Stand: 10.11.2016 14:09 Uhr  | Archiv

Bahlsen - ein Keks macht Weltkarriere

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Die Brezelmänner mit goldenem Leibniz-Keks sind das Wahrzeichen am Stammhaus in Hannover.

Hohmeyer ist es auch, die gemeinsam mit ihrer Freundin Anna Dora Thieme die entscheidende Idee für die Rettung des Unternehmens nach dem Krieg hat. Als der Absatz 1920 einbricht und keine Bank einen Kredit gewährt, erinnert sich Hohmeyer an den Freund ihres verstorbenen Chefs: Sir Grant aus England. Sie schreibt dem Biskuitfabrikanten und bittet um Hilfe.

Der Engländer gewährt einen Kredit in Höhe von 500.000 Reichsmark - die Rettung für Bahlsen. Die einen verlieren in dieser chaotischen Zeit ihre Ersparnisse, andere spekulieren sich reich: Im Januar 1923 kostet eine Packung Leibniz 300 Mark, im Mai schon über 1.000 und vier Milliarden im November. Beim Einkauf der Rohstoffe werden die Scheine gewogen, nicht gezählt. Die Firma - inzwischen eine Aktiengesellschaft - gibt eigenes Notgeld aus und übersteht die Inflation.

Expressdose - die Idee in Krisenzeiten

Nach Hans Bahlsen steigen auch die Gründersöhne Werner und Klaus bis 1930 in die Firma ein. Gerhard entscheidet sich dagegen und studiert Kunstgeschichte und Philosophie. Jetzt bremst die Wirtschaftskrise den Aufschwung. Leibniz-Kekse sind noch immer sehr beliebt, aber für viele zu teuer. Bahlsen muss immer mehr Mitarbeiter entlassen. Eine neue Idee ist in Krisenzeiten gefragt - und die Bahlsenbrüder haben sie: die Expressdose. Eine Dose mit einem Pfund Keksen für eine Mark. Das neue Produkt wird zum Verkaufsschlager: 25.000 Dosen werden 1933 pro Schicht im "Knusperhaus" produziert. Wieder hat das Unternehmen eine Krise erfolgreich überstanden. 1939 feiert die Belegschaft das 50-jährige Betriebsjubiläum mit einem großen Fest.

Im Zweiten Weltkrieg hat Bahlsen zunächst mit knapp werdenden Backzutaten zu kämpfen, wird dann aber zum kriegswichtigen Betrieb ernannt. Das Unternehmen produziert Notverpflegungen für die deutschen Soldaten, stellt Knäckebrot und Zwieback her. Seit 1941 arbeiten auch Fremd- und Zwangsarbeiter im Werk - vorwiegend Polinnen und Ukrainerinnen. Mehr als 200 leben in Barackenlagern. Sie erhalten denselben Lohn wie die deutschen Arbeiterinnen. Die Fremd- und Zwangsarbeiterinnen schildern die Arbeitsbedingungen nach Ende des Krieges als vergleichsweise ordentlich. Bahlsen tritt 1999 einer Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeitern bei.

Drei Bahlsens führen das Unternehmen

Über 80 Bombenangriffe erlebt Hannover und ist am Ende des Zweiten Weltkriegs eine Ruinenstadt. 60 Prozent der Fabrik und sämtliche Auslieferungslager sind zerstört. Bahlsen backt zunächst Brot, aber bereits 1945 laufen wieder Kekse vom Band. In Hermann Bahlsens Stammhaus in der Podbielskistraße haben jetzt seine drei Söhne das Sagen. Ein Team sind sie nicht, die Machtfrage ist pragmatisch gelöst: Jeder macht, was er am besten kann. Hans kümmert sich als Ingenieur um das technische Know-how, Werner übernimmt die Führung. Klaus ist der kreative Kopf und entwickelt neue Produkte. Die "Salzlette" ist zum Beispiel der Wirtschaftswunder-Hit.

