Stand: 08.03.2018 19:07 Uhr

Literaturbetrieb: "Noch lange keine Gleichstellung"

"Frauen zählen!" - so heißt ein Projekt, das aus einem Runden Tisch von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Thema "Frauen in Kultur und Medien" hervorgegangen ist. Gemeint einerseits als Arbeitsauftrag: "Lasst uns mal zählen, wie viele Frauen im Kultur- und Medienbereich tätig sind!" Andererseits aber auch als selbstbewusste Positionierung: "Frauen zählen genauso viel wie Männer!". In dem verbandsübergreifenden Projekt der AG Diversität ist auch das deutsche PEN-Zentrum engagiert, dem Regula Venske vorsteht.

Frau Venske, ich habe eingangs den Arbeitsauftrag erwähnt, Frauen in Kultur und Medien zu zählen. Gibt es da für die Literatur, die der PEN ja repräsentiert, schon Ergebnisse?

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Regula Venske

Regula Venske: Dieses Projekt wird jetzt im März stattfinden, in Kooperation mit dem Germanistischen Institut der Universität Rostock. Es gibt ganz frühe Zwischenergebnisse: Meine Kollegin Nina George hat mit einer Gruppe von etwa 60 Personen angefangen, Rezensionen und Literaturpreise auszuzählen. Es ist auffällig, dass für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse in acht von 14 Jahren keine Frau nominiert worden ist. Es ist auch auffällig, dass in den deutschen Feuilletons die Werke von männlichen Autoren öfter rezensiert werden. Männer rezensieren Männer - wenn Frauen rezensiert werden, stammen die Rezensionen meistens von Frauen. Da ist noch lange keine Gleichstellung, Gleichberechtigung oder gleiche Wahrnehmung erreicht. Ich glaube, das geht sehr früh los: Männer haben gelernt, sich mit Männern zu identifizieren und haben mehr Schwierigkeiten, Literatur von Frauen so zu lesen, als sei es auch Literatur, die sie selbst betrifft.

Aber den Bereich Kultur und Medien umweht ein bisschen der Ruf, besonders offen zu sein, auch selbstkritisch, wenn etwas nicht funktioniert. Da müsste Gleichberechtigung eigentlich selbstverständlich sein - ist sie aber nicht. Wie erklären Sie sich das?

Venske: Ich kann das auch nicht erklären, aber ich stelle auch fest, dass das eigentlich ganz schön deprimierend ist. 1975 war das Jahr der Frau, da war ich eine junge Studentin. In den 80er-Jahren war ich sehr engagiert in der feministischen Literaturwissenschaft, die damals sehr viel aufgearbeitet hat, vergessene Frauen wiederentdeckt hat. Und dass jetzt die jungen Frauen wieder das Gefühl haben, sie würden von vorne anfangen, das ist schrecklich. Das kulturelle Gedächtnis ist schon sehr männlich strukturiert und hat ein kurzes Gedächtnis. Ich glaube, es ist nicht so leicht, Jahrhunderte währende Traditionen so schnell zu ändern. Es ist ja schon viel passiert im 20. Jahrhundert und auch in diesem, andererseits sind das kurze Zeiträume. Erst seit 100 Jahren haben Frauen in Deutschland das Wahlrecht - das ist nicht so wahnsinnig lang. Oder wie lange dürfen Frauen schon studieren? Wir neigen dazu, manchmal auf andere Kulturen hinabzublicken - aber bei uns ist das alles auch noch nicht so lange verankert und offenbar auch gefährdet, wieder zurückgenommen zu werden.

Bei der Pilotstudie zur "Sichtbarkeit von Frauen im Medien- und im Literaturbetrieb" bin ich über den Begriff "Sichtbarkeit" gestolpert. Gibt es viel mehr Frauen im Literaturbetrieb, die aber unsichtbar bleiben?

