Stand: 31.10.2018 08:00 Uhr

Kieler Matrosenaufstand: Zeitzeugen erinnern sich

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Im November 1918 ziehen Tausende Matrosen durch Kiel - und demonstrieren.

Die Matrosen liegen mit ihren Schiffen im Herbst 1918 vor Wilhelmshaven. Es ist absehbar, dass der Erste Weltkrieg für das Deutsche Reich verloren ist. Die Regierung in Berlin versucht, Friedensverhandlungen in Gang zu setzen. Dennoch kommt der Befehl der Militärführung, in eine große letzte - aber wohl aussichtslose Seeschlacht - gegen England auszulaufen. Diesem Befehl verweigern sich zahlreiche Matrosen am 29. Oktober, sie löschen die Feuer der Dampfschiffe. Die Meuterei wird niedergeschlagen - das 3. Geschwader der Hochseeflotte nach Kiel verlegt. Trotzdem ist der Protest der Matrosen und die daraus folgenden Ereignisse der Ausgangspunkt für die Novemberrevolution, die sich in ganz Deutschland ausbreitet. Die mutmaßlichen Rädelsführer der Unruhe werden am 1. November noch in der Kanal-Schleuse inhaftiert.

Tausende Arbeiter und Soldaten demonstrieren in Kiel

Noch am gleichen Tag gibt es Protest-Versammlungen von Soldaten und Arbeitern in Kiel - der Matrosenaufstand erreicht die Stadt an der Förde. Die Demonstranten fordern die Freilassung der Inhaftierten. Zwei Tage später kommt es zu einem großen Demonstrationszug mit mehreren Tausend Menschen. Sie wollen die Inhaftierten befreien. Bei einer Hilfskaserne gelingt es ihnen. Vor der der Arrestanstalt kommt es zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf Schüsse fallen - sieben Menschen sterben und 29 werden verletzt.

Zeitzeugenberichte zum Nachhören
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Augenzeuge Lothar Popp über den Matrosenaufstand 1918

03.11.2018 20:05 Uhr
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Zeitzeugenberichte aus den 1970er-Jahren

Über den Verlauf dieser Demonstration berichten in den 1970er-Jahren im NDR mehrere Zeitzeugen. Wir dokumentieren an dieser Stelle die Erinnerungen von Lothar Popp, damals Vorsitzender der USPD, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands in Kiel. Er war später auch Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats in Kiel. Popp demonstrierte mit den Arbeitern und Matrosen. Wilhelm Kleineweber erlebte den Protestzug als junger Soldat, der die Arrestanstalt schützen sollte. Die Berichte dieser und zweier weitere Zeitzeugen können sie auch nachhören.

  • Kieler USPD-Vorsitzender: "Der Anfang der deutschen Revolution"

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    Lothar Popp (M.) im Jahr 1978 bei einer Gedenkfeier für den Kieler Matrosenaufstand.

    Lothar Popp, 1918 Vorsitzender der USPD in Kiel, im Interview 1978: "Ich habe versucht, mit den Matrosen Verbindung zu bekommen. Ist mir auch gelungen, und ich bin dann immer mit dabei gewesen. Da wollten wir eine Versammlung im Gewerkschaftshaus abhalten. Der Gouverneur hat aber verboten, dass die Matrosen das Gewerkschaftshaus betreten. Dann haben wir eine Versammlung einberufen auf dem Exerzierplatz. Da waren ungefähr 10.000 Matrosen und ein paar Tausend Arbeiter. Da beschlossen wir dann, die Gefangenen zu befreien, und wir zogen in großem Zug durch Kiel. An der "Waldwiese" haben wir die Gefangenen rausgeholt. Wir zogen dann weiter.

    Es kam dann zu einer Schießerei

    Man hat uns Infanterie entgegen geschickt. Die haben sich aber alle geweigert, einzuschreiten; im Gegenteil, die sind teils mit uns mitmarschiert, teils sind sie umgekehrt - verweigerten also ihren Offizieren den Gehorsam. Wir zogen dann in die Feldstraße, um dort die Gefangenen rauszuholen. Dabei kam es dann zu einer Schießerei, wo es acht Tote und 29 Verletzte gab. Wir waren natürlich furchtbar bestürzt, dass es doch Blut gekostet hat. Die Erbitterung war ungeheuer, das hat die Sache nur verschärft.

