Stand: 22.11.2022 15:00 Uhr

Stutthof-Prozess - eine Chronologie der Ereignisse

Die 97-Jährige ist wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen angeklagt. Sie hatte 1943 bis 1945 im KZ Stutthof bei Danzig als Schreibkraft gearbeitet. Dort soll die Sekretärin in der Kommandantur von den Vorgängen im Lager gewusst haben. Irmgard F. war nach Kriegsende nach Schleswig-Holstein gezogen und hatte hier weiter als Schreibkraft gearbeitet. Die Rentnerin lebt in einem Altenheim im Kreis Pinneberg. Wegen des großen Interesses an dem Prozess hat das Landgericht Itzehoe die Verhandlung in eine Halle eines Logistikunternehmens in der Stadt verlegt.

29. November: Plädoyers der Nebenklage

Die Anwälte der Nebenklage halten ihre Plädoyers. Darin fordern sie die Angeklagte unter anderem auf, sich doch noch zu den Vorwürfen zu äußern. Die Überlebenden und Angehörigen hätten ein Recht auf Antworten. Irmgard F. hat sich in Prozess bisher nicht geäußert.

22. November: Staatsanwaltschaft fordert zweijährige Bewährungsstrafe

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Jugendstrafe von zwei Jahren Haft auf Bewährung. Die 97-jährige Angeklagte habe durch ihre Arbeit in der Lagerverwaltung Beihilfe zum grausamen und heimtückischen Mord an mehr als 10.000 Menschen geleistet. Da sie zu dieser Zeit zwischen 18 und 19 Jahren alt war, wird Jugendstrafrecht angewendet. Staatsanwältin Maxi Wantzen beschreibt den Prozess als Verfahren "von herausragender historischer Bedeutung - vielleicht einer der letzten Prozesse dieser Art". Der Prozess wird am 29. November mit den Plädoyers der Nebenklage fortgesetzt.

21. November: Befangenheitsantrag gegen Sachverständigen

Der Verteidiger der Angeklagten stellt einen Befangenheitsantrag gegen den historischen Sachverständigen Stefan Hördler. Er begründet den Antrag unter anderem damit, dass Hördler in einer Doppelfunktion als Gutachter und Ermittler tätig gewesen sei. Außerdem habe er gegenüber der Staatsanwaltschaft Erwartungen zum Ergebnis seines Gutachtens geweckt, die sich dann als nicht haltbar erwiesen hätten. Staatsanwaltschaft und Nebenklagevertreter weisen den Antrag als unbegründet zurück. Der Vorsitzende Richter der Strafkammer kündigt eine Entscheidung über den Befangenheitsantrag zu einem späteren Zeitpunkt an. Außerdem weist die Strafkammer zwei weitere Anträge ab. Dabei geht es um Hördlers Rolle bei einer Inaugenscheinnahme des früheren Konzentrationslagers. Der Historiker hatte Anfang November zwei Richter bei einem Besuch der polnischen Gedenkstätte begleitet. Die Verteidigung stellt die Unbefangenheit des Gutachters dabei in Frage, die Nebenklagevertreter wollen die Bedenken durch eine erneute Ladung des Zeugen ausräumen.

15. November: Vorschlag der Anwendung des Jugendstrafrechts

Die Jugendgerichtshilfe schlägt vor, das Jugendstrafrecht anzuwenden. Grund ist, dass die Angeklagte zu Beginn der ihr vorgeworfenen Taten erst 18 Jahre alt war. Der Sozialpädagoge Josef Lux schließt nicht aus, dass es in der damaligen Gesellschaft zu Entwicklungsverzögerungen bei der Frau gekommen sei. Das erklärt er vor dem Itzehoer Landgericht. Die heute 97-Jährige sei aber nicht bereit gewesen, ein persönliches Gespräch mit ihm zu führen, eine Kontaktaufnahme sei gescheitert.

