Stand: 28.04.2020 12:17 Uhr  | Archiv

Sars-CoV-2: Wann kommt ein Corona-Impfstoff?

von Jens Bonnet, NDR.de
Eine Spritze holt Flüssigkeit aus einem Behälter dahinter sind Symbole von Viren. © picture alliance Foto: Klaus Ohlenschläger
Mit einem Impfstoff könnte die Ausbreitung der Corona-Pandemie gestoppt werden.

Ein effektiver Impfschutz ist derzeit die erfolgversprechendste Möglichkeit, die Sars-CoV-2-Pandemie zu stoppen - so wie es bereits bei vielen anderen Erregern gelungen ist. Denn abgesehen von sauberem Trinkwasser waren Impfungen schon bisher die effektivste Maßnahme zur Reduzierung der Sterblichkeit und eine weit wirkungsvollere Waffe gegen Infektionskrankheiten als Antibiotika. In vielen Ländern arbeiten Forscher deshalb mit Hochdruck daran, den seit Wochen bekannten genetischen Bauplan des neuen Virus für die rasche Entwicklung eines Impfstoffes zu nutzen.

Wie funktioniert eine Impfung?

Grundsätzlich gibt es vier verschiedene Arten von Impfstoffen: Um eine Immunantwort zu provozieren, werden bei der klassischen Impfung abgetötete oder abgeschwächte Erreger verwendet. Vor allem die auch als Lebendimpfstoffe bezeichneten abgeschwächten Erreger führen nach einmaliger Impfung zu einer relativ starken Immunisierung. Es gibt dabei aber ein geringes Restrisiko, dass die abgeschwächten Keime doch die Oberhand gewinnen und genau die Infektion auslösen, die die Impfung eigentlich verhindern soll.

Protein-basierte Impfstoffe enthalten keine kompletten Viren, sondern nur einzelne, charakteristische Eiweiße (Proteine) des Virus, die eine Immunreaktion provozieren sollen. Ein Infektionsrisiko besteht dabei nicht, aber für eine ausreichende Immunantwort müssen diesen Impfstoffen oft Verstärkersubstanzen (Adjuvantien) hinzugefügt werden, die zu Nebenwirkungen führen können.

Als Vektoren werden harmlose Viren bezeichnet, die gentechnisch so modifiziert wurden, dass sie charakteristische Bestandteile des gefährlichen Erregers enthalten und das Immunsystem quasi als Sparringspartner trainieren.

Genbasierte Impfstoffe ermöglichen eine innovative, besonders raffinierte Impfstrategie: Sie liefern den "Bauplan" für einen Impfstoff, bestehend aus DNA oder mRNA (Messenger-RNA). Anhand dieses in einen Muskel injizierten Bauplans produzieren einige Zellen des Körpers harmlose, aber charakteristische Bestandteile (Antigene) des Erregers, die das Immunsystem als fremd erkennt und bekämpft.

Genbasierte Impfstoffe haben viele Vorteile

Dieses Verfahren bietet eine Reihe von Vorteilen, die es für den Kampf gegen die aktuelle Pandemie besonders interessant machen: Da weder tote noch lebende Erreger benötigt werden, besteht keine Infektionsgefahr und die zeitraubende Anzuchtphase entfällt. Auch Adjuvantien sind nicht nötig. Vor allem aber lassen sich diese Impfstoffe schnell und preisgünstig in sehr großen Mengen produzieren. Bisher ist allerdings noch kein einziger mRNA- oder DNA-Impfstoff auf dem Markt, obwohl die Forschung in letzter Zeit enorme Fortschritte auf diesem Gebiet gemacht hat. Sars-CoV-2 könnte dieser neuen Impfstoff-Technologie nun den Durchbruch bringen.

Wie werden Impfstoffe unter Pandemie-Bedingungen entwickelt?

Um bei einer Pandemie so schnell wie möglich Impfstoffe auf den Markt zu bringen, müssen viele, normalerweise aufeinanderfolgende Schritte gleichzeitig erfolgen. Während die herkömmliche Impfstoffentwicklung über mehrere Jahre nach einem festgelegten Pfad abläuft, werden bei einem pandemischen Krankheitsausbruch Studienphasen verkürzt und parallel die klinische Entwicklung sowie die Ausarbeitung der Herstellungsprozesse vorgezogen. So wird zum Beispiel bereits die erste Studienphase am Menschen, die normalerweise nur die Sicherheit des Präparats prüft, mit verschiedenen Dosierungen und der Fragestellung nach der Wirksamkeit verknüpft. Das ist aufwendiger, aber auch deutlich schneller als das herkömmliche Verfahren.

Statt zunächst Testpräparate in kleinen Mengen herzustellen und die Produktion langsam hochzufahren, läuft zudem die Herstellung des Impfstoffs in großem Maßstab bereits vor der Zulassung an. Für den Hersteller bedeutet das allerdings ein erhebliches finanzielles Risiko: Er muss in Herstellung und Vertrieb investieren, ohne zu wissen, ob sein Impfstoffkandidat überhaupt zugelassen wird.

Welche Impfstoffe gegen Covid-19 werden aktuell getestet?

Für die Zulassung von Impfstoffen ist in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut(PEI) zuständig. Es hat dabei die Aufgabe, die Impfstoffentwicklung zielgerichtet zu beschleunigen und trotzdem sicherzustellen, dass die notwendigen wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt werden. Im April hat das Institut die erste klinische Prüfung eines Impfstoffs gegen Sars-CoV-2 in Deutschland genehmigt. Der mRNA-Impfstoff des Mainzer Unternehmens BioNTech wird im ersten Schritt an gesunden Freiwilligen zwischen 18 und 55 Jahren getestet, bevor er in der nächsten Phase etwa 500 Menschen aus zum Teil vorerkrankten Risikogruppen verabreicht wird. Die Forscher überprüfen dann, ob die Teilnehmer Antikörper gegen das Coronavirus gebildet haben.

Ein Mann pipettiert in einem Labor des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac eine blaue Flüssigkeit © dpa-Bildfunk Foto: Sebastian Gollnow, dpa
Auch das deutsche Unternehmen CureVac arbeitet derzeit an einem mRNA-Impfstoff.

Weltweit laufen derzeit bereits zahlreiche Studien für ganz verschiedene Kandidaten aller Impfstoffarten, die unterschiedlich weit gediehen sind: Dazu gehören neben dem BioNTech-Präparat noch weitere mRNA-Impfstoffe der Unternehmen CureVac (Deutschland), Moderna und Arcturus (USA) sowie RNACure und Stermina (China), zwei chinesische Totimpfstoffe, ein abgeschwächter Lebendimpfstoff aus Indien, neun verschiedene Protein-basierte Impfstoffe, fünf virale Vektoren und ein DNA-Impfstoff des US-Unternehmens Inovio. In Hannover wird zudem ein modifizierter Tuberkulose-Impfstoff auf seine Wirksamkeit zur Vorbeugung von Covid-19 getestet.

Doch bis einer oder mehrere dieser Impfstoffkandidaten gegen Sars-CoV-2 tatsächlich in großem Stil zum Einsatz kommen können, wird trotz aller Anstrengungen noch einige Zeit vergehen. Experten rechnen frühestens im nächsten Jahr mit entsprechenden Zulassungen.

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NDR Info | 23.04.2020 | 12:04 Uhr

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