Schriftzug ADHS auf Papierkopf wird schützend in zwei Händen gehalten © IMAGO/Wirestock

ADHS bei Erwachsenen: Symptome, Diagnostik und Therapie

Stand: 17.04.2024 14:27 Uhr | vom Rundfunk Berlin-Brandenburg-Logo

Auch im Erwachsenenalter können ADHS-Symptome zu Schwierigkeiten im Alltag führen. Was sind die typischen Anzeichen? Welche Diagnostik gibt es? Und welche Therapie hilft?

von Angelika Schneider

Sich schwer konzentrieren können, Aufgaben aufschieben, zu spät kommen, Gegenstände verlieren, frustriert oder ungeduldig sein - das haben die meisten Menschen schon erlebt. Bei Manchen passieren diese Dinge aber so oft, dass der Alltag, die Karriere und die Beziehungen negativ beeinflusst werden. Dann kann ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, dahinterstecken.

Dieses Syndrom stammt aus der Kinder- und Jugendmedizin. Es betrifft aber bei weitem nicht nur Kinder oder Jugendliche. Etwa fünf Prozent aller Erwachsenen in Deutschland haben eine ADHS-Diagnose. Manche von ihnen haben lange Leidenswege hinter sich. Mithilfe der richtigen Unterstützung und Therapie können die meisten Betroffenen einen guten Umgang mit ADHS lernen.

ADHS bei Erwachsenen - die wichtigsten Fakten

Typische Symptome von ADHS bei Erwachsenen sind eine Konzentrationsschwäche und Impulsivität, seltener auch körperliche oder innere Unruhe.

Wie entsteht ADHS bei Erwachsenen?

ADHS entsteht im Kindesalter - je nach Definition treten erste Anzeichen vor dem zwölften oder dem siebten Geburtstag auf. Ursächlich ist wahrscheinlich das Zusammenspiel verschiedener Aspekte. Nach dem aktuellen Wissensstand sind genetische und umweltbezogene Faktoren vorrangig.

Obwohl die Symptome mit dem Alter oft abnehmen, haben etwa 70 Prozent der mit ADHS diagnostizierten Kinder oder Jugendlichen auch nach dem 18. Lebensjahr noch Symptome. Bis zu 15 Prozent erfüllen auch als Erwachsene noch die kompletten Diagnosekriterien.

Trotz Anzeichen während der Kindheit und Jugend, erhalten einige Betroffene die ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter. Grund dafür: Die Aufmerksamkeit für ADHS ist erst in den letzten Jahren gestiegen und Symptome wurden bei Kindern oftmals nicht ernst genommen. Manche Erwachsene merken erst, dass sie selbst betroffen sein könnten, wenn bei ihren Kindern Auffälligkeiten zu Tage kommen.

ADHS: Symptome bei Erwachsenen

Ein Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Impulsivität sind die ADHS-Kernsymptome - auch im Erwachsenenalter. Wichtig ist: ADHS äußert sich bei allen Betroffenen anders. Die Symptome und ihre Ausprägung unterscheiden sich alle voneinander. Im Folgenden werden also lediglich typische Anzeichen und Verlaufsformen beschrieben, die so nicht bei allen Betroffenen bestehen müssen.

Wie äußert sich Hyperaktivität bei Erwachsenen?

Meistens nehmen die Symptome im Erwachsenenalter ab oder werden weniger offensichtlich. Insbesondere die körperliche Hyperaktivität und körperliche Unruhe wird oft schwächer und kann dann eher als innere Anspannung, Getriebenheit oder ein Rasen der Gedanken bemerkt werden. Die Unruhe kann aber auch bei Erwachsenen als Beinwippen, Fingertrommeln oder besonderer Rededrang nach außen bemerkbar sein. Betroffene kompensieren ihre überschüssige Energie und Anspannung teilweise mit exzessivem Sport.

Symptom Impulsivität

Erwachsene mit ausgeprägter Impulsivität unterbrechen typischerweise häufig in Gesprächen. Entscheidungen werden zum Teil vorschnell und ohne das Bedenken der Konsequenzen getroffen, was Beziehungen und den beruflichen Werdegang beeinflussen kann. Impulsive ADHS-Betroffene sind eher ungeduldig, neigen zu unüberlegten Spontankäufen und einem risikoreichen Verhalten. Häufig werden starke Stimmungsschwankungen, eine niedrige Toleranz für Frustration und Stress sowie eine leichte Reizbarkeit beschrieben.

