Stand: 16.11.2021 16:19 Uhr

Stutthof-Prozess - eine Chronologie der Ereignisse

Die 96-Jährige ist wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen angeklagt. Sie hatte 1943 bis 1945 im KZ Stutthof bei Danzig als Schreibkraft gearbeitet. Dort soll die Sekretärin in der Kommandantur von den Vorgängen im Lager gewusst haben. Irmgard F. war nach Kriegsende nach Schleswig-Holstein gezogen und hatte hier weiter als Schreibkraft gearbeitet. Die Rentnerin lebt in einem Altenheim im Kreis Pinneberg. Wegen des großen Interesses an dem Prozess hat das Landgericht Itzehoe die Verhandlung in eine Halle eines Logistikunternehmens in der Stadt verlegt.

16. November 2021: Verteidigung lehnt Verwertung alter Aussagen ab

Der Verteidiger der 96 Jahren alten Angeklagten hat die Verwertung der Aussagen aus vorangegangenen NS-Prozessen zu Stutthof abgelehnt. Die Frau hatte in mehreren anderen Strafprozessen als Zeugin ausgesagt. Die Verwertung wurde aus formalen Gründen ausgeschlossen. Irmgard F. war bereits 1954 vor dem Prozess gegen den KZ-Kommandant Paul Werner Hoppe als Zeugin gehört worden. Weitere Zeugenaussagen hatte sie 1964, 1966 und 1982 gemacht. Im Anschluss setzte das Gericht die Anhörung eines Historikers fort.

9. November 2021: Nebenklage will Zeugenaussagen vorziehen

Während ein Historiker die Rollen der Frauen als Stenotypistinnen in Konzentrationslagern erläutert, reicht die Nebenklage einen Antrag ein. So soll erreicht werden, dass der Gutachter seine Aussage unterbricht, damit Zeugen vernommen werden können. Die seien bereits alle hochbetagt und man wisse nicht, wie lange sie noch Aussagen treffen können. Es sei, so heißt es im Antrag, Aufgabe des Gerichts, diese Aussagen für die Zukunft zu sichern. Der Richter hat über diesen Antrag noch nicht entschieden.

26. Oktober 2021: Nebenklage-Anwalt kritisiert Gericht scharf

Am zweiten Tag des Prozesses erheben mehrere Nebenklage-Vertreter schwere Vorwürfe gegenüber dem Gericht. Rechtsanwalt Onur Özata, der drei Überlebende des KZ Stutthof bei Danzig vertritt, hat eine Eröffnungserklärung abgeben wollen, was das Gericht ablehnte. Daraufhin wirft Özata dem Vorsitzenden Richter Dominik Groß vor, die Nebenklage "mundtot" machen zu wollen. Nebenklage-Vertreter Christoph Rückel appelliert an das Gericht, auf Kooperation statt Konfrontation zu setzen. Es dürfe den Opfern nicht das Wort abschneiden. Groß erwiderte, dass selbstverständlich geplant sei, die Zeugen zu hören. Die langfristige Terminplanung sei in dem Verfahren jedoch schwierig.

19. Oktober 2021: Die Angeklagte schweigt

Vor dem Landgericht Itzehoe wird die Anklage verlesen. Die Staatsanwältin beschreibt die Zustände im Lager Stutthof in der Zeit von Juni 1943 und April 1945 - unter anderem ist von Genickschüssen die Rede, von Vergasungen und Todesmärschen der Gefangenen. Die 96-Jährige sagt nicht aus. Ihre Anwälte zweifeln in einem Statement jedoch an einer Beihilfe zum Mord der Angeklagten. Dazu hätte die damalige Sekretärin viel mehr wissen und aktiver an den Morden beteiligt gewesen sein müssen. Der Prozesstag endet nach zwei Stunden.

5. Oktober 2021: 96-Jährige aus U-Haft entlassen

Nach Angaben einer Sprecherin des Landgerichts Itzehoe hat die Angeklagte Haftbeschwerde eingereicht. Daraufhin sei sie dem Gericht erneut vorgeführt worden. Die dritte große Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe prüft die Beschwerde und setzt anschließend den Haftbefehl außer Vollzug. Das hat zur Folge, dass die ehemalige KZ-Sekretärin bis zum Prozessbeginn am 19. Oktober aus der Untersuchungshaft entlassen wird.

30. September 2021: Nach Flucht: Ehemalige KZ-Sekretärin in U-Haft

Vor dem Landgericht in Itzehoe startet der Prozess gegen die mutmaßliche NS-Täterin - allerdings ohne die Angeklagte. Die verschwindet mit dem Taxi aus ihrem Pflegeheim in Quickborn. Am frühen Nachmittag gibt Gerichtssprecherin Frederike Milhoffer bekannt, dass die Angeklagte gefunden wurde. Polizisten finden die mittlerweile 96-Jährige in der Langenhorner Chaussee in Hamburg. Mit einem Zivilfahrzeug wird die Rentnerin zum Itzehoer Landgericht gebracht. Am Abend teilt das Gericht mit, dass die Angeklagte in Untersuchungshaft muss.

17. Juni 2021: Hauptverfahren eröffnet

Die 3. Große Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe eröffnet das Hauptverfahren. Das Verfahren wird vor der Jugendkammer verhandelt, weil die Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat 18 beziehungsweise 19 Jahre alt und somit eine Heranwachsende im Sinne des Jugendgerichtsgesetzes war. Die Hauptverhandlung beginnt am 30. September 2021.

28. April 2021: Streit um Gutachten

Im Verfahren gegen die ehemalige Sekretärin des KZ Stutthof vor dem Landgericht Itzehoe gibt es nach NDR Informationen Streit. Es geht um ein medizinisches Gutachten zur Verhandlungsfähigkeit der Beschuldigten. Dem Landgericht liegt das Gutachten der Amtsärztin inzwischen vor, bestätigt eine Gerichtssprecherin auf NDR Anfrage. Die Strafkammer prüfe, ob das Gutachten ausreichend sei oder ob weitere Sachverständige angehört werden müssten.

5. Februar 2021: Staatsanwaltschaft klagt ehemalige KZ-Sekretärin an

Die Behörde wirft der 95-Jährigen Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen vor. Sie war Schreibkraft im KZ Stutthof. Als Sekretärin und Stenotypistin des Kommandanten des Konzentrationslagers in der Nähe von Danzig soll F. zwischen Juni 1943 und April 1945 die Mordtaten unterstützt haben. Die Frau soll "den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von jüdischen Gefangenen, polnischen Partisanen und sowjetrussischen Kriegsgefangenen" Hilfe geleistet haben, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Außerdem wirft ihr die Anklage in weiteren Fällen Beihilfe zu versuchtem Mord vor. Dabei geht es um KZ-Häftlinge, die das Lager überlebt haben.

Weitere Informationen
Eingangstor zum ehemaligen KZ Stutthof bei Danzig. © picture alliance / NurPhoto | Michal Fludra Foto: Michal Fludra

Rädchen in der Todesmaschinerie: Prozess gegen KZ-Sekretärin

Vor dem Landgericht Itzehoe sollte sich ab Donnerstag die ehemalige Sekretärin des Konzentrationslagers Stutthof verantworten. Doch die Angeklagte kam nicht. mehr

Eine alte schwarz-weiße Aufnahme zeigt Stenotypistin des KZ Außenlagers Stutthof Irmgard F in ihren jungen Jahren. © NDR

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Die heute 95-Jährige muss sich wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen verantworten. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 16.11.2021 | 19:30 Uhr

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