Stand: 08.11.2018 18:20 Uhr

Vor 80 Jahren: Terror in der Reichspogromnacht

von Vivienne Schumacher

Am 9. November 1938 rufen die Nationalsozialisten dazu auf, jüdische Geschäfte und Synagogen zu zerstören. Schon in der folgenden Nacht gehen in Deutschland zahlreiche Gotteshäuser in Flammen auf, jüdische Läden werden ausgeraubt und demoliert, Juden verschleppt oder ermordet. Die Judenverfolgung während der NS-Zeit erreicht mit der Reichspogromnacht eine neue Dimension. Auch in Norddeutschland eskaliert der nationalsozialistische Antisemitismus und führt zu Gewaltorgien.

Alte Schwarz-Weiß Aufnahme einiger Menschen vor einem Geschäft, welches mit "Jude" gekennzeichnet wurde

Mahnmal erinnert an Reichspogromnacht

Hallo Niedersachsen -

In der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden auch in Neustadt am Rübenberge Juden verschleppt und ermordet. Synagogen und Geschäfte jüdischer Bürger wurden zerstört.

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Gewalt und Verhaftungen in Hannover

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In Hannover brennt die Synagoge in der Bergstraße bis auf die Grundmauern nieder.

In Hannover werden mehrere Hundert Menschen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. 94 jüdische Geschäfte sowie 27 Häuser und Wohnungen werden demoliert und verwüstet. Das Kommando für die damalige Provinz Hannover hat SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln. Er nimmt die Befehle aus München und Berlin entgegen und sendet etwa 500 SS-Männer zu jüdischen Geschäften und Wohnungen aus. Eine vorbereitete Adressenliste liegt ihm vor. Zerstört wird unter anderem die Synagoge in der Bergstraße, die als "Perle Hannoverscher Architektur" bekannt war. Stundenlang steht sie in Flammen. SS-Männer sperren den gesamten Platz um das Gotteshaus ab. Die Feuerwehr darf erst mit den Löscharbeiten beginnen, als der Brand droht, auf benachbarte Wohnhäuser überzugreifen.

"Die schlagen da unten die Wohnung kaputt"

Synagoge der jüdischen Gemeinde in Oldenburg © dpa - Bildarchiv

Die Pogromnacht in Oldenburg

NDR 1 Niedersachsen -

Klirrendes Glas, Feuer und Flammen bestimmen die Nacht des 9. November 1938. Nationalsozialisten stecken jüdische Geschäfte und Synagogen in Brand.

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Eine Zeitzeugin erinnert sich in einem Gespräch mit dem NDR Hörfunk im Jahr 1978 an den 10. November 1938 in Hannover: "Wir hörten in unserer Wohnung draußen einen Tumult und ahnten nicht, was da war. Mein Junge lief natürlich gleich runter, um zu sehen, was da los war. Er kam zurück und sagte: 'Die schlagen da unten die Wohnung kaputt, die SA.' Wir guckten aus dem Fenster und sahen, dass sie mit schweren Gegenständen tatsächlich die Parterrewohnung verwüsteten, Fenster einschlugen. Wir sahen, wie sie auch den Küchenschrank zerschlugen. Wir wussten nicht, dass da eine jüdische Familie wohnte, aber das erfuhren wir dann."

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten hat in Zusammenarbeit mit Geschichtsstudenten der Leibniz Universität Hannover eine neue Website erarbeitet, die an die Reichspogromnacht in Niedersachsen erinnern soll. Sie gibt Informationen zu den Ereignissen in mehr als 50 Orten und zeigt bisher unveröffentlichte Fotos und Dokumente.

Zerstörung und Verfolgung in Mecklenburg-Vorpommern

Auch in Mecklenburg-Vorpommern stehen in mehreren Städten Synagogen in Flammen, werden jüdische Friedhöfe geschändet, Geschäfte beschädigt und geplündert. Augenzeugen berichten, wie in zivil gekleidete Nazis die Synagoge in Alt-Strelitz stürmen und die Thora-Rollen sowie die gesamte Einrichtung zerstören, mit Benzin übergießen und anzünden. Beim Brand in der Neubrandenburger Synagoge hat die Feuerwehr lediglich den Auftrag, ein nebenstehendes Wohnhaus zu schützen.

