Stand: 09.02.2018 17:33 Uhr

Vor 65 Jahren: Enteignungswelle an der Ostseeküste

Bild vergrößern
Das "Strandeck" in Göhren auf Rügen. Auch dieses Haus wurde im Rahmen der "Aktion Rose" verstaatlicht.

10. Februar 1953. 400 Volkspolizisten stürmen an der Ostseeküste der DDR Hotels, Pensionen und Restaurants. Bewaffnet mit Pistolen und ausgestattet mit Taschenlampen. Sie haben den Befehl, die Besitzer der Objekte zu vernehmen und gegebenenfalls festzunehmen. Die "Aktion Rose" beginnt.

Gerhard Gühler lebt damals in Bansin auf der Insel Usedom. Seine Eltern bewirtschaften das Hotel "Zur Post", das Haus befindet sich seit Generation in Familienbesitz. Gerhard Gühlers glückliche Kindheit an der Ostsee endet an diesem Wintertag, an dem Volkspolizisten auch sein Zuhause durchsuchen. "Im Büro meines Vaters", erinnert er sich, "standen eine alte Schreibmaschine und eine Olympia aus dem Westen. Und da fragte dieser Polizist: 'Warum haben Sie denn eine Maschine aus dem Westen?' Mein Vater sagte: 'Schauen sie mal, von der VEB- Maschine fliegen ja die Typen weg!'. 'Wollen Sie sagen, dass unsere Produkte schlecht sind?', entgegnete der Polizist und fasste meinem Vater an die Schulter, der seine Hand dann wegschlug. Das haben sie als Angriff auf die Staatsgewalt ausgelegt und mein Vater sollte nach Bautzen."

"Urlaub für alle" statt Ferien als bürgerliches Privileg

Das tatsächliche Ziel der Durchsuchungen und Verhaftungen ist, die privat betriebenen Feriendomizile auf Rügen, Usedom, in Warnemünde und Kühlungsborn in die volkswirtschaftlichen Strukturen der DDR zu überführen. Dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), der den Arbeitern des jungen sozialistischen Staates Urlaubsreisen vermittelt, sind die privaten Anbieter ein Dorn im Auge.

In der staatlich gelenkten Presse wird gehetzt gegen die "Schieber" und "kriminellen Elemente", gegen eine "verfaulende, kleinbürgerlich-kapitalistische Schicht". Offiziell soll das "bürgerliche Privileg einer Urlaubsreise ersetzt werden durch die Idee 'Urlaub für alle'".

Häuser Animation

65 Jahre nach der Aktion "Rose"

Nordmagazin -

Im Januar 1953 bereitete die Volkspolizei eine Enteignungswelle an der DDR-Ostseeküste vor. Die Aktion "Rose" hat das Leben der Betroffenen und ihrer Familien geprägt.

2,54 bei 39 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Eingeschlichen mit Unterstützung des Staates

Inoffiziell heißt es in den Unterlagen des Ministerium des Inneren der DDR: "Wir zerschlagen die noch vorhandenen Brutstätten des Imperialismus an der Küste der DDR. Unser Kampf richtet sich gegen die bürgerlich-reaktionären Kreise, die unseren Fortschritt hemmen, die durch ihre Machenschaften versuchen, die gestürzten Kräfte zu restaurieren, somit also die Errungenschaften der Arbeiterklasse sabotieren."

Seit Ende Januar haben Vorbereitungstrupps der Volkspolizei geeignete Objekte ausgeforscht. Haben sich als Bau- oder Steuersachverständige - ausgestattet mit Ausweisen des Rates des Kreises Rostock - Zugang zu den Hotels und Pensionen verschafft. Der Zugriff am 10. Februar soll überraschend erfolgen. Die Besitzer sollen keine Gelegenheit bekommen, mögliches Beweismaterial zu vernichten.

Auch ein Schneesturm kann sie nicht stoppen

"Aktion Rose"

Eigentlich hieß die Aktion zur Enteignung der Hoteliers und Restaurantbesitzer im Winter 1953 "Ferienaktion". Lediglich handschriftlich soll sich der Name "Aktion Rose" auf dem Einsatzplan des Ministeriums des Innern der DDR/ Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei befunden haben. Der Bau der Mauer 1961 wurde indes tatsächlich unter dem Namen "Aktion Rose" geplant und durchgeführt.

Aber nicht alles läuft wie geplant. Die Einsatzwagen bleiben in Schneeverwehungen stecken. Die Funkverbindung zwischen einzelnen Einsatzgruppen ist wegen starken Schneesturms unterbrochen. Erst als das Zentralkomitee der SED 15 Schneepflüge an die Küste schickt, kann die "Aktion Rose" fortgesetzt werden.

Doch wonach suchen die 400 Volkspolizisten? Sie durchwühlen die Vorratskammern der Hotels, Pensionen und Restaurants - suchen nach "gehorteten" Lebensmitteln, nach Kaffee aus dem Westen. Sie beschlagnahmen die Gästebücher - vielleicht lässt sich darin etwas finden über die "Verfehlungen" der Gastgeber. Sie erschleichen sich das Vertrauen der Angestellten, um sie auszuhorchen.

Enteignet, festgenommen, verurteilt

Am 10. März 1953 - nach nur einem Monat - werden 440 Hotels, Pensionen und Restaurants in das Volkseigentum der DDR überführt, deren Besitzer enteignet, 447 von ihnen festgenommen, 408 unter Vorwänden in Schnellverfahren verurteilt, viele zwangsausgesiedelt. Wegen Steuerhinterziehung, illegalen Einführens von Westwaren, Preisvergehen. Die Familie von Gerhard Gühler flieht damals in den Westen und verliert alles.

Bild vergrößern
Urlaub an der Ostseeküste ist nach 1953 fast nur noch in Erholungsheimen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes möglich.

In den neuen FDGB-Heimen verbringen in den folgenden Jahren nicht nur die Werktätigen der volkseigenen Betriebe ihre Ferien. Auch Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) werden in den enteigneten Hotels und Pensionen untergebracht - in der neuen militärischen "Schutzzone Ostsee". Die DDR plant, den Nordosten Rügens zu einem Kriegshafen ähnlich dem im sowjetischen Murmansk auszubauen. Aus den Plänen wird am Ende allerdings nichts.

Rückgabe nach der Wiedervereinigung

Erst nach der Wende bekommt eine Vielzahl der Eigentümer beziehungsweise deren Nachfahren die Hotels und Pensionen zurück. Der Einigungsvertrag sieht für die, die durch die "Aktion Rose" ihr Eigentum verloren haben, Rückgabe vor Entschädigung vor. Das gilt auch für Gerhard Gühler. Er bekommt das Hotel "Zur Post", das seiner Familien von der DDR-Regierung gestohlen wurde, zurück und zieht mit seiner Familie von Stuttgart nach Bansin. Dort baut er das renovierungsbedürftige und heruntergewirtschaftete Hotel wieder auf.

Weitere Informationen

"Aktion Rose" und der Tod der Lieselotte Jess

1953 enteignet die DDR unter dem Namen "Aktion Rose" Hotels, Pensionen und Restaurants an der Ostsee. Auch die Familie Jess in Bad Doberan gehört zu den Betroffenen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 07.01.2018 | 19:30 Uhr

Mehr Geschichte

06:24
Schleswig-Holstein Magazin

Die vergessenen Juden vom Flensburger Kibbuz

18.11.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
06:29
Nordmagazin
03:59
Hamburg Journal

Hamburg damals: Dioxinskandal bei Boehringer

18.11.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal

Norddeutsche Geschichte