8. November: Gericht legt Vor-Ort-Bericht vor

Zum ersten Mal in der Geschichte sind die Beteiligten eines Prozesses zum KZ Stutthof in Polen gereist, um zu sehen, wie das Lager aufgebaut war und was genau Irmgard F. von ihrem Arbeitsplatz hätte sehen können. Trotz Widerspruch des Verteidigers wird der Bericht dazu vor der Strafkammer verlesen. Einer der Nebenklagevertreter erklärt, dass die Angeklagte sich als Sekretärin frei im Hauptgebäude bewegt und beispielsweise Akten ins Archiv gebracht hätte. Von dort aus seien Krematorium und Gaskammern klar zu sehen gewesen. Der Verteidiger der 97-Jährigen ehemaligen Schreibkraft legt Widerspruch gegen den Bericht ein. Er will nicht, dass er bei der Urteilsfindung eine Rolle spielen darf. Er hält den Besuch vor Ort für das falsche Mittel der Beweisfindung, vor allem weil nicht das gesamte Gericht vor Ort war und die Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde.

27. September: Juristin: Anklage hätte viel früher geschehen können

Eine Juristin, die zwischen 2014 und 2016 zu dem Lager-Komplex Stutthof vorermittelt hatte, sagt aus, dass Irmgard F. und viele andere viel früher hätten angeklagt werden können. Dass die Angeklagte erst jetzt vor Gericht steht, sei ein juristisches, politisches und gesellschaftliches Versagen. Außerdem wird beschlossen, dass es zu einem Ortstermin in Stutthof kommen wird. Am 4. November werden sich zwei Richter und ein Historiker direkt vor Ort ein Bild machen und recherchieren.

13. September: Historiker: "Angeklagte hätte gehen können"

Der historische Sachverständige Stefan Hördler sagt erneut aus. Diesmal geht es um die Frage, ob die Angeklagte hätte kündigen können. Nach den Ausführungen des Historikers wäre das möglich gewesen. Demnach sei es ihre freie Entscheidung gewesen, in dem Lager zu arbeiten. Zudem erklärt der Gutachter, die Kommandantur sei "Drehscheibe" für alle Befehle gewesen - unter anderem für Bestellungen für das Gas Zyklon B. Dies soll belegen, dass die Angeklagte alles mitbekommen haben muss. Zudem kündigt der Vorsitzende Richter an, das das ehemalige Konzentrationslager Stutthof von Prozessbeteiligten besichtigt werden soll.

6. September: Letzter Zeuge der Nebenklage sagt aus

Als letzter Zeuge der Nebenklage wird der 92-Jährige Chaim Golani aus Israel befragt. Nach Angaben seines Anwalts war er 1944 in das Konzentrationslager Danzig verschleppt worden. Golani sagt zunächst, die Angeklagte habe "alles mit angesehen, sie hat uns verflucht und erniedrigt". Weiterhin gibt er an, Irmgard F. habe den Kommandanten im Lager begleitet, häufig SS-Uniform und Stiefel getragen. "Wir hatten Angst vor dieser Frau", so Golani. Später sagt der Zeuge jedoch auf Nachfrage des Richters, dass er die Angeklagte nie selbst gesehen oder mit ihr gesprochen habe.

23. August: ehemaliger KZ-Wachmann sagt erneut aus

Bruno Dey, der mit 17 Jahren als Wachmann im Konzentrationslager Stutthof beschäftigt war, sagt erneut vor dem Landgericht aus. Eine Stunde lang befragt die Nebenklage den heute 95-Jährigen. Sie wollen unter anderem wissen, ob er von seinem Wachturm aus die Kommandantur gesehen hat. Dey sagt, dass er das nicht mehr weiß und bleibt wie bei vielen anderen Fragen schmallippig. Allerdings sagt er aus, dass in dem Lager Unrecht geschehen sei. Er selbst sei bei einer Hinrichtung von drei Männern dabei gewesen. Ein Anwalt der Nebenklage sagt NDR Schleswig-Holstein: Wenn Bruno Dey gesehen hat, dass in dem Lager Unrecht geschehen sei, dann müsse die Angeklagte das eigentlich auch gesehen haben. Irmgard F. schweigt weiter zu den Vorwürfen.

