Die indische Sitar-Spielerin Anoushka Shankar bei einem Konzert in Luzern. © picture alliance / imageBROKER | Oliver Gutfleisch

Anoushka Shankar - Weltstar mit der Sitar in der Elbphilharmonie

Stand: 05.11.2021 18:00 Uhr

Anouhska Shankar, der Weltstar aus Indien, ist mit ihrer Sitar in Hamburg zu Gast. Bis Sonntag bestimmt sie beim Festival "Reflektor" das Programm in der Elbphilharmonie. Zu hören ist traditionelle und moderne Musik aus Indien.

von Daniel Kaiser

Indische Musik ist viel mehr als Folklore. Der Klang der Sitar viel mehr als nur exotisches Gewürz in der Popmusik - so wie im Beatles-Song "Norwegian Wood". Das kann man jetzt vier Tage lang in der Elbphilharmonie erleben. Anoushka Shankar hat das Programm nicht nur geplant, sie tritt auch selbst mit ihrer Sitar, dieser ganz besonderen Langhalslaute, auf. "Bei der Programmplanung habe ich meistens egoistisch gedacht, was ich gern in diesen vier Tagen hören würde", lacht die sympathische 40-Jährige. "Ich möchte, dass die Menschen entdecken, dass indische Musik so viel mehr ist als das, was einem als erstes in den Sinn kommt. Ich möchte die Bandbreite dieser Musik zeigen."

Improvisieren wie beim Jazz

So begann das Festival mit klassischer Musik der in Indien sehr bekannten Sängerin Indrani Mukherjee, präsentiert aber auch aktuelle Klänge, wie die von Bishi und ihrer clubtauglichen Elektro-Sitar. Während in der westlichen Musik meist alles bis ins Kleinste ausgeschrieben und durchkomponiert ist, wird in der klassischen indischen Musik meistens improvisiert - ein bisschen wie beim Jazz, erläutert Shankar. "Da kommt dann auch die Begeisterung und Freude in den Konzerten her. Man sieht und spürt, wie die Künstler aufeinander und auf das Publikum reagieren." Deshalb habe sie bei den ersten Konzerten in der Elbphilharmonie unbedingt in der ersten Reihe sitzen wollen, damit die Musiker auf der Bühne ihre Reaktion sehen können. "So ein Konzert ist ein fließender, interaktiver Prozess." In der Elbphilharmonie zeigt Anoushka Shankar selbst einen Stummfilm von 1928 - eine Liebesgeschichte aus Indien. Der Film, eine deutsch-britisch-indische Co-Produktion, war lange in den Archiven verschollen. Jetzt hat sie dazu die Musik geschrieben hat und wird sie live vor der Filmleinwand im großen Saal der Elbphilharmonie aufführen.

Nachwuchsprobleme bei klassischer Musik

Die klassische Musik in Indien steht vor ähnlichen Herausforderungen wie die klassische Musik im Westen: Das Publikum wird weniger und älter. "Wenn man in Indien Radio oder Fernsehen anmacht, stößt man nicht sofort auf klassische Musik, aber es gibt viele Festivals und Konzerte", sagt Shankar. "Neulich war ich bei einem Konzert, da reichten die 5.000 Sitzplätze nicht aus. Die Menschen klebten an den Wänden und schauten vor der Tür auf Bildschirmen zu. Diese Musik wird geliebt. Sie mag nicht die meistgehörte Form der Musik sein, sie ist aber einzigartig und unersetzlich."

Liebesbeziehung zur Sitar

Für die 40-jährige Anoushka Shankar, die heute in London lebt, ist ihre Sitar ein wichtiger Lebensbegleiter. Das Instrument hat sogar einen Namen, den sie aber nicht verraten möchte- zu privat. "Die Liebe zum Instrument ist zärtlich. Manchmal weckt es einen Beschützerinstinkt in mir, als wäre es ein Baby, manchmal fühle ich eine Einheit wie bei einem Geliebten, manchmal spüre ich vor allem meine Wurzeln, dann ist es wie ein Elternteil. Es ist eine sehr symbiotische fließende Beziehung." Eine Beziehung, die auch körperlich schmerzhaft sein kann. Denn das Zupfen der harten Saiten zieht die Fingerkuppen in Mitleidenschaft. Auch nach all den Jahren tue es immer noch weh, sagt die sympathische Frau mit dem dezenten Ring im Nasenflügel. "Allerdings nicht mehr so stark wie früher", ergänzt Shankar lachend. "Wenn ich ein paar Tage nicht spiele, wird die Haut an den Fingerkuppen weicher. Bis die Hornhaut dann wieder nachwächst, gibt es Augenblicke schmerzhafter Zärtlichkeit. Ich lege das Instrument ganz gern mal für ein paar Tage zur Seite, aber es ist ein bitterer Preis, den ich dafür zahle."

Ravi Shankar - Vater, Lehrer und Guru

Anoushka Shankar ist die Tochter der Sitar-Legende Ravi Shankar. Er war ihr Vater, ihr Lehrer, Ihr Guru. Natürlich nervt es sie, immer wieder darauf reduziert zu werden. "Es ist tatsächlich meistens das erste oder zweite, das Menschen erwähnen. Das wird wohl auch noch so sein, wenn ich 55 bin. Ich habe eingesehen, dass das ein Kampf ist, den ich nur verlieren kann und den es nicht zu kämpfen lohnt. Ich bin dankbar dafür, einen so großartigen Lehrer gehabt zu haben und versuche jetzt, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und so authentisch zu sein wie möglich." Manchmal hört sie sich noch alte Platten ihres Vaters an. "Da höre ich ihn natürlich als Musiker, aber auch als Vater, und dann kommen die Erinnerungen. Das ist eine schöne Sache."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 05.11.2021 | 19:00 Uhr

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