Antikörper-Therapie gegen Corona: Wie weit ist die Forschung?

Stand: 23.11.2020 15:45 Uhr

Künstlich hergestellte oder aus dem Blut von Genesenen gewonnene Antikörper gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 können den Körper beim Kampf gegen eine Infektion unterstützen. Wie ist der Stand der Forschung?

Weltweit haben sich Forschergruppen in den vergangenen Monaten auf die Suche nach geeigneten Antikörpern gegen Sars-CoV-2 gemacht. Sie suchten dazu im Blut von Menschen, die eine Covid-19-Erkrankung überstanden hatten, nach den Antikörpern, die für ihre Genesung verantwortlich waren.

Antikörpertherapie bereits etabliertes Verfahren

Das Immunsystem bekämpft jeden viralen Infekt mithilfe von Antikörpern - so auch bei einer Infektion mit Sars-CoV-2. Allerdings benötigt das Immunsystem etwa ein bis zwei Wochen, um die entsprechenden Antikörper zu produzieren. In der Zwischenzeit könnten Menschen mit einer Covid-19-Infektion von der therapeutischen Gabe entsprechender Antikörper profitieren. Experten sprechen dann von einer Passivimmunisierung. Das bekannteste Beispiel einer bereits angewendeten Passivimmunisierung ist die Gabe von Tetanus-Antikörpern bei Verletzungen ohne sicheren Tetanus-Impfschutz.

Plasmatherapie mit Sars-CoV-2-Antikörpern von Genesenen

Illustration von Blut © fotolia Foto: petrabarz
Bei der Plasmatherapie wird Blutplasma von Genesenen an Erkrankte übertragen.

Das Prinzip der Übertragung von sogenanntem Rekonvaleszentenplasma ist schon länger bekannt. Dabei wird Blutplasma von Personen, die eine Infektionskrankheit - wie zum Beispiel Sars-CoV-2 - erfolgreich überstanden und eine Immunität gegen den entsprechenden Erreger entwickelt haben, gewonnen und übertragen. Denn in ihrem Blutplasma befinden sich Antikörper, die die Viren gezielt bekämpfen können. Diese Antikörper unterstützen dann das Immunsystem des Empfängers.

Eine spezielle Maschine trennt dafür aus dem Blut der Spender das Plasma, also den flüssigen Bestandteil inklusive der Antikörper, von den festen Bestandteilen, also den roten Blutkörperchen, ab. Die roten Blutkörperchen erhält der Spender zurück. Das Plasma mit den Antikörpern kann dann Erkrankten per Infusion verabreicht werden.

Klinische Erfahrungswerte sind vielversprechend

Die klinischen Erfahrungswerte dieses Therapieansatzes zur Behandlung von Covid-19 sind bislang vielversprechend. Große Studien fehlen allerdings. Vor allem wenn das Plasma früh einsetzt wird, kann es den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen. Betroffene mit schweren Krankheitsverläufen können damit vor der maschinellen Beatmung und so vor einem wochenlangen Aufenthalt auf der Intensivstation mit einer langwierigen Erholungsphase bewahrt werden. Nennenswerte Nebenwirkungen der Therapie sind bislang nicht bekannt.

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Allerdings ist der Antikörpergehalt des Blutes typischerweise unmittelbar nach einer durchgemachten Infektion am höchsten. Zu diesem Zeitpunkt kann aber noch kein Plasma gespendet werden, weil sich die Spender erst erholen müssen. Mit der Zeit lässt aber die Zahl der Antikörper nach. Und es gibt auch Menschen, die zwar erwiesenermaßen an Covid-19 erkrankt waren, bei denen aber keine oder nur sehr wenige Antikörper oder nur solche mit einer schlechten Wirksamkeit gefunden werden.

