Stand: 03.05.2015 12:27 Uhr  | Archiv

Häftling Nummer 106 955 überlebt

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Oljean Ingster gestaltet heute als Kantor Gottesdienste in der größten Synagoge Deustchlands.

Als Oljean Ingster 13 Jahre alt ist, macht er sich älter. Drei Jahre rechnet er dazu, um in ein Arbeitslager zu kommen. Das war im September 1941. Damals inhaftierten die deutschen Besatzer den Jungen zusammen mit seinen Eltern, seiner Schwester und hunderten anderen Juden aus der Region in der Nähe von Krakau. Oljean Ingster sah seine Familie nie wieder, er selbst überlebte in den folgenden dreieinhalb Jahren acht Konzentrationslager.

Ingster überlebte den Todesmarsch aus dem KZ Sachsenhausen

Am 2. Mai 1945 endete sein Martyrium in Mueß bei Schwerin. Oljean Ingster war einer von Hunderten Häftlingen eines KZ-Todesmarsches aus Sachsenhausen. 1941 musste der 13-jährige Ingster für Daimler-Benz in dem Flugmotorenwerk Reichshof arbeiten. Später folgten unter anderem die Konzentrationslager Plaszow sowie Flossenbürg, Lager in Elsass-Lothringen und schließlich das KZ Sachsenhausen. Von hier aus marschierte der Häftling mit der Nummer 106 955 in Richtung Nordwesten, bis am 2. Mai 1945 der Todesmarsch kurz vor Schwerin endete.

Häftlinge wehrten sich mit Waffen

Im Kunstkaten von NDR 1 Radio MV erzählt der heute 87-jährige, wie die SS-Wachleute an jenem 2. Mai noch versuchten, Häftlinge zu erschießen. Diese fanden aber in den umliegenden Wäldern Waffen und wehrten sich. In Schwerin waren bereits amerikanische Soldaten einmarschiert und so seien die SS-Bewacher geflohen, erinnert sich Oljean Ingster. Den ersten amerikanischen Jeep habe er am 4. Mai gesehen: "Am Steuer saß ein Soldat, er sah wie ein Indianer aus und der zweite war ein Leutnant, ein Jugoslawe, in der amerikanischen Armee und der dritte war ein Farbiger." Einen Tag später, berichtet Oljean Ingster, waren am Störkanal auch die ersten sowjetischen Soldaten. Russen und Amerikaner hätten da sogar Fußball gespielt, erinnert er sich. Er selbst bekam von einem Bäcker Brot, übernachtete gemeinsamen mit seinem Lagerkameraden, dem 20 Jahre älteren Arzt Wolf-Thadeusz Epstein, in einem Stall. Später erhielt der ehemalige Häftling "100 Reichsmark und einen Anzug, der viel zu groß war", wie er heute sagt.

Als Kantor in der größten Synagoge Deutschlands

Oljean Ingster blieb 1945 in Schwerin, holte seinen Schulabschluss nach und begann zudem eine Ausbildung zum Elektromonteur. Als Jude engagierte sich der junge Mann beim Aufbau einer Jüdischen Gemeinde in Schwerin. Hier leitete er als Kantor auch regelmäßig Gottesdienste. 1960 zog Oljean Ingster nach Berlin. Seit 1966 gestaltet er in Deutschlands größter Synagoge - in der Rykestraße in Prenzlauer Berg - als Kantor Gottesdienste.

"Man musste das Richtige tun und das Andere unterlassen. Ich hatte immer irgendwie einen Schutzengel gehabt", sagt Oljean Ingster heute. Im Kunstkaten blickt er auf sein Leben zurück. Am 3. Mai ab 19 Uhr schildert er auf NDR 1 Radio MV seine Erlebnisse während der KZ-Haft und erinnert sich an das Kriegsende vor 70 Jahren.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 03.05.2015 | 19:00 Uhr

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