Stand: 09.07.2020 21:31 Uhr

Corona: Spätfolgen beeinträchtigen viele Patienten

von Antje Schmidt

Am 3. Juni fing es an: "Mein Orangensaft morgens hat mir nicht mehr geschmeckt", berichtet Karsten Wiesenberger, "ansonsten habe ich nichts gemerkt." Zwei Tage später ging er zu seinem Hausarzt, der den 63-jährigen Diplomingenieur aus Gifhorn direkt ins Krankenhaus überwies. Eine kluge Entscheidung, wie sich kurze Zeit später herausstellte. Wiesenberger hatte sich das Coronavirus eingefangen und litt bereits unter Sauerstoffmangel. Noch am selben Tag musst er auf die Intensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) verlegt werden. "Ich habe gehört wie die Ärzte darüber geredet haben, ob ich beatmet werden muss", erzählt er. Von den sechs Tagen auf der Intensivstation kann er sich nur noch an vier erinnern. Die ersten zwei Tage sind aus seinem Gedächtnis gelöscht.

VIDEO: Studie: Corona-Spätfolgen trotz leichter Symptome (3 Min)

Langsame Rückkehr in den Alltag

Mittlerweile ist Karsten Wiesenberger seit einer Woche wieder zu Hause. Er bewegt sich langsam, das Atmen fällt noch schwer. Seine beide Hunde "Yuki" und "Isis" helfen ihm, sich wieder in den Alltag zurück zu kämpfen. Sie fordern regelmäßige Spaziergänge ein. "Die frische Luft hilft", sagt Wiesenberger, der derzeit noch viel schläft, weil er auch tagsüber unendlich müde ist. Er ist dennoch froh, überhaupt mit dem Leben davon gekommen zu sein.

MHH untersucht Corona-Spätfolgen

Wiesenberger wird weiter von der Medizinischen Hochschule Hannover betreut werden. Künftig wird er in regelmäßigen Abständen nach seiner Befindlichkeit befragt. Die MHH sammelt Daten von ehemaligen Patienten. Pneumologe Tobias Welte will herausfinden, welche Spätfolgen die Krankheit verursacht. Als Wissenschaftler ist er an jedem Detail interessiert, denn noch weiß man wenig über das Leben nach der Corona-Erkrankung.

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Coronavirus befällt Blutgefäße

"Es ist ein Virus, wie wir es noch nie hatten. Wir haben im Anfang der Pandemie den Fehler gemacht, es mit anderen Atemwegsviren gleichzusetzen, vor allem mit dem Grippeerreger", sagt Welte. "Es befällt zwar den Atemweg, schwemmt aber auch in die Blutbahn aus und befällt die Blutgefäße." Genaue Beobachtung sei daher gefragt. Im Studiensekretariat seiner Abteilung telefoniert Assistenzärztin Isabell Pink mit entlassenen Patienten. Viele leiden noch Wochen nach der Covid-19-Erkrankung unter Antriebslosigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsschwäche. "Einige entwickeln auch starke Albträume", berichtet Welte.

Spätfolgen bei diversen Patienten

Erstaunlich ist ebenfalls, dass nicht nur schwer kranke Patienten Spätfolgen entwickeln. Auch Menschen mit wenigen Symptomen können hinterher noch lange erschöpft sein. "Ob es auch bleibende Schäden geben wird, das wissen wir erst in sechs bis zwölf Monaten", so der Lungenfacharzt. Der 63-jährige Wiesenberger weiß, dass es lange dauern kann, bis er sich wieder vollkommen genesen fühlt. Aber ein Anfang ist gemacht. Täglich trainiert er seine Lunge, indem er die Luft über ein Spezialgerät kräftig in die Bronchien einatmet. "Es geht schon besser als letzte Woche", berichtet er lächelnd. Dennoch sieht man ihm die Anstrengung, die die wenigen Atemzüge bei ihm auslösen, an.

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Hallo Niedersachsen | 09.07.2020 | 19:30 Uhr

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