von den Messungen schon jetzt Interessantes beobachtet: Einigen fällt das Musizieren leichter als anderen. "Zum Beispiel haben die Frauen die Tendenz, besser Klavier zu lernen. Wir vermuten, dass das mit den Handarbeiten zu tun hat, die sie damals in der Generation ausgeübt haben. Die heutigen 70-Jährigen haben ja noch in der Schule Handarbeiten gelernt. Und vielleicht sind sie deshalb auch den Männern überlegen."

Ob alt oder jung, grundsätzlich empfiehlt Eckart Altenmüller jedem, ein Musikinstrument zu lernen, "weil das eine unglaublich reiche Welt erschließt, die eigentlich nicht mit Worten auszudrücken ist. Eine Welt, die etwas mit Gefühlen zu tun hat, mit Sinn, mit Lebenssinn, und die etwas mit Gemeinschaft zu tun hat."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 12.11.2019 | 06:40 Uhr