Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Coronavirus: Drosten hält natürlichen Ursprung für wahrscheinlich

Stand: 08.06.2021 19:46 Uhr

Im NDR Info Podcast Coronavirus-Update spricht der Virologe Christian Drosten ausführlich über die aktuelle Diskussion zum Ursprung von Sars-CoV-2. Die Vorstellung, dass das neuartige Coronavirus in einem Labor entstanden ist, hält er für zu einseitig. Eher könnte zum Beispiel der Marderhund eine bedeutende Rolle gespielt haben.

von Marc-Oliver Rehrmann

Zuletzt war die Diskussion wieder voll entbrannt, ob das Sars-2-Virus von Wissenschaftlern in einem Labor hergestellt worden sein könnte oder ob es in der Natur entstanden ist. In der neuen Podcast-Folge macht Drosten deutlich, warum aus seiner Sicht ein Laborunfall nicht wahrscheinlich ist. Zwar sei es denkbar, dass ein Wissenschaftler experimentiere, um herauszufinden, ob ein Virus durch einen molekularbiologischen Eingriff stärker übertragbar wird. Aber mit Blick auf das genetische System des Sars-2-Virus wäre dafür ein viel zu umständliches Vorgehen notwendig gewesen, das jahrelange Arbeit erfordert hätte.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Woher stammt das Virus? (95 Min)

Erst ein neues Auto bauen, um ein Autoradio zu testen?

"Das ist so, als wollte ich den Klang eines neuen Autoradios testen und dazu nehme ich nicht mein Auto und baue dem ein neues Radio ein und höre, wie das klingt. Sondern ich baue erst ein ganz neues Auto und wenn das nach langer Zeit fertig ist, baue ich da das neue Radio ein", sagt Drosten zur Veranschaulichung. Solch ein Vorgehen sei einfach nicht sinnvoll. "Das würde kein Wissenschaftler so machen. Ich sage aber auch nicht, dass es nicht denkbar wäre, so etwas Verrücktes zu tun."

Die Sache mit der Furin-Spaltstelle

Kern der Argumentation für die Laborthese ist die sogenannte Furin-Spaltstelle im Stachelprotein von Sars-2. Sie bewirkt, dass das Virus besser in die menschliche Zelle eindringen kann. Verwandte Viren haben diese Schaltstelle nicht. Deshalb gibt es Zweifel daran, dass sie sich durch natürliche Evolution entwickelt haben könnte.

Kann diese Eigenschaft also nur durch genetische Manipulation im Labor entstanden sein? Nein, sagt Drosten. Diese Argument sei schon im Frühjahr 2020 von der internationalen Wissenschaftscommunity widerlegt worden. Es sei normal, dass Viren solche Furin-Spaltstellen manchmal in der Natur erwerben. "Wir kennen das zur Genüge von der Vogelgrippe", führt der Virologe der Berliner Charité an. Grund dafür seien zwei Mechanismen: zum einen Kopierfehler bei der Vermehrung des Virus ("die Enzyme können stottern"), zum anderen würden dabei mitunter irrtümlich Genschnipsel von menschlichem Zellprotein in das Virus-Erbgut eingebaut.

Manchmal passieren seltene Dinge

Im Grunde geht es also um Unfälle der Evolution. "Das geschieht zwar selten, aber wenn ein Virus in vielen Tieren oder in vielen Zellen in rauen Mengen repliziert, passieren eben auch seltene Dinge - und sie kommen ans Tageslicht, wenn sie im Nachhinein betrachtet für das Virus nützlich sind", sagt Drosten.

Wenn Marderhunde infizierte Fledermäuse fressen

Für deutlich vielversprechender hält es Drosten, in der Frage nach dem Ursprung des Sars-2-Virus die Tierwelt in China in den Blick zu nehmen. Bei Sars-1 sei es Wissenschaftlern gelungen, die Viren in Felltieren wie Schleichkatzen und Marderhunden nachzuweisen, die darum als Übergangswirt von der Fledermaus zum Menschen identifiziert wurden. Solch ein Nachweis eines Zwischenwirts ist beim Sars-2-Virus bislang nicht bekannt - weil dies in China offenbar noch nicht systematisch untersucht worden ist. Aber Viren der gleichen Art hätten häufig eine ähnliche Herkunft, so Drosten. Und deswegen wäre es ein naheliegender Schritt, den gleichen Übertragungsweg für das Sars-2-Virus zu vermuten und zu erforschen. Bislang allerdings fehlen jegliche Studien dazu.

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China: Steckten sich Mitarbeiter beim Schlachten an?

Drosten hält es für gut möglich, dass Marderhunde auch beim Sars-2-Virus eine bedeutende Rolle spielen. Die Raubtiere fressen Fledermäuse, beispielsweise wenn während der Wurfsaison tote Jungtiere anfallen. "Wir wissen genau, dass gerade in der Geburtssaison die Coronaviren in diesen Fledermaus-Beständen hochkochen", berichtet Drosten. Über wilde Marderhunde könnte das neuartige Coronavirus in Zuchtfarmen eingeschleppt worden sein, in denen Marderhunde für die Pelzindustrie gehalten werden.

Beim Schlachten der lebendigen Tiere könnten sich Mitarbeiter leicht mit dem Sars-2-Virus infiziert haben. "Oder ein Händler eines Tiermarktes, der Kontakt mit einer Marderhund-Zuchtfarm hatte, könnte sich angesteckt haben", sagt der Virologe.

Millionen Marderhunde in Zuchtfarmen begünstigen Virus-Ausbrüche

Für den Marderhund als Übergangswirt spricht also aus Drostens Sicht: Es ist eine Tierart, bei der zweifelsfrei eine Verbindung zum verwandten Sars-1-Virus hergestellt wurde. "Zudem werden in China Marderhunde in einer Größenordnung gezüchtet, die Virus-Ausbrüche begünstigt", so der Virologe. In China würden insgesamt 14 Millionen Marderhunde für die Pelzproduktion gehalten. "Den chinesischen Wissenschaftlern würde ich empfehlen, diese Spur weiter zu verfolgen." Aber unter Umständen sei es jetzt schon zu spät, den Nachweis zu erbringen - etwa weil die infizierten Tiere längst gekeult sind und keine Proben mehr von ihnen vorliegen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 08.06.2021 | 18:05 Uhr

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