Stutthof-Prozess in Itzehoe: Die Angeklagte schweigt

Stand: 19.10.2021 20:54 Uhr

In Itzehoe ist das Gerichtsverfahren gegen eine ehemalige KZ-Sekretärin offiziell gestartet. In Anwesenheit der Angeklagten. Zum eigentlich geplanten Prozessauftakt vor drei Wochen war sie vor dem Gerichtstermin geflohen.

von Jonas Kühlberg

Es ist eine Stunde vor Verhandlungsbeginn. Die Wolken hängen tief über dem Landgericht in Itzehoe, das sich - ob des großen Medieninteresses - ein Ausweichquartier in einem Industriequartier am Stadtrand suchen musste. Auch dieses Mal sind wieder viele Pressevertreter dabei. Es soll der erste Auftritt der Angeklagten Irmgard F. im Prozess werden. Die 96-Jährige muss sich wegen Beihilfe zum Mord in über 11.000 Fällen verantworten. Vor drei Wochen war sie noch abgetaucht und vor dem Gerichtsprozess geflohen.

Anders als vor drei Wochen haben sich vor dem Gebäude etwa 30 Menschen zu einer Mahnwache versammelt. Sie halten Banner in den Händen mit Aufschriften wie "Kein Vergeben, kein Vergessen. Über 11.000 Morde verjähren nicht. Stutthof - nie wieder" und "Nie wieder Faschismus!" Die Initiatoren wenden sich gegen rechtsextreme Gruppen, die die ehemalige KZ-Sekretärin als Symbolfigur gefeiert haben. Tatsächlich sind zum Prozess auch erkennbar Rechtsextreme angereist. Ein Wartender in der Schlange vor dem Prozessgebäude trägt eine Mütze mit der "Schwarzen Sonne", es gilt seit den 1990er-Jahren als "Ersatz"- beziehungsweise Erkennungssymbol in der rechtsextremen Szene.

Angeklagte bejaht Fragen zu Personalien

Nach einer halben Stunde wird Irmgard F. mit einem Krankentransport auf das Gelände gefahren. Nahezu pünktlich startet die Verhandlung. Die Angeklagte wird in einem Rollstuhl des gerichtsmedizinischen Dienst in den Verhandlungssaal geschoben, trägt ein geblümtes, weißes Kopftuch, eine große dunkle Sonnenbrille und eine FFP2-Maske.

Nachdem die Kameras den Saal verlassen müssen, legt Irmgard F. ihre Sonnenbrille ab, das Kopftuch legt sie sich um den Hals. Sie trägt eine Dauerwelle und eine rahmenlose, dezente Brille. Konzentriert hört sie dem Vorsitzenden Richter Dominik Groß zu, bejaht seine Fragen zu ihren Personalien.

Erdrückende Stimmung im Sitzungssaal

Anschließend verliest die Staatsanwältin Maxi Wantzen die Anklageschrift und es legt sich eine erdrückende Stimmung über den Sitzungsaal. Wantzen schildert detailliert die Tötungsmethoden im KZ Stutthof. Wie die Menschen nichtsahnend an die Genickschussanlage geführt wurden und man ihnen erzählte, man wolle ihre Körpergröße messen. Wie das Zyklon B in die Gaskammern geleitet wurde, die Menschen laut schrien, teilweise über mehrere Stunden. Wie sie sich dann, versunken in ihrem Todeskampf, in der Gaskammer umklammerten, sich gegenseitig aufkratzten, sich Schaum vor ihren Mündern bildete und qualvoll erstickten. Wie man Menschen später sogar in abgedichtete Viehwaggons trieb, das Gas einströmen ließ, wohlwissend dass man durch die kälteren Temperaturen den Todeskampf der Opfer so noch einmal grausam verlängern konnte.

Angeklagte Irmgard F. hört regungslos zu

Und von allem dem soll die Angeklagte Irmgard F. während ihrer Zeit im KZ Stutthof nichts mitbekommen haben? Die Staatsanwaltschaft ist der Ansicht, Imgard F. habe wegen ihrer Tätigkeit als Stenotypistin für den Lagerkommandanten Paul Werner Hoppe Kenntnis von diesen Vorgängen gehabt. Die Schriftwechsel seien über ihren Schreibtisch gegangen und sie sei so über alle dort praktizierten Mordmethoden informiert gewesen. Im KZ Stutthof hat sie vom 1. Juni 1943 bis 1. April 1945 gearbeitet.