28. Juni: Weiterer Überlebender sagt aus

Der 96-jährige Marek Dunin-Wasowicz ist per Videoverbindung aus Warschau zum Landgericht Itzehoe zugeschaltet. Er war im Mai 1944 zusammen mit seinem Bruder in das Konzentrationslager Stutthof gebracht worden, zuvor war Dunin-Wasowicz nach eigenen Angaben mit seiner Familie im polnischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer aktiv. Er spricht von der "Krankheit der Gleichgültigkeit" unter den völlig ausgehungerten Gefangenen. Wenn sie mittags von der Arbeit zurück in das Lager bei Danzig gekommen seien, habe manchmal ein Galgen bereitgestanden. "Keiner dachte, es wird gleich jemand aufgehängt werden, sondern: Jetzt kriegen wir wieder nichts zu essen", sagt der 96-Jährige nach den Worten einer Dolmetscherin. Seit seiner Zeit im KZ wisse er, was Angst und Hunger seien, so Dunin-Wasowicz weiter. Außerdem soll es im Lager durchgehend nach verbrannten Leichen gestunken haben, vor allem dann, wenn der Platz in den Krematorien nicht mehr ausreichte. Dann seien die Ermordeten und Verstorbenen auf Scheiterhaufen verbrannt worden.

14. Juni: KZ-Überlebende berichtet

Vor dem Landgericht Itzehoe berichtet eine Überlebende des Konzentrationslagers Stutthof von ihrer Zeit dort. "Ich wurde geschlagen, ich wurde getreten, ich wurde bespuckt", sagt die im australischen Melbourne lebende Halina Strnad über eine Videoverbindung. Als sie am Boden lag, sei sie vom Kommandanten des Lagers getreten worden. Ihr Schädel und ihre Rippen seien gebrochen gewesen, sie hätte nach dem Krieg zwei Mal operiert werden müssen, sagt die 95-Jährige, die im September 1944 von Auschwitz in das Lager bei Danzig gebracht worden war. Anfang 1945 seien fast alle gefangenen Frauen in ihrer Baracke an Typhus erkrankt, auch sie selbst, erklärte Strnad. Ihre Mutter sei in ihren Armen gestorben. Die vielen Toten seien in einer Grube verbrannt worden, wie sie von Mitgefangenen erfahren habe. Im Lager habe es ständig danach gestunken. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es möglich war, nicht zu wissen, was passierte, da es diesen permanenten Gestank nach verbrannten Leichen gab", sagte Strnad nach den Worten einer Übersetzerin.

7. Juni 2022: Ehemaliger KZ-Wachmann kennt Angeklagte nicht

Der ehemalige Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof, Bruno Dey, betont vor dem Landgericht Itzehoe, dass er keinen Kontakt zur KZ-Kommandantur gehabt habe. "Ich habe gar nicht gewusst, dass es dort Zivilangestellte gibt", sagt der 95-jährige Zeuge.

31. Mai 2022: Ex-LKA-Ermittler berichtet über ähnlichen Fall

Im Prozess gegen eine ehemalige Sekretärin im KZ Stutthof hat vor dem Landgericht Itzehoe am Dienstag ein pensionierter Kriminalbeamter ausgesagt. Er hatte vor einigen Jahren gegen eine Frau ermittelt, die zwischen 1943 und 1945 mit der jetzt angeklagten Irmgard F. im KZ Stutthof gearbeitet hatte. Auch als Schreibkraft - allerdings in einer anderen Abteilung. Sie habe von den Verbrechen womöglich gewusst, Beweise gab es aber keine. Das Verfahren wurde deshalb damals eingestellt. Der Verteidiger der angeklagten Irmgard F. sagte, dass es sich bei ihrem Fall ähnlich verhalte.

