Ein Paar geht vor der Berliner Mauer entlang. © mdr/rbb/Sebastian Wagner

"Wir Kinder der Mauer": Doku über Kindheit und Jugend in der DDR

Stand: 05.08.2021 17:21 Uhr

Am 13. August jährt sich der Bau der Mauer zum 60. Mal. In der ARD-Doku "Wir Kinder der Mauer" erinnern sich die damals Heranwachsenden. Einer der beiden Regisseure ist Christian von Brockhausen.

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Porträt von Christian von Brockhausen. © NDR/Willem Konrad Foto: Willem Konrad
Christian von Brockhausen ist einer der Regisseure von "Wir Kinder der Mauer".

Herr von Brockhausen, diejenigen, die damals Kinder waren, sind jetzt 60 Jahre oder älter, mithin gestandene Persönlichkeiten. Aber ist es nicht auch gefährlich auf diese kindlichen und damit auch so naiven Eindrücke zurückzugreifen, um diese einschneidende Geschichte zu erzählen?

Christian von Brockhausen: Ich hatte das Gefühl, dass diese Menschen damals sehr schnell erwachsen werden mussten, weil auf einmal in diesem Land etwas passiert, was sie konfrontiert hat mit persönlichen Entscheidung: Bleibe ich oder gehe ich? Wie im Fall von Hartmut Richter, der beschlossen hat, noch unter 18 Jahren zu flüchten. Sie mussten erleben, dass andere Familien und deren Kinder weggehen oder sich arrangieren mit einem System. Deswegen hatte ich nicht den Eindruck, dass ich mit Menschen spreche, die sich nur an ihre Kindheit erinnern, sondern es waren Menschen, die sehr früh erwachsen werden mussten durch diese Mauer.

Wer sind diese 20 doch sehr unterschiedlichen Menschen, die Sie teils sehr privat und sehr persönlich, manchmal sogar fast intim, zu Auskünften bewegt haben?

Von Brockhausen: Das sind sogenannte Zeitzeug*innen. Es sind Menschen, die unfassbar viel Bundesrepublik miterlebt haben. Die, das kann man sich heute kaum noch vorstellen, miterlebt haben, wie ein Land sich teilt, wie sich eine Gesellschaft auseinander entwickelt, wie du beschattet wirst, bedroht wirst, deiner Freiheit beraubt wirst und große Entscheidungen treffen musst. Es sind Menschen, die eine Menge zu erzählen haben. Und das Schöne ist, dass sie auch gerne darüber erzählen, auch wenn sie immer noch traumatisiert sind. Wir haben auch Menschen getroffen, bei denen die Erinnerung wieder hoch kam und belastet hat. Das Schöne ist, dass die Nachfolgegeneration ihnen Fragen stellt, weil die Themen von damals heute wieder sehr aktuell geworden sind.

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Westberliner stehen auf Leitern und Stühlen und versuchen, über die die Sperrmauer an der Bernauerstraße hinweg Kontakt zu Verwandten und Freunden auf der Ostberliner Seite aufzunehmen, aufgenommen am 30. Okotber 1961. © picture-alliance/ dpa | dpa

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Auffallend ist, dass es nicht nur Berliner Geschichten sind. Die Mauer ging durch ganz Deutschland und hat Ost und West geteilt. Sie haben auch viele Stimmen aus dem Westen in Ihrem Film verarbeitet. Was können diese Menschen denn zu dieser Geschichte noch mal anders beitragen?

Von Brockhausen: Wir haben im Team darüber gesprochen, dass dieser Mauerbau - und nachher auch der Mauerfall - wie ein Wasserglas ist, was auf dem Boden fällt und in alle Richtungen zersplittert. Deswegen war es uns wichtig, das als gesamtdeutsche Erzählung zu drehen und zu erzählen, dass die Menschen im Westen auch geflüchtet sind, Verwandschaft drüben hatten, dass sie rübergefahren sind und dass sie Eindrücke gesammelt haben von einer ganz anderen Welt. Es sind aber auch eben viele Menschen, die noch einmal neu anfangen mussten, in ein völlig neues Land kamen und auch lernen mussten, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, und akzeptieren mussten, dass die Leute irgendwann vergessen. Es war uns sehr wichtig, auf ganz Deutschland zu schauen und zu fragen: Was hat diese Mauer mit euch gemacht?

Gleich zu Beginn des Films heißt es einmal "Eine Mauer ist besser als ein Krieg. Ein kalter Krieg ist besser als ein heißer". Das klingt fast wie ein Lob auf die Mauer, oder?

Von Brockhausen: Das ist Politikersprech von damals. Ich würde mir nicht anmaßen, in jedem Detail erklären zu können, warum diese Mauer gebaut wurde. Am Ende war es möglicherweise ein Arrangement, um vielleicht noch eine schlimmere Eskalation zu verhindern. Fakt ist, dass die Mauer eine tiefe Zäsur in den Lebensentwürfen der Menschen verursacht hat. Noch bis heute, viele Jahrzehnte später, prägt sie diese Menschen.

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Nun ist die Mauer schon länger nicht mehr da, als es sie überhaupt gegeben hat. Man sieht von ihr eigentlich kaum noch etwas - ab und zu mal im musealen Kontexten. Aber sie hat tiefe Spuren hinterlassen. Welche denn?

Von Brockhausen: Wenn man mit diesen Zeitzeug*innen spricht, dann merkt man, dass diese Erlebnisse noch sehr präsent in den Köpfen sind. Das ist auch etwas Schmerzhaftes, es kann aber auch etwas Wertvolles sei. Man will daraus lernen, wie weit wir schon gekommen sind in diesem Land, wie weit wir auch schon wiedervereinigt sind. Trotzdem haben wir nicht alles hinter uns gelassen. Es gibt noch Missverständnis, die Diskussion zwischen dem sogenannten Ost und West und es gibt noch Fragen, die wir einander stellen müssen: Wie konnte es dazu kommen? Wie habt ihr überlebt? Wie habt ihr gelebt? Und was müssen wir tun, damit sich so etwas nie wiederholt? Ich glaube, diese Mauer muss uns erden. Sie ist ein Teil der deutschen Geschichte, und wir müssen die richtigen Rückschlüsse aus ihr ziehen.

Christian von Brockhausen waren als Regisseur der mitreißenden und sehr bewegenden ARD-Doku "Wir Kinder der Mauer", die ab sofort in der ARD Mediathek zu sehen ist und am Samstag auch im Rahmen des Themenabends "60 Jahre Mauerbau" im Ersten zu sehen ist.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.08.2021 | 18:00 Uhr

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