Monoklonale Antikörper gegen Coronaviren

Alternativ können sogenannte monoklonale Antikörper zur Therapie verwendet werden. Dafür müssen aus dem Blutplasma von Genesenen genau die Antikörper isoliert werden, die Sars-CoV-2 neutralisieren können. Außerdem müssen die Abwehrzellen gefunden werden, die diese Antikörper produzieren. Denn im Erbgut dieser Zellen befinden sich die Gene, die den Bauplan für die Produktion der Antikörper enthalten. Dieser Bauplan muss dann in Bakterien oder menschliche Zellen eingebracht werden, um die Antikörper in Zellkulturen in beliebiger Menge zu produzieren.

Dieser Therapieansatz ist prinzipiell gezielter als die Serumtherapie, da nur die Antikörper übertragen werden, die zur Abwehr der Viren dienen. Bei der Serumtherapie dagegen werden auch alle anderen Antikörper übertragen, die die Spender im Verlauf ihres Lebens gebildet haben. Außerdem werden auch andere Serumbestandteilen übertragen, die Komplikationen auslösen können.

Antikörper aus der Genbibliothek

Einen anderen Ansatz verfolgen Forscher der Technischen Universität Braunschweig. Sie stellen die Antikörper im Labor selbst her. In ihrer Genbibliothek haben sie die Erbinformationen aller zehn Milliarden Elemente, die das menschliche Immunsystem bilden kann. Dort haben sie einen Antikörper gefunden, der ideal gegen Sars-CoV-2 wirkt. In der Zellkultur konnte dieser Antikörper komplett verhindern, dass menschliche Zellen von dem Virus angegriffen werden.

Sollte der Antikörper im menschlichen Körper genauso gut funktioniert wie im Labor, könnte er möglicherweise schwere Krankheitsverläufe verhindern. Idealerweise müsste er dafür unmittelbar nach dem Nachweis einer Infektion, zumindest aber so früh wie möglich im Verlauf der Erkrankung, verabreicht werden. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Antikörper dann ein bis zwei Monate wirksam sind. Da eine Corona-Infektion in der Regel etwa zwei bis drei Wochen dauert, wäre diese Wirkdauer ausreichend um das Virus zu eliminieren. Theoretisch ist damit auch eine prophylaktische Gabe an Risikopatienten oder medizinisches Personal denkbar.

Monoklonale Antikörper schon im Einsatz gegen Covid-19

In den USA sind bereits zwei solcher monoklonalen Antikörper per Notfallzulassung - zum Beispiel bei Präsident Donald Trump - eingesetzt worden. Allerdings wurden klinische Studien danach unterbrochen, weil die Medikamente schwere Nebenwirkungen hatten. Genau diese sollen bei dem Medikament aus Braunschweig aber durch eine genetische Veränderung ausgeschlossen sein. Die Wissenschaftler haben die Antikörper so modifiziert, dass der gefürchtete Zytokinsturm, also eine überschießende Reaktion des Immunsystems, die bei schweren Covid-19-Verläufen oft vorkommt, ausgeschlossen ist.  Daher könnte dieser Antikörper auch in späteren Stadien der Erkrankung noch eingesetzt werden. Studien dazu sollen Anfang 2021 starten.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Martin Bergmann
Chefarzt der Abteilung Kardiologie, Pneumologie und internistische Intensivmedizin
Asklepios Klinik Altona
Paul-Ehrlich-Str. 1
22763 Hamburg
(040) 181 881 12 21
www.asklepios.com

Priv.-Doz. Dr. Hans-Peter Hauber
Sektionsleiter Pneumologie
Oberarzt der Abteilung Kardiologie, Pneumologie und internistische Intensivmedizin
Asklepios Klinik Altona
Paul-Ehrlich-Str. 1
22763 Hamburg
(040) 181 881 12 21
www.asklepios.com

Prof. Dr. Stefan Dübel
Leiter der Abteilung für Biotechnologie
Institut für Biochemie, Biotechnologie und Bioinformatik
Technische Universität Braunschweig
Universitätsplatz 2
38106 Braunschweig
www.tu-braunschweig.de

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Visite | 24.11.2020 | 20:15 Uhr

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