16. und 17. Mai 2022: Angeklagte soll von Deportationen gewusst haben

Ein Historiker berichtet, dass Irmgard F. als Sekretärin des Lagerkommandanten laut Stellenbeschreibung nicht nur Diktiertes abgetippt habe. Sie habe auch selbständig Berichte und Briefe verfassen müssen. Außerdem sagt der Gutachter, über ihren Schreibtisch seien, anders als von ihr behauptet, nicht nur Bestellungen oder Rechnungen gegangen. Als Beispiel präsentiert der Sachverständige Briefe zu Häftlingstransporten. In einem ging es um die Deportation von fast 2.000 jüdischen Häftlingen nach Auschwitz.

26. April 2022: Streit um Gutachter bei erstem Termin nach langer Pause

Nach fast zwei Monaten Pause geht der Prozess weiter. Nach Angaben des Gerichts war die Angeklagte Irmgard F. mehrere Wochen erkrankt gewesen. Vor Gericht zeigt der historische Sachverständige Stefan Hördler anhand von Aussagen, die SS-Männer und Zivilbeschäftigte nach dem Krieg gemacht hatten, dass das Wissen über die Verbrechen im Lager bei den Bediensteten weit verbreitet war. Verteidiger Wolf Molkentin wirft dem Sachverständigen Parteilichkeit vor. Die Exekutionen und Erhängungen in Stutthof bekämen in Hördlers mündlichem Vortrag eine unangemessene Prominenz: "Die Haupttaten sind furchtbar, und da gibt es kein bisschen davon abzustreiten", betonte Molkentin. Sie seien aber nicht Gegenstand der Anklage. Damit bezog sich der Verteidiger auf den Beihilfevorwurf, der der Kern der Anklage gegen Irmgard F. ist.

1. März 2022: Über Vergasungen "sprach man im Kommandanturstab"

Der historische Gutachter Stefan Hördler verliest zahlreiche Zeugenaussagen zu Massenmorden in Stutthof - darunter eine Aussage eines SS-Mannes, der nach dem Krieg die Angeklagte heiratete. Der Ehemann von Irmgard F. hatte demnach 1954 ausgesagt: "Im Lager Stutthof sind Personen vergast worden. Darüber sprach man im Kommandanturstab." Ein anderer SS-Mann aus dem Stab sagte laut Gutachter Hördler 1974 aus, dass er in etwa sechs Fällen beobachtet habe, wie Männer und Frauen in Kleinbahnwaggons steigen mussten. Anschließend seien die Türen geschlossen worden. Erst später habe er erfahren, dass es sich um Vergasungen handelte.

22. Februar 2022: Überlebende berichtet von Hunger und Läuse-Plage

Die 97 Jahre alte Israelin Towa-Magda Rosenbaum sagt per Videoschalte aus. Sie war 1944 gemeinsam mit ihrer Schwester in Stutthof in Gefangenschaft. Rosenbaum berichtet von großem Hunger, einer Läuse-Plage und Schlägen von Aufsehern, wenn sie ihre Baracke verlassen wollte. Nur etwa 900 Frauen seien bei der Befreiung im Januar 1945 noch am Leben gewesen, viele von ihnen wenig später an Krankheiten erlegen, sagt die Nebenklägerin, die aus Ungarn stammt. Die Angeklagte Irmgard F. verfolgt die Aussagen über einen Monitor und einen Kopfhörer, ohne dabei eine Gefühlsregung zu zeigen.

15. Februar 2022: KZ-Überlebender schildert Gräueltaten

Abraham Koryski war damals erst 16 Jahre alt. Für vier Monate war er im KZ Stutthof, von September 1944 bis Ende Januar 1945. Der heute 94-Jährige wurde per Video aus Israel zugeschaltet und schilderte seine Erlebnisse. Koryski erzählt, wie er im Krematorium noch heiße menschliche Knochen einsammeln musste, wie Wachen einen Hund auf Gefangene hetzten und dass er jeden Tag von Leichen umgeben war. Es habe von Anfang an Prügel gegeben und mehrfach habe er Hinrichtungen beobachtet. Von den Taten habe seiner Meinung nach jeder auf dem Gelände gewusst und es auch mitbekommen. Von der Baracke aus, in der er damals untergebracht war, konnte Koryski auch die Kommandantur sehen, den Arbeitsplatz der Angeklagten.

