Stand: 09.10.2018 09:30 Uhr

Was hilft gegen Schwindel?

Schwindel ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Es entsteht das Gefühl, dass sich die Umgebung oder der eigene Körper dreht oder schwankt. Dabei handelt es sich nicht um Bewegungen, sondern um eine gestörte Wahrnehmung der Umgebung. Schwindel kann vielfältige Ursachen haben, die jeweils unterschiedliche Therapien erfordern.

Dr. Hendrik Schönbohm, NDR Info Moderatorin Ulrike Heckmann und Prof. Dr. Ulrich Pulkowski (v.r.n.l.) stehen im Sendestudio der NDR Info Redezeit nebeneinander. © NDR Foto: Uli Petersen

Komplexe Beschwerden: Was tun bei Schwindel?

NDR Info - Redezeit -

Welche Ursachen hat Schwindel? Wie können diese behandelt werden? In der Redezeit haben Experten Fragen von Hörern beantwortet. Die Sendung finden Sie hier als Videomitschnitt. 

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Ursachen für Schwindel und Benommenheit

09.10.2018 20:15 Uhr
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Wer unter Schwindel und Benommenheit leidet, sucht oft jahrelang nach der Ursache und einer hilfreichen Therapie. Denn die Ursachen sind vielfältig. Video (04:27 min)

So funktioniert das Gleichgewichtsorgan

Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr ist dafür verantwortlich, dass Menschen nicht aus der Balance geraten. Es besteht aus drei mit Flüssigkeit gefüllten Bogengängen, in denen sich Sinneszellen befinden. Bei jeder Bewegung werden die Zellen aktiviert und liefern Informationen an das Gehirn. Dort findet ein Abgleich mit Informationen der Augen, der Stellung von Gelenken und der Muskulatur statt. Das Gehirn berechnet daraus die Position des Körpers im Raum. Passen eine oder mehrere Informationen nicht zueinander, entsteht Schwindel.

Zentraler und peripherer Schwindel

Zwei Arten von Schwindel werden unterschieden:

  • Zentraler Schwindel entsteht durch Störungen im Gehirn, also zum Beispiel als Folge von Durchblutungsstörungen bei einem Schlaganfall oder durch Tumore.
  • Peripherer Schwindel liegt vor, wenn das Gleichgewichtsorgan (Lagerungsschwindel) oder der Gleichgewichtsnerv (Morbus Menière) gestört sind. Der beidseitige Ausfall der Gleichgewichtsorgane kann durch die Nebenwirkungen einiger Medikamente oder durch eine Hirnhautentzündung ausgelöst werden. Typische Symptome sind Schwindelattacken und wackliges Sehen, vor allem bei körperlicher Bewegung.

Lagerungsschwindel ist harmlos

Die häufigste krankhafte Schwindelform ist der Lagerungsschwindel. Etwa 2 bis 2,5 Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Diese Art des Schwindels ist unangenehm, aber harmlos. Typische Symptome:

  • Der Schwindel tritt spontan auf.
  • Die Attacken treten bei Bewegungen des Kopfes auf.
  • Der Schwindel dauert bis zu 60 Sekunden.

Lagerungsschwindel entsteht in der Regel, wenn sich im hinteren Bogengang eines Gleichgewichtsorgans Kalziumkristalle (Otolithen) ansammeln. Bei bestimmten Bewegungen bewegen sich die Kristalle mit der Schwerkraft in der Lymphflüssigkeit des Bogenganges und reizen die Sinneshärchen. Dadurch ist das Gehirn irritiert, Drehschwindel entsteht.

Typische Auslöser für Lagerungsschwindel:

  • Aufrichten und Umdrehen im Bett
  • Bücken
  • Hinlegen
  • Arbeiten über dem Kopf
  • Hochschauen

Übungen gegen Lagerungsschwindel

Warum sich Kalziumkristalle im Gleichgewichtsorgan bilden und ablösen, ist nicht geklärt. Vermutlich handelt es sich um einen normalen Alterungsprozess. In den meisten Fällen bildet sich Lagerungsschwindel von selbst zurück. Falls nicht, können spezielle Übungen helfen. In einer Studie mit mehr als 200 Betroffenen waren 98 Prozent nach drei Sitzungen geheilt.

