Stand: 01.09.2019 00:01 Uhr

Wie der Klimawandel den Obstanbau verändert

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Die Apfelblüte im Alten Land setzt im Zuge des Klimawandels immer früher ein.

Eine höhere Durchschnittstemperatur, lange Trockenperioden, Starkregen, Hagel, Hitze: Die Auswirkungen des Klimawandels bekommen die Obstbauern im Norden deutlich zu spüren. "Das Gesamtsystem Obstanbau ist sehr anfällig für Veränderungen, etwa bei der Sonnenintensität und -dauer", sagt der Leiter des Esteburg Obstbauzentrum Jork, Dr. Karsten Klopp. "Diese Komplexität führt dazu, dass unser Wissen, unser Erfahrungsschatz im Obstbau durch die Veränderungen im Zuge des Klimawandels quasi entwertet wird."

Gute Ernte für 2019 erwartet

Im Alten Land stehen die Zeichen auf Ernte: Die Frühäpfel sind bereits reif, Anfang September beginnt die Saison der Hauptapfelsorten wie Holsteiner Cox und Elstar. Die Obstbauern erwarten Erträge von rund 265.000 Tonnen, das sei etwas weniger als der Durchschnitt von rund 290.000 Tonnen, sagt Dr. Matthias Görges vom Esteburg Obstbauzentrum Jork. Die Fruchtqualität sei allerdings sehr gut. Da es genug Sonnenstunden gegeben habe, hätten die Früchte genügend Zucker bilden können: "Die Äpfel schmecken!"

Durchschnittstemperatur seit 1975 um 1,7 Grad gestiegen

Das Obstbauzentrum ist eine Versuchsanstalt der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und berät und betreut rund 1.000 Obstbaubetriebe in Norddeutschland. Zudem forschen die Wissenschaftler des Zentrums über verschiedene Aspekte des Obstanbaus, darunter auch die Folgen des Klimawandels. Die Experten konnten anhand langjähriger Wetterdaten nachweisen, dass die Durchschnittstemperatur im Alten Land seit 1975 um 1,7 Grad gestiegen ist. Das hat Folgen für die Obstblüte, die immer früher einsetzt: Sie beginnt beim "Roten Boskop" inzwischen drei Wochen früher als noch 1975.

Die Grafik zeigt, dass die Blüte beim Roten Boskoop seit 1975 im Schnitt drei Wochen früher einsetzt.
Neue Obstsorten im Alten Land

Wegen der früheren Obstblüte steigt die Gefahr, dass die Bäume bei Spätfrösten Schaden nehmen. Die Obstbauern müssen dem mit einer Frostschutzberegnung entgegenwirken. Außerdem gibt es Veränderungen bei den Obstsorten: Neue Früchte wie Pfirsiche und Aprikosen, die bisher vor allem im Süden Deutschlands gedeihen konnten, können nun leichter angebaut werden, auch wenn sie noch vor Frost geschützt werden müssen. Doch während die aus Neuseeland stammende Apfelsorte Braeburn durch längere Vegetationsphasen inzwischen besser reif wird, kommt der Holsteiner Cox mit den neuen Bedingungen gar nicht gut klar: "Die Qualität des Apfels verändert sich, er ist nicht mehr so lagerfähig", erklärt Klopp. Seit Jahrhunderten sei der Holsteiner Cox im Alten Land gewachsen, nun würden sich seine Anbaugebiete wohl weiter nach Norden verschieben: "Wir sind selbst gespannt, wie sich der Apfelanbau verändern wird."

Extremwetterereignisse wie Hagel setzen Früchten zu

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Die Schäden sind deutlich zu erkennen: Äpfel mit Sonnenbrand haben braune Flecken und lassen sich so nicht mehr verkaufen.