8. Februar 2022: LKA Beamter und Staatsanwalt berichten von früherer Vernehmung

Die Zeugen hatten Irmgard F. vor fünf Jahren in ihrem Zimmer in einem Quickborner Altenheim befragt und ihr erklärt, warum gegen sie ermittelt wird. Sie habe emotional und unwirsch reagiert, berichtet der Staatsanwalt vor dem Landgericht Itzehoe. Dass nach so langer Zeit gegen sie ermittelt werde, bezeichnete sie demnach als lächerlich. Für das Gericht sind die Aussagen der Zeugen deshalb wichtig, weil die Angeklagte im Verfahren bisher schweigt. Ob die Aussagen letztendlich auch verwendet werden dürfen, ist nicht abschließend geklärt. Die Verteidigung hat dagegen Widerspruch eingelegt.

2. Februar 2022: Historiker berichtet von SS-Besuchen bei Angeklagter

Die Angeklagte empfing nach 1945 noch hochrangige SS-Männer in ihrer Wohnung in Schleswig. Der historische Sachverständige Stefan Hördler nennt hier den Kommandanten des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig, Paul Werner Hoppe, und den ehemaligen SS-Rapportführer Arno Chemnitz. Der Verteidiger der Angeklagten, Wolf Molkentin, bestätigt, dass der Ehemann seiner Mandantin in einer Zeugenaussage den Besuch von Hoppe einst erwähnt habe. Der Kommandant war nach dem Krieg untergetaucht, wurde aber in den 50er Jahren vor Gericht gestellt. Chemnitz, der nach Angaben von Hördler zahlreiche Gefangene im KZ Buchenwald und in Stutthof erschoss, blieb untergetaucht.

25. Januar 2022: KZ-Überlebende berichtet von Todesmarsch

Die in den USA lebende Asia Shindelman schildert im Prozess ihre Erlebnisse auf einem sogenannten Todesmarsch aus dem Lager Stutthof bei Danzig. Die 93-jährige Zeugin ist dem Prozess per Video-Stream zugeschaltet und berichtet, wie sie als damals 15-Jährige zusammen mit ihrer Mutter als Zwangsarbeiterin in den bitterkalten letzten Kriegsmonaten beim Ausheben von Schützengräben sowie beim Bau von Panzerfallen helfen musste.

18. Januar 2022: Verteidiger scheitern mit Anträgen

Im ersten Prozesstag des Jahres 2022 entscheidet das Landgericht Itzehoe über zwei Anträge der Verteidigung. Dazu gehört laut einer Gerichtssprecherin, dass die Aussagen von Irmgard F. aus einem Prozess im Jahr 2017 verwendet werden sollen. Bei der damaligen Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Itzehoe sei Irmgard F. wie vorgeschrieben darüber belehrt worden, dass sie als Beschuldigte das Recht habe zu schweigen. Außerdem beschließt das Gericht, eine Kritik der Verteidigung an der Darstellung des historischen Sachverständigen Stefan Hördler nicht in das Verhandlungsprotokoll aufzunehmen.

14. Dezember 2021: KZ-Überlebende schildert per Video-Schalte ihren Leidensweg

Die 1928 in Litauen geborene Asia Shindelman war 1941 nach der deutschen Besetzung des baltischen Landes zunächst mit ihren Eltern in ein Ghetto und drei Jahre später in das KZ bei Danzig gebracht worden. Die heute 93-Jährige lebt in den USA und schildert per Videoschalte, wie SS-Bewacher sie und ihre Eltern, einen Onkel und die Großmutter mit Peitschen und Hunden empfingen. Den SS-Männern sei alles erlaubt gewesen, sagt sie nach den Worten einer Dolmetscherin. "Die Deutschen konnten uns auch totschlagen." Nach einem Monat sei sie in ein Außenlager gebracht worden, wo sie und andere jüdische Frauen Gräben zur militärischen Verteidigung ausheben mussten. Zu Beginn dieses Verhandlungstages kritisiert die Verteidigung die ihrer Ansicht nach unvollständigen Schilderungen des Historikers Hördler an drei Prozesstagen.