    Matrosen trugen ihre Wünsche vor

    In der Nacht ist eigentlich praktisch schon die ganze Macht, oder der größte Teil der Macht, in den Händen der Matrosen gewesen. Am anderen Tag hat der Gouverneur nach dem Gewerkschaftshaus geschickt, hat gebeten, Vertreter der SPD und der USPD sollen doch zum Gouverneur kommen und mit ihm verhandeln. Dann haben die Matrosen ihre Wünsche vorgetragen. Es war ein bisschen durcheinander. Während der Sitzung kam dann und wann ein Matrose zu mir und sagte: 'Das haben sie besetzt'.

    Wir befinden uns jetzt hier am Anfang der deutschen Revolution

    Während dann die Offiziere, der Abgeordnete Gustav Noske und Staatssekretär Conrad Haußmann, immer noch berieten, kam derselbe Matrose wieder und sagte zu mir: 'So, jetzt haben wir das Stationsgebäude besetzt.' Das war das Gebäude, in dem wir tagten. Da waren 80 Mann Infanterie drin, die hatten sie entwaffnet und das Gebäude besetzt. Dann habe ich gesagt: 'Ich möchte auch mal was sagen. Aber vor allen Dingen möchte ich einen Irrtum bereinigen. Sie reden immer von einer Matrosenrevolte. Das war es vielleicht gestern und vorgestern noch, aber heute nicht mehr. Wir befinden uns jetzt hier am Anfang der deutschen Revolution.'"

  • Ein Soldat: "Wir wurden völlig aufgerieben"

    Wilhelm Kleineweber, 1918 Soldat, erzählt 58 Jahre später von seinen Erinnerungen: "Wir wurden am 3. November abends oder spätnachmittags zusammengerufen und wussten gar nicht, was los war. Dann wurden wir zusammengestellt und marschierten zur Feldstraße. Uns wurde da klar gemacht in der Feldstraße, dass ein Trupp vom Vieburger Gehölz im Anmarsch wäre. Die wollten das Arrestgebäude in der Feldstraße stürmen und Gefangene befreien. Unsere Aufgabe war es, diese Gefangenen und das Arrestgebäude zu schützen.

    Dann ist ein Schuss gefallen

    Da war eine Kette von Schutzleuten gezogen. Und wie nun der Zug kam, wurden die Schutzleute sofort blitzartig aufgerieben und die türmten in die Straße Langen Segen hinein. Und dann ging unser Leutnant Steinhäuser vor uns vorweg zu der Spitze des Zuges und mahnte: 'Sie sollten vorsichtig sein, sie sollten zurückgehen' - und dann ist ein Schuss gefallen.

    Ich bin getürmt

    Woher der Schuss gekommen ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Man hat einmal festgestellt, der Schuss soll von uns aus gekommen sein. Ich kann es nicht bestreiten, ich glaube es aber nicht. Ich glaube eher, dass er aus der Menge gekommen ist. Jedenfalls wurden wir überrumpelt. Wir wurden völlig aufgerieben. Ich bin durch den Schlossgarten getürmt; mit mir viele. Ich bin dann bis zum Bahnhof gekommen. Da lag ein kleines Boot, das nannten wir die 'Filzlaus'. Auf dem war ein Obermaschinistenmaat, mit dem wir gut konnten. Da bin ich an Bord gekommen. Der ist mit uns wieder auf dem Wasserwege zur Wik gefahren.

    Die wollten uns vermöbeln

    Wir sind dann am nächsten Tag in der Kaserne geblieben. Da brach die Meute durch das Tor in der Wik, tobte vor unserer Kaserne und wollte uns aus der Kaserne holen. Die wollten uns vermöbeln, weil wir da den Einsatz gemacht haben. Das sehe ich noch wie heute, da stand ein Lkw und ein Oberheizer, hielt zu der Menge eine Ansprache und mahnte zur Vorsicht. Sie sollten von uns ablassen, wir hätten politisch überhaupt noch keine Ahnung, wir wären in seinen Augen noch Jungs gewesen, und es wäre ein großer Unfug, an uns Hand anzulegen und so weiter. Und da ließen sie von uns ab."

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Die Berichte der Zeitzeugen wurden gekürzt und für die bessere Lesbarkeit sprachlich geglättet.

Matrosenaufstand in Kiel: Vom Kaiserreich zur Republik

 

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein von 10 bis 2 | 03.11.2018 | 10:05 Uhr

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