Stand: 02.05.2019 11:36 Uhr

Ein Wohnzimmergespräch über Gleichberechtigung

von Arne Schulz und Susanne Tappe, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Haben Männer und Frauen in der Arbeitswelt die gleichen Chancen? NDR Info hat drei Menschen zu einem Frühstück eingeladen, um diese Fragen zu diskutieren: einen ehemaligen Marineoffizier, der jetzt Hausmann ist, eine Oberärztin mit vier Kindern und eine alleinerziehende Mutter. Ihr Fazit: Es gibt noch viel zu tun.

Caralee, Teilnehmerin an einer Diskussionsrunde über Gleichstellung im Beruf (rechts im Vordergrund Robert) © NDR Foto: Jürgen Webermann
Was Chancengleichheit im Job angehe, befinde sich Deutschland im Vergleich zu ihrem Heimatland Kanada noch in der Steinzeit, meint Caralee.

Seit mehr als 20 Jahren lebt die gebürtige Kanadierin Caralee (auf Wunsch unserer Gesprächspartner beschränken wir uns in diesem Text auf ihre Vornamen) in Deutschland. Sie spricht Deutsch, Englisch und Französisch. Als Kommunikationsberaterin kann sie Erfahrung in mehreren Branchen vorweisen, dennoch ist sie arbeitslos. "Ich muss mich immer wieder aufs Neue motivieren, mich trotzdem noch zu bewerben. Es ist manchmal wahnsinnig schwer. In zwei Jahren hatte ich nur ein einziges Gespräch für eine Teilzeitstelle", erzählt sie.

Nur Teilzeit kommt infrage

Längere Arbeitszeiten sind für Caralee kaum denkbar. Das macht die Jobsuche schwierig. Sie lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter zusammen, vom Vater hat sie sich früh getrennt.

Die erste Zeit nach der Trennung ging sie noch arbeiten, hatte eine halbe Stelle in der Kommunikationsabteilung eines großen Unternehmens. "Nur: Damit war mein Chef nicht zufrieden. Weil er von den anderen Mitarbeitern viele Überstunden erwartet hatte, erwartete er sie auch von mir."

Tochter musste von Anfang an funktionieren

Sie habe versucht, den hohen Anforderungen gerecht zu werden, erzählt die 44-Jährige. Wenn ihre Tochter krank war, habe sie sich zum Beispiel abends an den Schreibtisch gesetzt und nachgearbeitet: "Das war kein Leben, das war Überleben. Ganz schrecklich, vor allem für die Beziehung zu meinem Kind. Ich war dauergestresst. Und meine Tochter musste einfach funktionieren. Mit einem Jahr musste sie alles mitmachen."

Viele Jobs zu unflexibel

Irgendwann wurde die Belastung zu hoch - und Caralee kündigte. Eine neue Arbeit, die besser zu ihrer Lebenssituation passt, hat sie bis heute nicht gefunden: "Das sind systemische Probleme. Grundsätzlich werden ganz viele Jobs unflexibel gestaltet. Ganz oft heißt es, diese Stelle muss in Vollzeit ausgeübt werden."

Viele Alleinerziehende sind auf Hartz IV angewiesen

Mehr als 90 Prozent der arbeitslosen Alleinerziehenden sind Frauen. Einerseits haben viele dieser Mütter in den vergangenen Jahren vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert und eine Stelle gefunden, häufig in Teilzeit. Andererseits waren im Jahr 2017 rund 38 Prozent der Alleinerziehenden auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen.

Jobsuche war kein Problem

Kathrin, Teilnehmerin an einer Diskussionsrunde über Gleichstellung im Beruf © NDR Foto: Jürgen Webermann
Ärztin Kathrin findet viel Unterstützung durch ihren Mann und die Großeltern der Kinder.

Ob Frauen es schaffen, Kinder und Job unter einen Hut zu bringen, hängt stark von den Betreuungsmöglichkeiten ab. Doch es spielen noch viele weitere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel die Berufswahl. Als Ärztin hatte Kathrin keine Schwierigkeiten einen Job zu finden. Ihr erstes Kind kam während ihres Medizinstudiums zur Welt. Danach bekam sie in kurzen Abständen drei weitere Kinder. Erst sechs Jahre nach dem Studienabschluss bewarb sie sich auf ihre erste Stelle. "Ich hatte mich auf eine halbe Stelle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie beworben. Die boten aber nur eine Vollzeitstelle an, die ich dann auch genommen habe. Es war ganz einfach."

Arbeitgeber machte flexibles Arbeiten möglich

Längst nicht alle vierfachen Mütter haben die Möglichkeit, in Vollzeit zu arbeiten. Doch Kathrins Mann, der als Psychologe an einer Universität arbeitet, hielt ihr den Rücken frei. In den folgenden Jahren wechselte das Paar sich mehrfach ab. Mal arbeitete sie mehr Stunden, mal er: "Wir haben ähnlich viel verdient, und wir hatten Arbeitgeber, bei denen das möglich war. Da haben wir viel Glück gehabt." Und sie hatten Großeltern, die regelmäßig die Enkelkinder betreuten. Heute ist Kathrin 42 Jahre alt und Oberärztin. Für sie hätte es kaum besser laufen können.

Doch selbst für eine Ärztin ist das nicht selbstverständlich. Der Frauenanteil unter den Studierenden liegt in der Medizin bei mehr als 60 Prozent. Oberärztinnen sind aber klar in der Minderheit. Der Frauenanteil bei diesen Posten betrug im Jahr 2016 nur etwa 30 Prozent.

Frauen bei Ausbildungsplatz-Vergabe benachteiligt

Zwar steckt nicht hinter jeder Ungleichheit eine Ungerechtigkeit, doch gibt es eine Reihe von Indizien, dass Frauen am Arbeitsmarkt benachteiligt werden. So konnten Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zum Beispiel zeigen, dass Frauen bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz oft schlechter eingestuft werden als Männer, auch wenn sie die gleichen Voraussetzungen mitbringen.

Wenn Kollegen mit Unverständnis reagieren ...

Robert, Teilnehmer an einer Diskussionsrunde über Gleichstellung im Beruf (rechts im Vordergrund Robert) © NDR Foto: Jürgen Webermann
Robert beendeete seinen Dienst bei der Marine und wurde Hausmann.

Im Vergleich zu ihrem Heimatland Kanada, sagt Caralee, befinde sich Deutschland noch in der Steinzeit. Erst wenn mehr Männer im Job zurücksteckten, könnten Frauen sich stärker entfalten. Dieser Einschätzung kann Robert durchaus zustimmen. Ende 2016 endete sein Offiziersdienst bei der Marine. Seine Vorgesetzten empfahlen ihm, sich schnell um einen Job in der freien Wirtschaft zu bemühen, doch der heute 35-Jährige entschied sich anders. Er wollte mehr Zeit mit seiner kleinen Tochter verbringen. So wurde er zum Hausmann - und seine Frau konnte in Vollzeit ihre Ausbildung zur Fachärztin vorantreiben.

Die ehemaligen Kollegen bei der Marine hätten seine Entscheidung mit Unverständnis aufgenommen, erzählt Robert. Er dagegen findet es schade, dass so wenige Väter in Elternzeit gehen, denn "die ersten Jahre der Kinder vergehen ja wie im Fluge. Das mitzuerleben und mitzugestalten, kann ich eigentlich nur jedem Vater empfehlen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 02.05.2019 | 07:41 Uhr

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