7. Dezember 2021: KZ-Überlebender berichtet über Deportation und Leid

Der Überlebende Josef Salomonovic wird als Zeuge gehört. Seine Aussage fällt ihm nicht leicht. Salomonovic war als Sechsjähriger mit seiner Familie im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig interniert. Er hat sehr lange gezögert, vor Gericht auszusagen. "Angenehm ist es nicht, das aufzuwühlen", sagt der 83-Jährige. Er kommt in Begleitung seiner Frau aus Wien in das Landgericht. Dort berichtet er über Deportation und Leid seiner Familie. Salomonovic kam zuerst von Prag nach Auschwitz und dann nach Stutthof - gemeinsam mit seiner Mutter, seinem Vater und seinem drei Jahre älteren Bruder. Sein Vater wurde im September 1944 in Stutthof mit einer Phenol-Injektion ins Herz ermordet.

23. November 2021: Historiker beschreibt Kommandostruktur im KZ

Der Gutachter erzählt, wie die Kommandostrukturen und die Verwaltung des Konzentrationslagers damals funktionieren. Das Gericht muss sich ein Bild davon machen, ob und wieviel die heute 96-jährige Angeklagte von den Vorgängen und Vorkommnissen wusste. Nebenklage-Vertreter Stefan Lode ist sich sicher, dass die damals 17-Jährige viel mitbekommen haben muss. "Das war schon sehr interessant heute, dass ja vieles über ihren Schreibtisch gelaufen ist. Sie hat direkt zwischen dem Kommandanten und dem Adjutanten gesessen. Das heißt also, das war die Schaltzentrale des KZ", sagt Lode. Die Verteidigung hingegen ist der Auffassung, dass bisher in keinem einzigen Fall nachgewiesen werden konnte, dass die Angeklagte auch nur ein einziges Schriftstück selbst bearbeitet, hergestellt oder verteilt hätte.

16. November 2021: Keine Verwertung früherer Aussagen

Der Verteidiger der damals 96 Jahren alten Angeklagten lehnt die Verwertung der Aussagen aus vorangegangenen NS-Prozessen zu Stutthof ab. Die Frau hatte in mehreren anderen Strafprozessen als Zeugin ausgesagt. Die Verwertung wird aus formalen Gründen ausgeschlossen. Irmgard F. war bereits 1954 vor dem Prozess gegen den KZ-Kommandant Paul Werner Hoppe als Zeugin gehört worden. Weitere Zeugenaussagen hatte sie 1964, 1966 und 1982 gemacht. Im Anschluss setzt das Gericht die Anhörung eines Historikers fort.

9. November 2021: Nebenklage will Zeugenaussagen vorziehen

Während ein Historiker die Rollen der Frauen als Stenotypistinnen in Konzentrationslagern erläutert, reicht die Nebenklage einen Antrag ein. So soll erreicht werden, dass der Gutachter seine Aussage unterbricht, damit Zeugen vernommen werden können. Die seien bereits alle hochbetagt und man wisse nicht, wie lange sie noch Aussagen treffen können. Es sei, so heißt es im Antrag, Aufgabe des Gerichts, diese Aussagen für die Zukunft zu sichern. Der Richter entscheidet über diesen Antrag noch nicht.

26. Oktober 2021: Nebenklage-Anwalt kritisiert Gericht scharf

Am zweiten Tag des Prozesses erheben mehrere Nebenklage-Vertreter schwere Vorwürfe gegen das Gericht. Rechtsanwalt Onur Özata, der drei Überlebende des KZ Stutthof bei Danzig vertritt, hat eine Eröffnungserklärung abgeben wollen, was das Gericht ablehnte. Daraufhin wirft Özata dem Vorsitzenden Richter Dominik Groß vor, die Nebenklage "mundtot" machen zu wollen. Nebenklage-Vertreter Christoph Rückel appelliert an das Gericht, auf Kooperation statt Konfrontation zu setzen. Es dürfe den Opfern nicht das Wort abschneiden. Groß erwidert, dass selbstverständlich geplant sei, die Zeugen zu hören. Die langfristige Terminplanung sei in dem Verfahren jedoch schwierig.

