Stand: 16.10.2018 09:44 Uhr  | Archiv

Herzschwäche nach der Geburt: Gefahr für Frauen

Eine Herzschwäche vermutet man eher bei älteren Menschen. Aber genau darin liegt die Gefahr, denn unter bestimmten Umständen kann es bei jungen und scheinbar gesunden Frauen zu einer schwangerschaftsbedingten Herzschwäche kommen - einer Peripartalen Kardiomyopathie (PPCM).

Herzschwäche häufig unerkannt

Die Erkrankung tritt ohne Vorwarnung im letzten Schwangerschaftsmonat oder in den ersten Monaten nach der Geburt auf. Binnen weniger Wochen kann eine PPCM zu schwerer Herzschwäche und sogar zum Tode führen. Erschöpfung, Atemnot, Husten, Gewichtszunahme, besonders durch Wassereinlagerungen in Lunge und Beinen, sowie Herzrasen sind typische Symptome.

Das Problem: Die Krankheit wird häufig nicht erkannt: Entweder, weil die Symptome von dem etwas eingeschränkten Wohlbefinden kurz nach der Geburt überdeckt sein können (zum Beispiel Abgeschlagenheit), oder weil sie zum Teil auch bei anderen Krankheiten auftreten können. So werden zum Beispiel Atemnot, Reizhusten und Wasserstauung im Röntgenbild der Lunge häufig als bronchialer Infekt oder Lungenentzündung gedeutet. Und: Während Kardiologen PPCM mittlerweile ganz gut kennen, ist sie bei Gynäkologen oder Allgemeinmedizinern oft noch unbekannt.

Ursachen noch nicht klar

Ärztin hört mit einem Stethoskop den Bauch einer schwangeren Frau ab © Colourbox
Unter bestimmten Umständen kann es bei jungen Frauen zu einer schwangerschaftsbedingten Herzschwäche kommen.

1.500 bis 2.000 Frauen pro Jahr erkranken in Deutschland an einer Peripartalen Kardiomyopathie. Warum scheinbar gesunde Frauen um die Geburt herum eine Herzschwäche entwickeln, ist noch unbekannt. Ein Fünftel von ihnen hat eine genetische Veranlagung für Herzkrankheiten, bei 80 Prozent ist es unklar. An der Medizinischen Hochschule Hannover haben Forscher herausgefunden, dass das Stillhormon Prolaktin eine wichtige Rolle für die Entstehung von PPCM spielt: Bei den erkrankten Frauen wird das Stillhormon fehlerhaft gespalten. Es stört dadurch die kleinen Blutgefäße des Herzens und die Blutzirkulation so stark, dass das Herz angegriffen wird. Risikofaktoren können außerdem eine Zwillings-Schwangerschaft oder auch erhöhter Blutdruck während der Schwangerschaft (Präeklampsie) sein. Allerdings haben viele Schwangere Probleme mit dem Blutdruck und entwickeln keine PPCM.

Therapie

Um die Herzkraft zu steigern, werden in der Notfallmedizin normalerweise sogenannte Katecholamine wie Dobutamin verabreicht. Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover fanden aber heraus, dass die Gabe von Dobutamin bei Frauen mit einer PPCM die Herzmuskeln aktiv zerstört und deren Energieversorgung unterdrücken kann - eine irreversible Herzschwäche ist die Folge. Das Medikament hebt die sonst heilende Wirkung anderer Medikamente auf. Auf keinen Fall darf eine junge Mutter mit PPCM mehr stillen. Sie bekommt starke Herz-Medikamente - und ein spezielles Mittel gegen die PPCM: Bromocriptin. Dieser Wirkstoff blockiert das Prolaktin und damit einen wichtigen Treiber der Erkrankung. So kann sich die Herzfunktion schneller und besser erholen. In schweren Fällen setzen die Hannoveraner Ärzte den Betroffenen zur Entlastung des Herzens vorübergehend eine spezielle Pumpe in die linke Herzkammer ein. Rund 50 Prozent der erkrankten Frauen erholen sich nach der Therapie wieder komplett. Von einer weiteren Schwangerschaft raten Mediziner allerdings ab.

Experten zum Thema

Prof. Dr. Johann Bauersachs, Direktor
Dr. Tobias König, Assistenzarzt
Klinik für Kardiologie und Angiologie
Zentrum Innere Medizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
(0511) 532 38 41
www.mhh-kardiologie.de

Dr. Thomas Wasielewski, Facharzt für Allgemeinmedizin
Wurster Straße 31
27580 Bremerhaven

Weitere Informationen
Fragen und Antworten zur PPCM
www.mhh-kardiologie.de/

Deutsche Herzstiftung e.V.
Bockenheimer Landstraße 94-96, 60323 Frankfurt am Main
(069) 955 12 80
www.herzstiftung.de

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Visite | 16.10.2018 | 20:15 Uhr

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