Kommentar

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Venske: Ja, wenn die Bücher nicht rezensiert werden, dann bleibt man unsichtbar.

Aber es gibt sie?

Venske: Natürlich, es gibt sie. Wir haben schon in den 80er-Jahren entdeckt, was Frauen für interessante Sachen geschrieben haben, zum Beispiel Marlen Haushofer, die dann eine Renaissance erlebt hat, oder Johanna Moosdorf, die ich ein bisschen wiederentdeckt habe. Und natürlich gibt es die auch heute. Als meine Dissertation in einer populäreren Ausgabe erschien, da schrieb ein männlicher Kritiker: "Die Autorin analysiert übergescheit." Ich glaube nicht, dass ein Mann, wenn er eine Promotion vorlegt, rezensiert werden würde mit dem Tenor: "Der ist übergescheit". Das ist schon eine Wertung eines Mannes in Bezug auf eine weibliche wissenschaftliche Leistung.

Der deutsche PEN unterstützt das Frauenmanifest des Internationalen PEN. Was bewirkt das, wenn der Internationale PEN so etwas fordert? Bleibt es da nicht auf der Ebene einer Sonntagsrede?

Venske: Nein, ich glaube nicht. Im Internationalen PEN sind Zentren aus 150 Ländern engagiert, und da gibt es ganz andere Probleme. Wenn man sich etwa überlegt, welchen Zugang Frauen zu Bildung haben, oder wenn man an Nigeria denkt, wo junge Mädchen, die zur Schule gehen, von Boko Haram verschleppt werden, weil das nicht gerne gesehen wird von diesen religiösen, fanatischen Terroristen. Der Zugang der Frauen zu Bildung, das Recht auf Gewaltlosigkeit, das Recht auf Sicherheit, der Zugang zu sämtlichen bürgerlichen, politischen, sozialen Rechten - das ist in vielen Ländern noch gar nicht gegeben. Und da ist so ein Manifest in vielen Ländern für die Menschen ganz wichtig, um sich damit an ihre Politik zu wenden.

Interessant ist auch Folgendes: Wir haben eine Charta des Internationalen PEN, die jeder unterschreibt, der Mitglied wird, in der er sich verpflichtet, sich mit aller Kraft für die Freiheit des Wortes einzusetzen, für ein friedliches Zusammenleben der Völker und gegen Hass - früher hieß es Rassen-, Klassen- und Völkerhass. Die jetzige PEN-Präsidentin - in bald 100 Jahren zum ersten Mal eine Frau an der Spitze - hat diese Aufzählung noch ergänzen wollen um Hass aufgrund des Geschlechtes. Und diese Änderung konnte nicht in unsere Charta aufgenommen werden, weil dann in manchen Ländern Mitglieder nicht mehr hätten Mitglied im PEN sein können. Deshalb haben wir uns beholfen und kämpfen jetzt gegen jedwede Form von Hass - und damit ist Hass aufgrund des Geschlechtes oder der sexuellen Orientierung auch gemeint. Das Manifest ist schon eine Grundlage für Argumentationen in vielen Ländern.

Wenn wir über Machtgefälle, sexuelle Nötigungen, sexuelle Übergriffe sprechen, dann zeigen wir gerne mit dem Finger auf die Filmbranche. Wie sieht es in der Literaturbranche aus?

Venske: Ich glaube, in jeder Berufsgruppe ist das Phänomen vorhanden, dass da, wo Macht ist, sie von manchen Menschen auch ausgenutzt wird. Das wird dann schnell auf die sexuelle Ebene geschoben, und die ist vielleicht auf der Bühne oder im Film stärker greifbar, weil das Medien sind, die körperlicher sind als das Buch oder das Wort. Aber da, wo es Macht gibt, gibt es auch den Missbrauch von Macht. Deshalb muss das in allen Branchen aufgedeckt werden, an der Ladenkasse wie auch im Literaturbetrieb.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.03.2018 | 19:00 Uhr

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