In den folgenden Jahren übernimmt Werner Bahlsen mehr und mehr das Ruder. Mitte der 50er-Jahre exportiert Bahlsen bereits in 74 Länder, Ende der 1960er-Jahre sind in dem Unternehmen weltweit 11.000 Mitarbeiter tätig. In dieser Zeit wird das Knabbersortiment um Kartoffelchips erweitert und auch Kuchen werden jetzt produziert. Die Teilübernahme von Brandt erweitert das Sortiment noch einmal. 1975 steigt Werner Michael Bahlsen, der älteste Sohn von Werner Bahlsen, ins Unternehmen ein. Auch sein Bruder Lorenz steht nach Ausbildung und Studium bereit, das Keks-Imperium zu übernehmen. Doch die Söhne müssen sich gedulden: Erst mit 81 Jahren gibt Werner Bahlsen 1985 das Zepter ab - ein paar Monate später stirbt er.

Die Keksdynastie zerbröselt

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Werner Michael Bahlsen führt die Bahlsen GmbH & Co. KG.

Nach dem Tod von Werner Bahlsen führen seine Söhne Werner Michael und Lorenz sowie Cousin Hermann, Sohn von Hans Bahlsen, die Geschäfte. Doch bald entbrennt ein Machtkampf, zwischenzeitlich scheint ein Verkauf die einzige Lösung. Dann kommt es jedoch anders: Werner Michael und Lorenz setzen sich durch, der Cousin zieht sich 1993 aus der Geschäftsleitung zurück, drei Jahre später steigt er schließlich ganz aus. Doch auch zwischen den beiden Brüdern gibt es bald Zwist. Lorenz übernimmt das salzige und Werner Michael das süße Sortiment.

Doch nicht nur die Familienfehde sorgt für Unruhe und Negativ-Schlagzeilen. Aufgrund der sogenannten Paprika-Affäre fährt Bahlsen 1993 Verluste ein. 18,5 Millionen Chips-Packungen muss das Unternehmen vom Handel zurücknehmen, die wegen fehlerhafter Lieferungen eines Gewürzzulieferers mit Salmonellen verunreinigt sind - Kosten in Höhe von 50 Millionen Mark entstehen. Doch die Firma erholt sich von dieser finanziellen Belastung.

Die Brüder teilen das Unternehmen

In Hannover wird wenige Jahre später längst gemunkelt, was bald öffentlich wird: Es gibt erneut Streit in der Familie, die Keksdynastie zerbröselt. Aus der Teilung wird eine klare Trennung: Die salzigen Produkte gehen 1999 an Lorenz Bahlsen, der Markenname "Bahlsen" und der süße Zweig an seinen Bruder.

"Krümelmonster" macht Unternehmen zu schaffen

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Der Keks ist weg: Anfang 2013 geht die Nachricht vom dreisten Diebstahl in Hannover um die Welt.

Durch einen kuriosen Diebstahl gerät Bahlsen im Jahr 2013 in die Schlagzeilen. Ein Erpresser, der sich als "Krümelmonster" ausgibt, entwendet den goldenen Keks von der Fassade des Stammhauses in der Podbielskistraße und fordert von dem Unternehmen Gratis-Kekse für ein Kinderkrankenhaus und eine Spende an ein Tierheim. Gut zwei Wochen später taucht der Keks wieder auf. Er bekommt seinen Platz am Firmensitz zurück und wird seither per Video überwacht.

Zwei Milliarden Butterkekse pro Jahr

Auf dem deutschen Keksmarkt ist Bahlsen bis heute die Nummer eins. Gut 2.600 Mitarbeiter - davon etwa 550 im Ausland - beschäftigt das Unternehmen. Fünf Werke, eines davon in Polen, produzieren jedes Jahr rund 132.000 Tonnen Süßgebäck, darunter allein zwei Milliarden Butterkekse jährlich - eine Menge, die übereinander gestapelt 8.000 Kilometer weit ins Weltall reichen würde.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen / Norddeutsche Dynastien / 12.11.2016 / 12:45 Uhr

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