Starke Konzentrationsschwäche: Ein Anzeichen für ADS

Einige erwachsene ADHS-Betroffene leiden primär unter einer starken Konzentrationsschwäche und Unaufmerksamkeit. Eine Hyperaktivität und Störung der Impulskontrolle sind bei ihnen wenig ausgebildet. Dieser vorwiegend unaufmerksame Typ wird auch als ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) bezeichnet. Das Aufmerksamkeitsdefizit führt dazu, dass die Personen vermehrt Termine vergessen und ihre Schlüssel oder andere Gegenstände verlegen. Die Konzentrationsschwäche und Vergesslichkeit können auch im Beruf hinderlich werden und zu Flüchtigkeitsfehlern führen.

Probleme im Alltag, Beruf und Beziehung

Personen mit ADHS fällt es oft schwer ihren Alltag gut zu organisieren. Sie sind typischerweise schnell gelangweilt, aber auch schnell überfordert. Aufgrund der Unaufmerksamkeit und einer impulsiveren, risikoreicheren Fahrweise ist das Unfallrisiko im Straßenverkehr erhöht. Schwierigkeiten im Beruf führen dazu, dass Betroffene öfter ihren Arbeitsplatz wechseln und häufiger arbeitslos sind.

Auch im Privaten können die Partnerschaften und Freundschaften unter dem ADHS leiden: So können impulsive Wutausbrüche, unberechenbare Stimmungsschwankungen und das Nicht-Einhalten von Absprachen zu Konflikten in Beziehungen führen. Eine starke Unaufmerksamkeit wird oft als mangelndes Interesse an der gegenüberliegenden Person gedeutet. In Partnerschaften ist oft auch die Sexualität beeinflusst: So fällt es den ADHS-Betroffenen auch in intimen Situationen schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren, sie sind schnell abgelenkt und können dadurch für den Partner oder die Partnerin als abweisend wahrgenommen werden.

Einige ADHS-Betroffene erreichen aufgrund der Schwierigkeiten ihre Ziele sowohl im Privatleben als auch auf der Arbeit nicht. Besonders wenn häufiger Misserfolge passieren, führt das oft zu Selbstzweifeln und einem mangelnden Selbstbewusstsein.

Positive Symptome

Dabei sind lange nicht alle typischen Eigenschaften von ADHS-Betroffenen negativ. So gelten Personen mit ADHS als besonders kreativ und erfinderisch. Wenn sie von etwas begeistert sind, können sie sich stundenlang mit kompletter Aufmerksamkeit darauf fokussieren. Oft vergessen sie dann alles um sich herum.

Zu weiteren typischen Stärken zählt ein besonderer Mut, Spontanität, Ehrlichkeit, Offenheit für Neues und viel Energie. Viele Personen mit ADHS erleben auch ihre positiven Gefühle als sehr intensiv. Sie gelten als feinfühlig und hilfsbereit.

Häufige Begleiterkrankungen bei Erwachsenen mit ADHS

Viele Erwachsene mit ADHS erleben Misserfolge und leiden an Selbstzweifeln. Daher entwickeln sie vermehrt Depressionen oder Angststörungen. Auch Persönlichkeitsstörungen und Alkoholmissbrauch oder Drogenmissbrauch treten oft als Begleiterkrankungen auf. Im Erwachsenenalter können die Symptome der begleitenden Störungen und Erkrankungen zum Teil deutlicher werden als die ADHS-Symptome selbst.

Außerdem haben Personen aus dem Autismus-Spektrum gehäuft auch ADHS. Als Ursache hierfür wird eine genetisch bedingte Vulnerabilität diskutiert, die sowohl die Entstehung von Autismus als auch von ADHS wahrscheinlicher machen könnte.

Unterschiede bei Frauen und Männern

Unabhängig vom Geschlecht äußert sich ADHS bei allen Menschen individuell unterschiedlich. Dennoch werden in Studien typische Unterschiede der ADHS-Ausprägung bei Frauen und Männern beschrieben. Geschlechterdiverse Personen finden in der ADHS-Forschung bislang noch wenig Beachtung, weswegen hier lediglich binär die Unterschiede zwischen Männern und Frauen berichtet werden können.

Frauen werden häufiger als primär unaufmerksam, vergesslich und verträumt beschrieben. Sie haben also öfter das unauffälligere ADS ohne Hyperaktivität. Dafür werden unter anderem gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Mädchen verantwortlich gemacht. Eine nach außen sichtbare, motorische Unruhe ist bei ihnen seltener als bei Männern.

Während Männer ihre Probleme häufiger externalisieren – aggressiv werden oder Regeln brechen - neigen Frauen eher zu einer Internalisierung der Schwierigkeiten: Sie haben häufiger Selbstzweifel, Ängste und Depressionen. Weil sie somit tendenziell unauffälliger sind und außerdem eher zu einer Untertreibung ihrer Symptome neigen, wird ADHS bei Frauen seltener diagnostiziert.