Während Staatsanwältin Wantzen alldies verliest, hört die Angeklagte Irmgard F. regungslos zu. Hin und wieder drückt sie ihren linken Arm an die Stirn. Sie wolle im Prozess schweigen und werde auch keine Fragen beantworten, sagt ihr Strafverteidiger Wolf Molkentin. Das ist anders als in den Verhandlungen Jahre zuvor, wo sie noch als Zeugin geladen wurde. Doch ihre Aussagen von damals dürfen für den Prozess jetzt nicht verwendet werden.

Kann "Schreibkraft" Beihilfe zum Mord geleistet haben?

Ihr Verteidiger Molkentin erwidert in einem sogenannten "Opening Statement" auf die Anklage der Staatsanwaltschaft, dass in den folgenden Prozesswochen zu klären sei, inwieweit eine "Schreibkraft" eine zehntausendfache Beihilfe zum Mord geleistet haben könne. Seine Mandantin leugne nicht die Shoa, sie habe jedoch keine Schuld auf sich geladen. Es sei unverständlich, warum sie für ihre jahrzehntelang bekannte Tätigkeit im Konzentrationslager Stutthof nun angeklagt werde. Es überwiege der Aspekt der Zumutung, zumal in ihrem hohen Alter. Nach nicht einmal zwei Stunden ist der Prozesstag schon vorbei. Aus gesundheitlichen Gründen der Angeklagten, heißt es vom Gericht.

Nebenklage-Anwalt "Umgang mit Shoa ist beschämend"

Warum es solange gedauert hat, bis solche Verfahren gegen Angehörige der Mannschaften von NS-Konzentrationslagen wie Irmgard F. stattfinden, diese Frage stellt sich allerdings auch die Gegenseite. Mehmet Daimagüler, der viele Nebenkläger und Opfer vertritt, sagt NDR Schleswig-Holstein: "Die Nachkriegsjustiz hat jahrzehntelang Strafvereitelung betrieben." Die meisten der heute angeklagten Personen seien den Gerichten und Staatsanwaltschaften ja schon lange bekannt. Das hätte viel früher passieren können. "Ich meine, dass der bundesdeutsche Umgang mit der Shoa deshalb beschämend ist", sagt Daimagüler.

Muss zügig voran gehen

Mit dem Prozessauftakt ist Daimagüler grundsätzlich zufrieden: "Es ist gut, dass wir jetzt endlich angefangen haben. Die Angeklagte ist verhandlungsfähig, das ist gut." Jetzt müsse es aber zügig voran gehen. "Die Menschen, die ich vertrete, haben sehr lange auf diese Möglichkeit gewartet." Ihnen gehe es noch nicht mal um eine Bestrafung der Angeklagten. Sie alle stünden am Ende ihres Lebens und wollten, dass ihre Stimme nochmal gehört wird. Bei der Justiz, aber auch in der deutschen Gesellschaft.

Gerade erst hat eine Untersuchung gezeigt, wie Antisemitismus aktuell wieder verstärkt um sich greift. Insbesondere in den Sozialen Medien werden Juden und andere Minderheiten für die Corona-Pandemie verantwortlich gemacht, heißt es in einem Bericht des Thinktanks IFFSE. Darauf angesprochen sagt Daimagüler am Ende dieses ersten Prozesstages in Itzehoe: "Ich glaube, dass wir uns alle fürchten sollten vor einer Zeit, wenn wir nicht mehr die Stimmen der Überlebenden hören können. Vor einer Zeit, wo wir alleine auf uns gestellt sind."

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Die 96-jährige Angeklagte Irmgard F. sitzt in einem Krankentransportstuhl hinter einer Plexiglasscheibe im Gerichtssaal neben ihren Anwälten Niklas Weber und Wolf Molkentin (r). © dpa Foto: Christian Charisius

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 19.10.2021 | 19:30 Uhr

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