Mit Immuntherapien den Krebs bekämpfen

Stand: 05.10.2020 10:31 Uhr

Krebs ist oft nicht heilbar. Doch neue Therapien machen Hoffnung: So hat sich die Immunonkologie neben Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie als vierte Säule der Behandlung entwickelt.

Immuntherapien wirken nicht direkt auf den Tumor. Sie zielen darauf ab, das körpereigene Abwehrsystem zu aktivieren, sodass es Krebszellen erkennt und vernichtet. Denn prinzipiell ist das Immunsystem in der Lage, praktisch jeden Krebs auszuschalten. Das Problem ist jedoch, dass sich Krebszellen vor dem Immunsystem "verstecken" und lange im Verborgenen wachsen. Zu den Immuntherapien gegen Krebs gehören unter anderem die therapeutische Impfung und sogenannte Checkpoint-Inhibitoren.

Studien: Therapeutische Impfung bei Leukämie

Ein Anwendungsgebiet für therapeutische Impfungen ist die akute lymphatische Leukämie bei Kindern. Obwohl sich die Blutkrebsform besonders gut behandeln lässt, kommt es bei einem gewissen Prozentsatz der betroffenen Kinder zu Rezidiven. Solche Rückfälle sind oft schwierig zu behandeln.

Weil Krebsgeschwüre aus körpereigenem Gewebe entstehen, sind sie für das Immunsystem schwer zu erkennen. Deshalb können die Abwehrzellen den Tumor nicht wirksam bekämpfen. Durch die Impfung soll das Immunsystem Eiweißstoffe erkennen, die nur auf der Oberfläche der Tumorzellen vorkommen. Bisher werden diese Impfungen nur im Rahmen von Studien durchgeführt.

Hohe Kosten für Impfstoff

Der Impfstoff wird individuell für jeden Studienteilnehmer im Labor hergestellt. Dafür suchen die Forscher zunächst Moleküle, die nur auf den Krebszellen vorkommen. Um sie zu identifizieren, vergleichen sie das Erbgut der Leukämiezellen und gesunder Zellen des Erkrankten. So können sie spezifische Mutationen in den Leukämiezellen finden, isolieren und vervielfältigen.

Die Produktion des Impfstoffs dauert fünf Monate. Die Kosten liegen bei bis zu 50.000 Euro pro Studienteilnehmer. Den Impfstoff bekommen sie in einem Zeitraum von mehr als sieben Monaten insgesamt 16 Mal verabreicht. Immer wieder messen die Wissenschaftler, wie das Immunsystem darauf reagiert und ob es Abwehrzellen speziell gegen die Eiweißstoffe bildet.

Allerdings sind Krebsimpfungen alleine nicht ausreichend wirksam gegen Krebs. Sie könnten aber die Wirkung anderer Therapien wie der sogenannten Checkpoint-Inhibitoren verstärken und sie gleichzeitig verträglicher machen.

Checkpoint-Inhibitoren: Nobelpreis für Entdeckung

Anders als die therapeutische Impfung werden Checkpoint-Inhibitoren bereits in der Klinik gegen Krebserkrankungen eingesetzt.

Auf Abwehrzellen befinden sich sogenannte Checkpoints. Das sind Moleküle, die wie Bremsen wirken: Sie verhindern, dass die Immunzellen körpereigenes Gewebe schädigen. Krebszellen verstärken die Bremswirkung und schützen sich so vor dem Immunsystem. Neue Medikamente mit speziellen Hemmstoffen (Checkpoint-Inhibitoren) lösen die Bremsen. Dann können die Abwehrzellen den Tumor wirksam bekämpfen.

Die bahnbrechende Entdeckung wurde in 2018 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Und tatsächlich haben sich die Checkpoint-Inhibitoren als eine Revolution in der Krebsmedizin bewährt und ungeahnte Heilerfolge ermöglicht – zum Beispiel bei Haut-, Lungen-, Nieren- oder Blasenkrebs. Mit ihnen lassen sich Tumore teilweise über Jahre zurückdrängen und in manchen Fällen vielleicht sogar heilen. Die hochwirksamen Medikamente bringen allerdings mitunter auch starke Nebenwirkungen mit sich, weshalb die Patienten sehr sorgfältig überwacht werden müssen.

Untersuchung mit Biomarker-Test

Vor dem Therapiebeginn mit Checkpoint-Inhibitoren muss ein sogenannter Biomarker-Test durchgeführt werden, der untersucht, ob und in welchem Umfang auf den Krebszellen bestimmte Oberflächenrezeptoren vorhanden sind. Zu diesen Markern gehören CTLA-4, PD-1 und PD-L1. Sie gehören zu den wichtigsten Zielstrukturen der Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren und kommen auf den meisten Tumorzellen vor – unabhängig davon, in welchem Organ der Krebs auftritt.

Nebenwirkungen der Immuntherapie

Erste Medikamente, die die tumorbedingte Bremse der Immunabwehr über diese Checkpoints aufheben, sind bereits auf dem Markt. Allerdings ist die Immuntherapie sehr teuer und sie wirkt nicht bei jedem. Außerdem hat sie deutliche Nebenwirkungen. Das entfesselte Immunsystem attackiert nicht nur den Tumor, sondern auch gesundes Gewebe. Mit weiteren Medikamenten lassen sich die Nebenwirkungen aber oftmals beherrschen.