Schwindel durch Morbus Menière

Ein weiterer Grund für Schwindel kann Morbus Menière sein. Die Erkrankung des Innenohres beeinträchtigt die Funktion des Gleichgewichtsorgans erheblich. Schwindel und Übelkeit treten sehr plötzlich auf, oft verbunden mit Schwerhörigkeit, Ohrgeräuschen und Druck auf den Ohren.

Schwindel durch Entzündung des Gleichgewichtsnervs

Ein einseitiger Ausfall eines Gleichgewichtsorgans ist in der Regel die Folge einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs. In den meisten Fällen werden die Entzündungen durch Herpesviren verursacht. Bei der sogenannten Neuritis vestibularis tritt plötzlich Dreh- und Kippschwindel, verbunden mit Übelkeit und Erbrechen, auf. Betroffene neigen zu Stürzen und haben sichtbare Störungen der Augenbewegung (Nystagmus).

Typischerweise nehmen die Beschwerden in den ersten Stunden rasch zu, bleiben einige Tage und bilden sich schließlich innerhalb von Tagen bis Wochen zurück. Die Besserung der Beschwerden ist darauf zurückzuführen, dass das Gehirn lernt, den Ausfall eines Gleichgewichtsorgans zu kompensieren. Zur Behandlung können Kortisonpräparate eingesetzt werden.

Schwindel durch psychische Auslöser

Schwindel kann auch psychisch bedingt sein. Experten sprechen dann von einem somatoformen oder psychosomatischem Schwindel. Nach dem gutartigen Lagerungsschwindel ist er die zweithäufigste Schwindelform. Bei etwa 15 bis 20 Prozent der Betroffenen liegt ein somatoformer Schwindel vor. Am häufigsten ist der phobische Schwankschwindel im Rahmen von Angsterkrankungen. Typischerweise treten die Schwindelanfälle dabei nur in bestimmten Situationen, zum Beispiel beim Aufenthalt in großen Menschenmengen oder beim Überqueren großer Plätze, auf. Oft werden die Schwindelattacken von heftigen vegetativen Symptomen wie Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Übelkeit begleitet.

Beim psychosomatischen Schwindel sind die Gleichgewichtsorgane unversehrt. Daher lassen sich die Beschwerden in den meisten Fällen erfolgreich behandeln. Entscheidend ist, die Betroffenen über die psychischen Hintergründe und die Mechanismen der Schwindelentstehung aufzuklären. Bereits das Wissen darüber erleichtert vielen Betroffenen den Alltag. Im Rahmen von Psychotherapien, kognitiven Verhaltenstherapien und unterstützenden physiotherapeutischen Therapien lernen die Betroffenen, das Schwindelgefühl zu beherrschen und den Teufelskreis von Angst, Schwindel und Angst zu unterbrechen. Typischerweise bessern sich die Beschwerden, wenn das Gleichgewichtsorgan gefordert wird.

Soziale Isolation durch erlernten Schwindel

Wer organischen Schwindel erlebt hat, kann einen sogenannten erlernten Schwindel entwickeln. Betroffene fühlen dann unbewusst einen Schwindel, auch wenn sich keine organische Ursache mehr finden lässt. Das Schwindelgefühl kann zu Fehlhaltungen, Angst vor Stürzen und nicht selten in die soziale Isolation fühlen. Viele Betroffene trauen sich kaum noch aus dem Haus.

Ursachen für Schwindel erkennen

Die Ursachen für Schwindel lassen sich zum Beispiel in einer Schwindelambulanz herausfinden. Wichtig dabei sind:

  • genaue Beschreibung des Schwindelgefühls

  • genaue Beschreibung der Situationen, in denen es zu Schwindel kommt: Wie fühlt es sich an? Kommt es zu Schweißausbrüchen? Gibt es besondere Auslöser? Gibt es Dinge, die den Schwindel lindern? Dafür kann ein Schwindeltagebuch hilfreich sein.

  • bildgebende Verfahren wie Computertomografie und Magnetresonanztomografie

  • Messung reflexartiger Augenbewegungen bei abrupter Kopfbewegung per Spezialbrille (Videookulografie)

Übungen gegen Schwindel

In vielen Fällen können Betroffene etwas gegen die Ursachen des Schwindels tun. Spezielle Übungen ...