Klar ist, dass sich Obstbauern auf immer mehr Extremwetterereignisse einstellen müssen. Esteburg-Leiter Klopp berichtet, dass Hagelfälle im Juni ein Viertel der Apfel-Anbaufläche im Alten Land betroffen hätten. "Zwar hat es schon immer Hagel gegeben, aber nicht in der Häufigkeit der Ereignisse und nicht in dieser Fläche." Auch starke Sonnenstrahlung bereite den Obstbäumen Probleme - nämlich dann, wenn sie plötzlich eintritt wie bei der Hitzewelle Mitte Juni. Da sich die Äpfel vorher nicht hätten abhärten können, bestehe die Gefahr eines Sonnenbrands, sagt Klopp: "Die Äpfel verkochen quasi, sie können dann nicht mehr verkauft werden."

Herausforderung für Obstbauern und Wissenschaftler

Insgesamt ist es die Unbeständigkeit des Wetters, die dem Obstbau im Norden zusetzt. 2017 sei kalt und nass gewesen, sagt Klopp, "einfach furchtbar für den Obstbau". Den Früchten fehlte die Sonne, sodass sie nicht genügend Zucker bilden konnten. Der Rekordsommer 2018 führte zwar zu guten Erträgen, allerdings mussten die Obstbauern ihre Pflanzen beregnen, damit sie die lange Trockenheit überstehen konnten. 2019 folgte ein eher durchschnittliches Wetterjahr, aber mit Extremen. Eine zu kalte Nacht während der Obstblüte, ein großflächiger Hagelschauer oder ein paar heiße Tage im Sommer reichten aus, um die Ernte zu beeinflussen, sagt der Obstbau-Experte. Empfehlungen an die Obstbauern müssten stets nach der aktuellen Wetterlage getätigt werden: "Wir als Berater müssen immer auf der Hut sein."

Schädlinge profitieren vom Klimawandel

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Der kleine Nachtfalter sorgt für große Schäden: Die Larven des knapp einen Zentimeter langen Apfelwicklers bohren sich ins Apfelinnere und fressen das Fruchtfleisch.

Das betrifft auch die Strategien gegen Schädlinge, die am Esteburg Obstbauzentrum entwickelt werden. Die veränderten klimatischen Bedingungen kommen zum Beispiel dem Apfelwickler entgegen, ein Nachtfalter, dessen Larve sich als Made ins Innere der Äpfel bohrt - sie gilt als einer der größten Obstschädlinge Europas. Produziert der Apfelwickler in normalen norddeutschen Sommern nur eine Larvengeneration, gelang ihm zuletzt in warmen Sommern noch eine zweite. "Eine zweite Larvengeneration kann bereits unter den jetzigen Klimabedingungen den Fruchtbefall vor der Ernte verdoppeln", heißt es in einer Studie zur Anpassung des Obstbaus der Niederelbe an den Klimawandel. "Eine Vervielfachung ist bei einem weiteren Temperaturanstieg zu erwarten."

Meeresspiegel-Anstieg bedroht Obstanbau

Der Studie zufolge sehen viele Obsterzeuger in der Ausbreitung neuer Schädlinge eine der gravierendsten potenziellen Folgen des Klimawandels. Auswirkungen auf den Obstanbau bringt laut Esteburg-Leiter Klopp zudem der steigende Meeresspiegel mit sich: Im Zusammenspiel mit einer immer weiter vertieften Elbe werde schon jetzt immer mehr Brackwasser in die Elbmündung gedrückt. Das führe dazu, dass das Elbwasser immer salzhaltiger und damit ungeeigneter für die Bewässerung an heißen Sommertagen und die Frostschutzberegnung im Frühjahr werde. Auch Obstbauer Jan Plüschau sieht im Anstieg des Meeresspiegels ein riesiges Problem, das durch die Elbvertiefung noch verstärkt werde. Denn die Deiche seien für eine solche Belastung überhaupt nicht ausgelegt. "Wenn die Erhöhung kommt wie prognostiziert, können wir hier in der Marsch dichtmachen. Es geht um unsere Existenz."

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