Stand: 10.11.2015 15:30 Uhr  | Archiv

Schmidt: Kühler Kopf und Krisenmanager

RAF-Terror erschüttert das Land

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Schmidt weigerte sich im "heißen Herbst", auf die Forderungen der Terroristen einzugehen.

Innenpolitisch die größte Herausforderung seiner Amtszeit war der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) im sogenannten Deutschen Herbst. 1977 fielen Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Bankier Jürgen Ponto RAF-Anschlägen zum Opfer. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde entführt. Gleichzeitig mit der Entführung Schleyers hatten Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" gekapert und forderten die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen. Eine Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes, die GSG 9, befreite die Insassen der Maschine in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Einen Tag später fand die Polizei die Leiche Schleyers im Elsass.

Schmidt übernahm die politische Verantwortung für den Tod Schleyers. Während der Entführung hatte er immer wieder erklärt, dass sich der Staat nicht erpressen lassen dürfe. Später sagte Schmidt, er wäre noch in der Nacht zurückgetreten, wenn die Befreiung der Geiseln in Mogadischu fehlgeschlagen wäre.

Kalter Krieg: Streit um NATO-Doppelbeschluss

In der Außenpolitik setzte Helmut Schmidt auf ein entschlossenes Auftreten gegenüber dem Warschauer Pakt. So erreichte Schmidt bei einem Treffen mit US-Präsident Jimmy Carter, Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing und dem britischen Premierminister James Callaghan die politische Entscheidung zum NATO-Doppelbeschluss. Demnach sollten atomare Mittelstreckenraketen in Europa stationiert werden, falls die Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion scheiterten. Der NATO-Doppelbeschluss war in der Bevölkerung und vor allem in Schmidts eigener Partei heftig umstritten.

Gemeinsam mit Giscard, mit dem ihn eine persönliche Freundschaft verband, verbesserte Schmidt die deutsch-französischen Beziehungen und vertiefte die europäische Integration. Auch die wirtschaftspolitisch bedeutendste Maßnahme seiner Regierungszeit erfolgte in Zusammenarbeit mit Giscard: die Einführung des Europäischen Währungssystems, aus dem später der Euro hervorgehen sollte. Auf eine Idee Schmidts und Giscards ging auch 1975 der erste Weltwirtschaftsgipfel zurück, der Vorgänger der heutigen G8-Treffen. Bis zuletzt war Schmidt ein glühender Verfechter der Europäischen Union. Er warnte vor einer schrumpfenden Erkenntnis, dass die europäische Integration zu den wichtigsten Interessen der Bundesrepublik gehöre und einer Renationalisierung.

Konstruktives Misstrauensvotum stürzt Schmidt

1982 scheiterte die von Schmidt geführte sozialliberale Koalition, vor allem an Differenzen in der Wirtschaftspolitik. Am 17. September 1982 traten sämtliche FDP-Bundesminister zurück. Schmidt führte die Regierungsgeschäfte für kurze Zeit ohne Mehrheit im Bundestag weiter. Am 1. Oktober 1982 wurde er mit den Stimmen von CDU/CSU und der Mehrheit der FDP-Fraktion durch ein konstruktives Misstrauensvotum abgewählt. Helmut Kohl (CDU) wurde sein Nachfolger als Bundeskanzler.

Seit 1983 war Schmidt einer der Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit". Für sein publizistisches Lebenswerk wurde er 2010 mit dem Henri-Nannen-Preis geehrt. In zahlreichen Vorträgen, Interviews und Artikeln mischte er sich weiterhin in die Tagespolitik ein und vertrat auch unpopuläre Meinungen. So befürwortete der Kettenraucher die friedliche Nutzung der Kernenergie, beklagte die übermäßige deutsche "Regulierungswut" und bezeichnete die multikulturelle Gesellschaft als eine "Illusion von Intellektuellen". Die Debatte um die globale Erwärmung nannte er "Hysterie".

"Millennium-Bambi" für "politisches Gewissen der Deutschen"

Für sein Lebenswerk wurde Schmidt Mitte November 2011 mit dem "Millennium-Bambi" des Burda-Verlags ausgezeichnet. "Der Altkanzler verfügt über einen messerscharfen Verstand und eine unbeirrbare Moral, die viele heute bei Politikern vermissen", hieß es in der Begründung der Jury. Er werde "als das politische Gewissen der Deutschen" gewürdigt. Minutenlang erhoben sich die Gäste bei der Gala in Wiesbaden von ihren Plätzen und applaudierten Schmidt. Der Sozialdemokrat rief dazu auf, die friedliche Zusammenarbeit der Nationen zu pflegen: "Dies bleibt der entscheidend wichtige Teil aller unserer Pflichten."

Bewegender Abschied

Helmut Schmidt starb im Alter von 96 Jahren am 10. November 2015 in seinem Haus im Hamburger Stadtteil Langenhorn. Knapp zwei Wochen nach seinem Tod nahmen Spitzen von Staat und Gesellschaft in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis Abschied vom ehemaligen Bundeskanzler Abschied. 1.800 geladene Gäste aus dem In- und Ausland waren für den Staatsakt nach Hamburg gereist. Bei einem anschließenden Trauerzug durch die Stadt erwiesen Tausende Menschen dem Hamburger die letzte Ehre. Seine Urne wurde im Familiengrab auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf beigesetzt, wo auch seine Frau Loki und seine Eltern begraben sind.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburger Hafenkonzert | 29.11.2015 | 06:00 Uhr

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