  • ... stabilisieren den Kreislauf bei niedrigem Blutdruck
  • ... ermöglichen einen stabilen Stand
  • ... trainieren den Gleichgewichtssinn

Übung: Kreislauf stabilisieren bei niedrigem Blutdruck

  • Im Liegen Hände, Füße und Beine bewegen. Dann langsam aufrichten, dabei Zeit lassen und in jeder Phase des Aufrichtens aktive kleine Bewegungen machen, zum Beispiel  Hände und Finger bewegen, Füße bewegen, strecken, kreisen. Mit dieser Übung stabilisiert sich der Blutdruck, Ohnmachten werden verhindert, der Schwindel beim Aufrichten lässt nach. Dadurch wird verhindert, dass das Blut in die Beine sackt und das Gehirn mit Schwindel und Benommenheit reagiert.

  • Im Sitzen mit dem Kopf nicken und schütteln. Das lockert die Muskulatur, löst Verkrampfungen, verbessert den Gleichgewichtssinn und wirkt dem Schwindel entgegen. Viele Betroffene halten aus Angst vor dem Schwindel den Hals steif. Die Übung lockert die Halsmuskulatur, verringert Steifheit und auch die Angst vor dem Schwindel. Das Vertrauen in den eigenen Körper wächst.

Übung: Stabilen Stand ermöglichen

Barfuß oder mit Socken auf einen Igelball stellen, dabei im Türrahmen oder an einem Möbelstück festhalten. Die Füße müssen mit Kraft auf den Ball drücken, ihn hin und her bewegen. Abwechselnd den Druck lockern und wieder fest drücken, wie beim Aufpumpen einer Luftmatratze.

Die Noppen des Igelballs sorgen für eine bessere Durchblutung der Fußsohlen und stimulieren dort Gleichgewichtsrezeptoren. Diese senden Signale an das Gehirn, das dadurch die Füße besser wahrnimmt. Der Stand wird stabiler, die Füße entspannen sich. Betroffene bekommen mehr Bodenhaftung, wackeln nicht mehr und ihr Schwindel lässt nach.

Übung: Gleichgewichtssinn trainieren

Tanzen trainiert die Orientierung im Raum und stärkt das Gleichgewicht. Die Bewegung nach Musik macht Spaß, lenkt vom Schwindel ab und stärkt das Selbstbewusstsein. Dadurch wird der Schwindel weniger. Ein Tanzpartner gibt Betroffenen Halt - viele haben weniger Angst vor Schwindel.

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Interview: Was hilft bei Schwindel?

09.10.2018 20:15 Uhr
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Unter Schwindel und Benommenheit leiden Betroffene oft jahrelang. Je nach Ursache können unterschiedliche Behandlungen helfen. Hausarzt Dr. Hendrik Schönbohm erklärt die Therapien. Video (05:11 min)

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Übungen gegen Schwindel

09.10.2018 20:15 Uhr
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Gegen Schwindel können einfache Übungen helfen. Sie stabilisieren den Kreislauf, ermöglichen einen stabilen Stand und trainieren den Gleichgewichtssinn. Video (02:51 min)

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Experten zum Thema

Dr. Hendrik Schönbohm, Facharzt für Allgemeinmedizin
Praxisverbund Hüttener Berge - Standort Alt Duvenstedt
Am Markt 1
24791 Alt Duvenstedt
www.praxisverbund-hb.de

Prof. Dr. Ulrich Pulkowski, Chefarzt
Neurologie mit Stroke Unit
imland Klinik Rendsburg
Lilienstraße 20-28
24768 Rendsburg
rendsburg.imland.de

Swanhild Priestley, Physiotherapeutin, Osteopathin, Heilpraktikerin
Sascha Aden, Physiotherapeut
Physio Zentrum Fockbek
Rendsburger Straße 43
24787 Fockbek
www.physio-fockbek.de

Weitere Informationen
Patienteninformationen der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
www.patienten-information.de

Wissenschaftliche Leitlinie "Akuter Schwindel in der Hausarztpraxis"
www.awmf.org

Dieses Thema im Programm:

Visite | 09.10.2018 | 20:15 Uhr

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