Sie werden häufiger mit anderen Erkrankungen und Störungen fehldiagnostiziert und bekommen selbst mit der korrekten Diagnose seltener Medikamente verschrieben. Dabei ist eine besonders genaue Beobachtung gefragt: So können Hormonveränderungen während des Menstruationszyklus oder der Pubertät die Symptomausprägung und das Therapieansprechen deutlich beeinflussen.

Wie sinnvoll sind Tests und Selbsttests?

Woher kommen meine Konzentrationsschwierigkeiten und meine Vergesslichkeit? Habe ich ADHS? Dazu finden sich im Internet eine Menge Selbsttests. Manchmal können sie für eine erste Einschätzung helfen. Wichtig ist jedoch, dass Ergebnisse dieser Tests immer von einer erfahrenen Person abgeklärt werden. Denn eine sorgfältige Diagnostik ist wichtig, um Fehldiagnosen zu verhindern und die korrekte Behandlung anzuschließen.

Diagnostik: Wie und wo wird ADHS festgestellt?

Als erwachsene Person mit Anzeichen für ADHS sollte man sich dafür an einen mit ADHS-erfahrenen Psychotherapeuten oder -therapeutin oder eine Fachärztin oder Facharzt der Neurologie, Psychiatrie oder Psychosomatik wenden. In ausführlichen Gesprächen mit der betroffenen Person und Bezugspersonen und mithilfe verschiedener Tests und Fragebögen wird geprüft, ob die Diagnosekriterien für ADHS erfüllt sind. Es handelt sich dabei, um die gleichen Kriterien, wie bei Kindern und Jugendlichen.

Unter anderem muss bei Erwachsenen herausgefunden werden, ob schon während der Kindheit Symptome bestanden. Um das retrospektiv einschätzen zu können, können Fragebögen, wie die Wender-Utah-Rating-Scale helfen. Außerdem wird die betroffene Person körperlich untersucht. Zum Teil wird die Diagnostik durch Blutentnahmen und Untersuchungen wie ein EKG oder ein EEG ergänzt. Die Ärztin oder der Arzt prüft bei der Diagnostik auch, ob Begleiterkrankungen vorliegen, die in der Therapie mitbehandelt werden müssen oder ob nicht ADHS, sondern eine andere Störung oder Erkrankung, die beschriebenen Symptome hervorruft.

Therapie bei Erwachsenen

ADHS gilt als gut behandelbar, auch wenn es nicht per se heilbar ist. In einer individuell angepassten Therapie werden die vorherrschenden Symptome und Probleme der betroffenen Person angegangen und können so reduziert werden. Der Alltag von ADHS-Betroffenen kann so deutlich erleichtert werden. Die passenden Therapieformen werden dabei mit dem betreuenden Psychiater, der Psychiaterin oder entsprechendem anderen Experten oder Expertin besprochen. Während der Behandlung kann der Therapieplan zur Optimierung verändert werden. Bei Erwachsenen mit ADHS ist der Nutzen von Medikamenten sowie von einer Psychotherapie wissenschaftlich belegt. Oft ist eine Kombination beider Behandlungsformen sinnvoll.

Bei ADHS wird meist eine kognitive Verhaltenstherapie, eine besondere Form der Psychotherapie, angeboten. Insbesondere wenn zusätzlich eine Angststörung oder Depressionen vorliegen, ist eine Psychotherapie wichtig und kann helfen, die Lebensqualität der Betroffenen deutlich zu verbessern. Dabei werden konkrete Strategien zur Bewältigung von Problemen und zur Selbstorganisation im Alltag erlernt. Verhaltensweisen, die häufig Probleme verursachen, und Denkmuster, die zu Selbstzweifel führen, sollen erkannt und abgebaut werden. Die Stärken der betroffenen Person sollen gefördert werden. Auch Gruppentherapien oder Paartherapien können hilfreich sein.

Behandlung mit Medikamenten

Ob eine medikamentöse Therapie sinnvoll ist, wird individuell mit dem entsprechenden Arzt oder der Ärztin besprochen. Hierbei wird auch über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt, auf die bei der Einnahme geachtet werden sollte. Als Medikament der ersten Wahl wird Methylphenidat verwendet. Auch bei Erwachsenen konnte nachgewiesen werden, dass es die Kernsymptome des ADHS verringern kann. Bei der Einnahme sollte auf Nebenwirkungen wie Störungen des Schlafs, Appetitminderung und ein ungewollter Gewichtsverlust geachtet werden.