Checkpoint-Inhibitoren gegen verschiedene Krebsarten

Der schwarze Hautkrebs (Melanom) ist auch deshalb so gefürchtet, weil es noch vor wenigen Jahren in fortgeschrittenen Stadien keine wirksame Therapie gab. Seit der Zulassung des ersten Checkpoint-Inhibitors Ipilimumab im Jahr 2011 ist das anders. Er setzt an dem CTLA-4-Rezeptor an, den Melanomzellen an ihrer Oberfläche tragen. Galt ein metastasiertes Melanom noch vor zehn Jahren als sicheres Todesurteil, sind heute 40 Prozent der Betroffenen nach fünf Jahren noch am Leben.

Seit 2015 ist der Checkpoint-Hemmer Nivolumab zur Behandlung von fortgeschrittenem Lungenkrebs zugelassen. Er richtet sich gegen den PD-1-Rezeptor. In Kombination mit Ipilimumab wird Nivolumab auch gegen eine bestimmte Form von Nierenkrebs eingesetzt.

Ebenfalls 2015 wurde der Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab zugelassene. Er wird in der Behandlung verschiedener Krebsarten eingesetzt, die den PD-L1-Rezeptor an der Oberfläche tragen:

  • schwarzem Hautkrebs
  • Lungenkrebs
  • Hodgkin-Lymphom
  • Harnblasenkrebs
  • Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich
  • Nierenkrebs

2017 folgte die Zulassung des PD-L1-Checkpoint-Inhibitors Atezolimab. Er wird, zum Teil in Kombination mit anderen Tumormedikamenten, gegen Harnblasenkrebs, Lungenkrebs und Brustkrebs eingesetzt und kann die Überlebenszeit deutlich verlängern.

In Studien werden Checkpoint-Inhibitoren mittlerweile auch gegen fortgeschrittenen Dickdarmkrebs eingesetzt.

CAR-T-Zelltherapie: Hochwirksam, aber riskant

Bei der ebenfalls für einige Krebsarten zugelassenen CAR-T-Zelltherapie werden dem Patienten entnommene Immunzellen im Labor gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen bekämpfen. Auch diese sehr aufwendige und teure Immuntherapie ist hochwirksam, aber mit dem Risiko starker Nebenwirkungen verbunden. Deshalb wird über ihren Einsatz von Fall zu Fall in einer sogenannten Tumorkonferenz entschieden.

Dendritische Zellen: Wirksamkeit nicht bewiesen

Bereits seit Jahrzehnten wird die Behandlung mit sogenannten Dendritischen Zellen erforscht. Dabei handelt es sich um Zellen des Immunsystems, die anderen Immunzellen beibringen, aktiv zu werden. Um sie therapeutisch anzuwenden, werden die dendritischen Zellen eines Krebskranken entnommen, im Labor auf seinen Krebs ausgerichtet und ihm dann zurückgegeben. Einige Praxen bieten die Behandlung für 20.000 bis 30.000 Euro an und werben mit spektakulären Heilerfolgen. Dabei gibt es bisher keine Nachweise für die Wirksamkeit und Sicherheit, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Starke Nebenwirkungen möglich

Da eine Aktivierung des Immunsystems nicht ungefährlich ist, weil es bei einer zu starken Wirkung auch körpereigenes Gewebe angreift, ist das Austarieren von gewünschter Wirkung und gefährlichen Nebenwirkungen eine Gratwanderung, die viel Erfahrung und eine engmaschige Überwachung erfordert. Experten empfehlen daher dringend, solche nicht zugelassenen Therapien nur im Rahmen klinischer Studien durchzuführen. Das hat neben der bestmöglichen medizinischen Betreuung auch den Vorteil, dass die Behandlung für den Betroffenen in der Regel kostenlos ist und die Studienteilnehmer zudem für den Fall einer Schädigung immer versichert sind.

Vorsicht bei alternativen Krebstherapien

Neben echten Immuntherapien gibt es ein breites Angebot an alternativmedizinischen Präparaten - von mehr oder weniger sinnvollen pflanzlichen Mitteln und Vitaminen bis hin zu "aktiv-spezifischen Immuntherapien". Einige Anbieter behaupten sogar, Krebs heilen zu können. Experten raten zur Vorsicht, wenn eine Therapie mit Heilerfolgen und guter Verträglichkeit beworben wird und womöglich viel Geld kostet. Das spricht eher dafür, dass die beworbene Therapie unseriös und im besten Falle wirkungslos ist - im schlimmsten Fall sogar gefährlich.

Weitere Informationen
Grafik einer Krebszelle © Fotolia.com Foto: fotoliaxrender

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Dirk Arnold, Chefarzt
Medizinischer Vorstand des Asklepios Tumorzentrums Hamburg
Onkologie, Hämatologie, Palliativmedizin und Rheumatologie
Asklepios Klinik Altona
Paul-Ehrlich-Straße 1
22763 Hamburg
(0 40) 18 18 81-12 11
www.asklepios.com

Prof. Dr. Mascha Binder, Ärztliche Direktorin
Universitätsklinik und Poliklinik für Innere Medizin IV
Universitätsklinikum Halle
Ernst-Grube-Straße 40
06120 Halle (Saale)
(0345) 557 2924
www.medizin.uni-halle.de

Weitere Informationen
Basisinformationen der Deutschen Krebsgesellschaft zur Immunonkologie
www.krebsgesellschaft.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 06.10.2020 | 20:15 Uhr

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