Hintergrund

Pogromnacht 1938: Attentat und Propaganda

Das Attentat eines 17-jährigen Juden auf einen NS- Diplomaten liefert den willkommenen Vorwand für die gewalttätigen Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung. mehr

Ebenso in Rostock: Am frühen Morgen des 10. November brennt die Synagoge in der Augustenstraße vollständig aus, während die Feuerwehr nur die benachbarten Gebäude schützt. Eine Geschäftsfrau aus Rostock erzählt in einem Gespräch mit dem NDR Hörfunk im Jahr 1978: "Da stand eine ganze Reihe Leute, und die Feuerwehr stand da, sozusagen Gewehr bei Fuß, und hatte eigentlich nur die Aufgabe, dass sie die Nachbarhäuser beschützen sollte. Aber die Synagoge war schon drei Viertel runtergebrannt. Die hat man die Nacht über brennen lassen." Am Vormittag ziehen die Nazis weiter durch die Hansestadt und demolieren circa 50 Wohnungen und Geschäfte. 64 jüdische Männer werden verhaftet.

Das "verspätete" Pogrom in Hamburg

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In Hamburg brennen die Nazis unter anderem die Bornplatzsynagoge im Grindelviertel nieder.

In Hamburg geht aus den wenigen Akten, die nach dem Krieg nicht vernichtet oder "bereinigt" worden sind, hervor, dass es in der Nacht vom 9. auf den 10. November Probleme mit der Alarmierung der Allgemeinen SS gab. Die SS-Männer seien nachts telefonisch nicht erreicht worden, die SA hingegen kann benachrichtigt werden: Augenzeugen berichten, dass sich in den frühen Morgenstunden des 10. November SA-Männer in Uniform und in Zivil auf dem Rathausmarkt versammelt hätten. In kleinen Gruppen seien sie in verschiedene Richtungen losmarschiert und hätten damit begonnen, Fensterscheiben zu zertrümmern.

Feuer auf dem jüdischen Friedhof

Die brutalen Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung finden in der Hansestadt zum großen Teil am Nachmittag und Abend des 10. November statt. Nationalsozialisten zerstören die Neue Dammtor-Synagoge. Gegen 19 Uhr wird in der Leichenhalle auf dem jüdischen Friedhof in Harburg ein Brand gelegt. Schaulustige versammeln sich und behindern die Löscharbeiten der Feuerwehr: Die Halle brennt bis auf ihre Grundmauer nieder.

Brennende Synagoge in der Bergstraße in Hannover am 10. November 1938. © HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum Hannover. Foto: Wilhelm Hauschild

Die Reichspogromnacht in Hamburg

Ein jüdischer Mitbürger erinnert sich an die Ereignisse in der Hansestadt.

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Die Zerstörer setzen auch die Hauptsynagoge am Bornplatz in Brand. Später muss die jüdische Gemeinde die Trümmer auf eigene Kosten abtragen. 1988 sagte ein Zeitzeuge dem "Hamburger Abendblatt": "Ich sah die Flammen aus der Grindelhof-Synagoge schlagen. Davor brannte ein Haufen jüdischer Gebetbücher und Thora-Rollen. Am abstoßendsten fand ich die Gesichter der SA-Männer, die von der brennenden Synagoge angestrahlt wurden. Ich hatte den Eindruck, die Männer waren davon überzeugt, etwas besonders Gutes zu tun."

In den Geschäftsstraßen der Hansestadt werden jüdische Geschäfte demoliert und angezündet. Die Gestapo inhaftiert mindestens 879 Juden. Ein jüdischer Bürger springt aus Angst und Verzweiflung vor der Verfolgung aus dem dritten Stock.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 09.11.2018 | 19:30 Uhr

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Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit von Deutschen systematisch ermordet. Jedes Jahr am 27. Januar erinnert ein Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus. mehr

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