Als Alternative kommt zumeist das Antidepressivum Atomoxetin zum Zug, das auch ADHS-Beschwerden wirksam minimieren kann. Auch Atomoxetin kann Schlafschwierigkeiten und Appetitmangel verursachen. Zudem kann es das sexuelle Lustempfinden oder Erektionsstörungen hervorrufen. Besteht neben dem ADHS eine Depression haben sich die Antidepressiva Bupropion und Venlafaxin bewährt, um Symptome beider Erkrankungen zu reduzieren.

Zudem kann eine Psychoedukation, das Aufklären der betroffenen Person und der Bezugspersonen, zu einem besseren Verständnis für ADHS und die einhergehenden Schwierigkeiten beitragen. Außerdem können Selbsthilfegruppen, Sport, Achtsamkeitsübungen, Kunst oder Neurofeeback manchen Personen bei einer guten Alltagsbewältigung helfen.

Strategien: Was hilft Erwachsenen mit ADHS?

In der Psychotherapie, bei Aufklärungsschulungen und in Selbsthilfegruppen lernen Betroffene Strategien, um ihren Alltag besser zu bewältigen. Hier sind ein paar Strategien aufgezählt, die für Erwachsene mit ADHS hilfreich sein können:

  • Routinen helfen, um im Alltag organisiert zu bleiben.
  • Der Schlüssel oder andere wichtige Gegenstände sollten immer am selben Ort abgelegt werden.
  • To-Do-Listen und Erinnerungslisten können helfen, um wichtige Termine und Aufgaben nicht zu vergessen. Dabei können auch spezielle Apps hilfreich sein.
  • Beim Erledigen von Aufgaben sollten kleinschrittige Ziele gesetzt werden, um Überforderung zu verhindern. Zudem sollten Pausen am Tag eingeplant werden.
  • Wenn Freunde und Familienmitglieder über das ADHS und bestimmte Probleme der Betroffenen Bescheid wissen, können sie ein besseres Verständnis und Unterstützung entgegenbringen.
  • Am Arbeitsplatz sollten mögliche Störfaktoren beseitigt werden: Es wird empfohlen den Schreibtisch nicht zum Fenster, sondern zur Wand auszurichten und das Handy ausschalten.
  • Achtsamkeitsübungen oder Entspannungsübungen (wie kurze Atemübungen) helfen vielen Betroffenen Anspannung und Impulsivität zu reduzieren.
  • Sport und Hobbies helfen beim Abbau von überschüssiger Energie und kreieren Erfolgserlebnisse.
  • Beim Treffen von Entscheidungen sollten die Konsequenzen konkret durchdacht werden.
  • Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Büchern, in denen aufgeklärt wird und Tipps zum Umgang mit ADHS im Erwachsenenalter beschrieben sind.

Weitere Informationen

ADHS Deutschland e.V.
Selbsthilfe für Menschen mit ADHS

Ratgeber ADHS
Das Infoportal für Erwachsene mit ADHS

 

Weitere Informationen
ADHS bei Kindern: Ein Kind sitzt unglücklich über den Hausaufgaben © colourbox.de

ADHS bei Kindern: Symptome, Ursachen und Behandlung

Anzeichen von ADHS sind Unaufmerksamkeit, körperliche Unruhe und Impulsivität. Wie erkennen Eltern die Symptome? mehr

Schematische Darstellung: menschliches Gehirn, um das Blitze zucken. © NDR

ADHS: Noch immer häufig nicht erkannt

Korrekte Diagnose vorausgesetzt, ist eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) gut behandelbar. Was sind die Symptome? mehr

Ernährungsmedinizer Matthias Riedl steht am Küchentresen und schaut zu, wie sich Lennard einen Shake macht. Links im Bild Lennards Mutter. © NDR Foto: Oliver Zydek/Moritz Schwarz

Ernährung bei ADHS: Besserung durch oligoantigene Diät

Bestimmte Lebensmittel können ADHS verschlimmern. Welche sollte man meiden? Ein Ernährungs- und Symptomtagebuch hilft. mehr

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | MOMA | 11.05.2023 | 05:30 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Gehirn

Psychologie

Psychische Erkrankungen

Mehr Gesundheitsthemen

Blüte der Echinacea purpurea. © picture alliance / Shotshop | Martin G. Dr. Baumgärtner

Echinacea: Die Wirkung von Tropfen, Tee und Saft

Die Heilpflanze wirkt bei Erkältungskrankheiten und stimuliert das Immunsystem. Aber nur, wenn sie richtig angewendet wird. mehr

Gesundheits-Themen

Ratgeber