Stand: 05.11.2019 10:31 Uhr  | Archiv

Adipositas-Chirurgie: Wenn die Nachsorge fehlt

Eine Person in medizinischer Kleidung und Handschuhen tastet bei einem sehr übergewichtigem Mann den Bauch ab. © fotolia.com Foto: David Ebener
Ein Magen-Bypass kann stark übergewichtigen Menschen helfen, ihr Körpergewicht deutlich zu reduzieren.

Bariatrische Operationen wie Magen-Bypass, Schlauchmagen oder andere Verfahren haben sich als effektive Behandlungen etabliert, die vielen Menschen mit extremem Übergewicht eine deutliche Reduzierung ihres Körpergewichts ermöglichen und ihr Risiko verringern, an Diabetes mellitus zu erkranken. Mit der Operation allein ist es allerdings nicht getan, die Betroffenen benötigen eine lebenslange Begleitung, Betreuung und Behandlung. Experten kritisieren, dass trotzdem viele Menschen nach ihrer Magen-OP völlig alleingelassen werden.

Professionelle Begleitung bei bariatrischer OP ist wichtig

Eine bariatrische Operation hat das Potenzial, das ganze Leben der Betroffenen umzukrempeln. Aber dafür müssen sie auch selbst einiges tun und beachten. Sie müssen sich bewusster ernähren und viel mehr bewegen. Dann verschwindet in den meisten Fällen auch ein durch das Übergewicht entstandener Diabetes Typ II. Aber die Umstellung ist keinesfalls zu unterschätzen, deshalb ist professionelle Unterstützung wichtig.

Ernährungsberatung nach Magen-OP fehlt häufig

Da nach der Magenverkleinerung nur noch sehr kleine Portionen gegessen werden können, kann es leicht zu Mangelerscheinungen kommen, wenn man nicht auf eine ausgewogene Ernährung achtet. Der Körper braucht genügend Vitamine, Mineralstoffe und Eiweiß, um gesund zu bleiben. Ohne Ernährungsberatung sind die meisten Betroffenen an dieser Stelle überfordert, doch genau die fehlt häufig, weil sie nicht gesondert mit der Krankenkasse abgerechnet werden kann. Helfen könnten Schwerpunktpraxen für Ernährungsmedizin und entsprechend qualifizierte Praxen im hausärztlichen oder diabetologischen Bereich. Doch es gibt nur eine einzige Abrechnungsziffer zum Thema Adipositas, die Abrechnungsziffer für die Operation. Darum ist bei Adipositas weder eine Ernährungstherapie als Alternative zur Operation etabliert noch eine langfristige Ernährungsberatung in der OP-Nachsorge. So werden bei vielen Operierten Mängel erst entdeckt, wenn sie schon schwer krank sind.

Welche Nachsorgeuntersuchungen sind wichtig?

Zum regelmäßigen Check-up nach einer Operation sollte die Kontrolle von Gewicht, Bauchumfang und Körperzusammensetzung hinsichtlich Fett- und Muskelmasse gehören. Und genauso selbstverständlich wie Blutdruckmessen sollte eine umfassende Analyse der Blutwerte sein, um mögliche Mangelzustände (Vitamin B12, Eisen, Muskulatur, Osteoporose) aufzudecken.

Magenverkleinerung: Nachsorge lebenslang notwendig

Viele Betroffene rechnen nicht damit, dass sie auch nach einer Magenverkleinerung wieder dick werden können. Auf der anderen Seite fällt es vielen sehr schwer, vor allem Eiweiß, Vitamine und gute Fette trotz der kleinen Mengen in ausreichender Menge zu sich zu nehmen - insbesondere, wenn sie auch noch auf das Geld achten müssen. Auch die Operation selbst kann zu Problemen führen, weil die ganze Verdauung durcheinander gerät. Haarausfall, Hautveränderungen, Durchfall oder Verstopfung, das klassische Dumping-Syndrom - das alles ist letztlich eine körperliche Reaktion auf eine Fehlernährung oder eine falsch zusammengesetzte Ernährung. Auch deshalb ist eine gute Nachsorge wichtig, und zwar ein Leben lang.

Drastische Umstellung der Essgewohnheiten

Als Ideal gilt eine strukturierte Nachsorge mit einer Ernährungsberatung zu Beginn alle vier bis sechs Wochen, dann alle drei Monate. Denn am Anfang steht die drastische Umstellung der Essgewohnheiten, später muss immer wieder nachjustiert werden, um Mangelerscheinungen wie Muskelschwund oder Eisenmangel zu vermeiden. Und: Während die rasch purzelnden Pfunde anfangs noch die Motivation liefern, diszipliniert zu essen und sich viel zu bewegen, schleichen sich später bei vielen wieder die schlechten Gewohnheiten ein, wenn sie allein gelassen werden. Und dann sind die alten Probleme schnell wieder da.

Kostenübernahme mit Krankenkasse klären

Wer über eine Magen-OP nachdenkt, sollte unbedingt vorher klären, wer eine adäquate Nachsorge übernehmen kann. Betroffene sollten bei der Krankenkasse nachfragen, welche Nachsorgeangebote sie bezahlt, und sich das bereits vor der Operation schriftlich geben lassen. Adipositas-Selbsthilfegruppen bieten psychologische Unterstützung. Hilfreich können auch Sportgruppen sein.

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Experten zum Thema

Dr. Birgit Schilling-Maßmann, Ernährungsmedizinerin
Praxis Leeden - Schwerpunktpraxis für Ernährungsmedizin
Ostlandweg 4
49545 Tecklenburg
(05481) 93 99-0
www.adipositaszentrum.praxis-leeden.de

Dr. Maike Plaumann, Internistin, Diabetologin KVN, Ernährungsmedizinerin
Diabetes Kröpcke - Schwerpunktpraxis Ernährungsmedizin
Rathenaustraße 16
30159 Hannover
www.diabetes-kroepcke.de

Weitere Informationen
Zertifizierte Adipositas-Zentren der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie e.V.
Zentren sind eingeteilt in drei Stufen: Referenzzentrum (höchste Stufe), Exzellenz- und Kompetenzzentrum
www.dgav.de

Bundesweites Verzeichnis von Adipositas-Zentren, Selbsthilfegruppen und Ernährungsberatern
www.adipositas-verzeichnis.de

Patientenleitlinie "Diagnose und Behandlung der Adipositas"
www.awmf.org/ (pdf-Dokument)

Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V.
Fraunhoferstraße 5
82152 Martinsried
(089) 71 04 83 58
www.adipositas-gesellschaft.de

Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner
www.bdem.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 05.11.2019 | 20:15 Uhr

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