Arthrofibrose: Schmerzen nach Gelenk-OP

Stand: 21.06.2022 08:55 Uhr

Meist entsteht eine Arthrofibrose als Komplikation nach einer Verletzung oder Operation. Symptome sind starke Schmerzen an Gelenken und eingeschränkte Beweglichkeit.

Eine Arthrofibrose ist eine überschießende Narbenbildung in einem der großen Gelenke, zum Beispiel am Knie. Sie tritt als häufige, aber kaum bekannte Komplikation nach einer Operation oder Verletzung am Gelenk auf. In Deutschland erkranken Tausende Menschen pro Jahr an Arthrofibrose. Dabei verdrängen die Bindegewebszellen der inneren Narbe gesundes Gewebe und schränken dadurch die Beweglichkeit des Gelenks meist dauerhaft ein. Wie bei jeder Wundheilung werden Bindegewebszellen, Fibroblasten, aktiviert und vermehren sich. Normalerweise sind Auf- und Abbau der Strukturen im Gleichgewicht. Doch manchmal gerät dieser Prozess außer Kontrolle. Es kommt zu einer überschießenden Produktion. Die Folge: Das Gelenk kann schlechter bewegt werden. Expertinnen und Experten sprechen vom sogenannten Schraubstockgefühl.

Symptome: Rötung, Schwellung, Unbeweglichkeit

Vor allem nach Knie-Operationen an Kreuzband und Meniskus sowie bei Knie-Prothesen tritt die Arthrofibrose als Komplikation auf. Es können aber auch Gelenke wie Schulter oder Hüfte betroffen sein. Nach dem Einsetzen einer Knie-Vollprothese (Knie-TEP) tritt bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen eine Arthrofibrose auf.

Eine Arthrofibrose macht sich zunächst durch typische Entzündungsreaktionen wie Rötung und Schwellung bemerkbar. Im Laufe der Zeit lässt sich das erkrankte Gelenk immer weniger beugen oder strecken. Eine Beugung des Gelenks über 90 Grad ist nicht mehr möglich. Bei Arthrofibrose am Knie wird die Kniescheibe immer unbeweglicher.

 

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Das Modell eines Kniegelenkes © Screenshot
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Was tun bei einer Arthrofibrose nach Gelenk-OP?

Vor allem nach Knie-Operationen an Kreuzband und Meniskus sowie bei Knie-Prothesen tritt die Arthrofibrose als Komplikation auf. 8 Min

Ursachen: Risikofaktoren für Arthrofibrose

Warum es einige Menschen trifft und andere nicht, ist bis heute ungeklärt. Zu den möglichen Risikofaktoren für eine Arthrofibrose nach einer Verletzung oder Operation gehören:

  • eine Neigung zu ausgeprägter Narbenbildung
  • eine schlechte Beweglichkeit des Gelenks vor der Operation
  • Arthrofibrosen an anderen Gelenken
  • emotionale Belastungen und Störungen des vegetativen Nervensystems
  • Überlastung
  • Training über den Schmerzpunkt
  • Einblutungen bei der OP

Therapie: Behandlung mit Lymphdrainage und Physiotherapie

Die Ärztin oder der Arzt sollten zunächst andere Erkrankungen ausschließen, die ähnliche Symptome verursachen, zum Beispiel Infektionen oder ein falsch eingesetztes Kunstgelenk im Knie. Der Verdacht auf eine Arthrofibrose kann durch eine Kernspintomografie (MRT) untermauert werden.

Entwickelt sich nach einer Operation eine Arthrofibrose, ist Eile geboten. Denn frühzeitig erkannt, besteht die Chance, die Beweglichkeit und Belastbarkeit ohne Operation wiederherzustellen. Dabei ist die konservative Therapie eine Gratwanderung. Ist die Belastung zu groß, kann es zu einem Rückfall kommen, wird zu wenig gemacht, tritt keine Besserung ein. Ziel ist es, den Körper dabei zu unterstützen, das überschüssige Gewebe abzubauen. Zum Einsatz kommen Lymphdrainage, durchblutungsfördernde Maßnahmen (warme Bäder, Fangopackungen), schmerzlindernde Therapien (Akupunktur, Fußreflexzonenmassage) und Physiotherapie.

Zu starke mechanische Belastung fördert jedoch die Narbenbildung. Deshalb sollten Betroffene ihren Körper langsam und mit viel Geduld trainieren. Bei Arthrofibrose fördert zum Beispiel langsames Auf- und Abrollen der Beine mit einer Decke unter dem Knie das Beugen des Gelenks. Bewegt man das Knie gerade so viel, wie das Gelenk zulässt, werden Narben langsam abgebaut. Auch eine entsprechende Ernährung kann die Therapie unterstützen.

Arthrolyse: OP bei anhaltenden Beschwerden

Halten die Beschwerden jedoch weiter an, kann eine Arthrolyse das Gelenk wieder beweglicher machen. Dabei entfernt der Operateur im Rahmen einer Gelenkspiegelung das Narbengewebe und löst Verklebungen. Im Anschluss geht es darum, mit verschiedenen Maßnahmen das überschüssige Gewebe weiter abzubauen. Denn eine OP ist erneut ein Trauma und somit ein Risiko.

Das Therapiekonzept besteht deshalb aus vier Säulen:

  • Medikamente: Kortison und Schmerzmittel sollen das Stresslevel herunterfahren, um eine weitere Vernarbung zu unterbrechen und überflüssiges, fibrotisches Gewebe abzubauen. Auch Schlafmittel, um für eine schmerzfreie Nacht zu sorgen, können zum Einsatz kommen.
  • Physikalische Therapie: Hier werden Lymphdrainagen und Massagen eingesetzt. Diese Behandlung kann unter Umständen schmerzhaft sein und muss daher abgewogen werden.
  • Physiotherapie soll das Gelenk mobilisieren.
  • Sporttherapie: Mit dieser Behandlung wird gekräftigt. Damit das Gelenk nicht überfordert wird, eignet sich Aquatraining oder das Fahrradergometer bei geringer Last und weit nach unten gestelltem Sattel.

Wichtig ist, dass die Therapieeinheiten täglich gemacht werden. Dabei lieber kleine Einheiten von zum Beispiel sechs mal zehn Minuten als einmal 60 Minuten einlegen.

Judet-Operation: Beugung des Knies wiederherstellen

Wenn nicht nur das Gelenk, sondern auch die Oberschenkelmuskulatur vernarbt ist, hilft nur noch eine sogenannte Judet-Operation. Den aufwendigen Eingriff beherrschen nur wenige Chirurgen in Deutschland. Bei dieser OP wird die komplette Oberschenkelmuskulatur von der Hüfte bis unter das Knie abgelöst. Dadurch rutscht die Muskulatur nach unten und das Kniegelenk lässt sich wieder beugen.

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Visite | 21.06.2022 | 20:15 Uhr

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