19. Oktober 2021: Die Angeklagte schweigt

Vor dem Landgericht Itzehoe wird die Anklage verlesen. Die Staatsanwältin beschreibt die Zustände im Lager Stutthof in der Zeit von Juni 1943 und April 1945 - unter anderem ist von Genickschüssen die Rede, von Vergasungen und Todesmärschen der Gefangenen. Die damals 96-Jährige sagt nicht aus. Ihre Anwälte zweifeln in einem Statement jedoch an einer Beihilfe zum Mord der Angeklagten. Dazu hätte die damalige Sekretärin viel mehr wissen und aktiver an den Morden beteiligt gewesen sein müssen. Der Prozesstag endet nach zwei Stunden.

5. Oktober 2021: Irmgard F. aus U-Haft entlassen

Nach Angaben einer Sprecherin des Landgerichts Itzehoe hat die Angeklagte Haftbeschwerde eingereicht. Daraufhin sei sie dem Gericht erneut vorgeführt worden. Die dritte große Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe prüft die Beschwerde und setzt anschließend den Haftbefehl außer Vollzug. Das hat zur Folge, dass die ehemalige KZ-Sekretärin bis zum Prozessbeginn am 19. Oktober aus der Untersuchungshaft entlassen wird.

30. September 2021: Nach Flucht: Ehemalige KZ-Sekretärin in U-Haft

Vor dem Landgericht in Itzehoe startet der Prozess gegen die mutmaßliche NS-Täterin - allerdings ohne die Angeklagte. Die verschwindet mit dem Taxi aus ihrem Pflegeheim in Quickborn. Am frühen Nachmittag gibt Gerichtssprecherin Frederike Milhoffer bekannt, dass die Angeklagte gefunden wurde. Polizisten griffen die mittlerweile 96-Jährige in der Langenhorner Chaussee in Hamburg auf. Mit einem Zivilfahrzeug wird die Rentnerin zum Itzehoer Landgericht gebracht. Am Abend teilt das Gericht mit, dass die Angeklagte in Untersuchungshaft muss.

17. Juni 2021: Hauptverfahren eröffnet

Die 3. Große Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe eröffnet das Hauptverfahren. Es wird vor der Jugendkammer verhandelt, weil die Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat 18 beziehungsweise 19 Jahre alt und somit eine Heranwachsende im Sinne des Jugendgerichtsgesetzes war. Die Hauptverhandlung beginnt am 30. September 2021.

28. April 2021: Streit um Gutachten

Im Verfahren gegen die ehemalige Sekretärin des KZ Stutthof vor dem Landgericht Itzehoe gibt es nach NDR Informationen Streit. Es geht um ein medizinisches Gutachten zur Verhandlungsfähigkeit der Beschuldigten. Dem Landgericht liegt das Gutachten der Amtsärztin inzwischen vor, bestätigt eine Gerichtssprecherin auf NDR Anfrage. Die Strafkammer prüfe, ob das Gutachten ausreichend sei oder ob weitere Sachverständige angehört werden müssten.

5. Februar 2021: Staatsanwaltschaft klagt ehemalige KZ-Sekretärin an

Die Behörde wirft der damals 95-Jährigen Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen vor. Sie war Schreibkraft im KZ Stutthof. Als Sekretärin und Stenotypistin des Kommandanten des Konzentrationslagers in der Nähe von Danzig soll F. zwischen Juni 1943 und April 1945 die Mordtaten unterstützt haben. Die Frau soll "den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von jüdischen Gefangenen, polnischen Partisanen und sowjetrussischen Kriegsgefangenen" Hilfe geleistet haben, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Außerdem wirft ihr die Anklage in weiteren Fällen Beihilfe zu versuchtem Mord vor. Dabei geht es um KZ-Häftlinge, die das Lager überlebt haben.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 22.11.2022 | 19:30 Uhr

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