Drei als Polizisten verkleidete Menschen stehen streng blickend hinter einer Parkbank, auf der  Dr. Nepomuk Riva mit einem Kontrabass sitzt und zu ihnen aufschaut. © Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung

Rassismus in Kinderliedern: Wie sollten wir damit umgehen?

Stand: 15.09.2021 12:51 Uhr

Der Musikethnologe Dr. Nepomuk Riva forscht zu "Racial Profiling" in Kinderliedern und will die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, dass gewisse Lieder rassistische Ansichten transportieren.

Drei als Polizisten verkleidete Menschen stehen streng blickend hinter einer Parkbank, auf der  Dr. Nepomuk Riva mit einem Kontrabass sitzt und zu ihnen aufschaut. © Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung
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von Agnes Bührig

Kennen Sie das Lied "Drei Chinesen mit dem Kontrabass"? Der Text lässt sich verändern, so dass aus den drei Chinesen mit dem Kontrabass "dra Chanasan" oder "dri Chinisin" werden. Doch was sich so scheinbar harmlos und amüsant singen lässt, ist bei genauerem Hinhören eine Verballhornung der für deutsche Ohren ungewöhnlichen chinesischen Sprachlaute. Zudem handelt das Lied von drei sich unterhaltenden Ausländern, die der Polizei suspekt sind. Gesungen wurde es zuerst in der Kolonialzeit, sagt Nepomuk Riva, Musikethnologe an der Musikhochschule Hannover.

Bekanntes Kinderlied: Von den "drei Japanesen" zu den "drei Chinesen"

"Das Lied ist um 1900 in Berlin entstanden - also in der Zeit der Kolonialausstellungen", erzählt Riva. "Es war das erste Mal, dass Asiaten nach Deutschland kamen, und viele von denen sind danach illegal geblieben." Zunächst sei es in dem Lied um "Japanesen" gegangen. Nachdem sich das Deutsche Reich mit Japan während des Zweiten Weltkriegs verbündet hatte, wurden aus den "drei Japanesen" die "drei Chinesen". Riva: "In den verschiedenen Ausgaben des Liedes wurden rassistische Diskurse angeheizt oder eben nicht angeheizt."

Auch die Texte der Kinderlieder wie "C-a-f-f-e-e (Trink' nicht so viel Kaffee)" oder "Ein Mann, der sich Kolumbus nannt'" hält der Musikethnologe für problematisch. Im einen Fall wird vor einem Türken und seinem wenig bekömmlichen Getränk gesungen, im anderen Fall von einem Mann, der von sogenannten "Wilden" empfangen wird, nachdem er scheinbar mühelos den amerikanischen Kontinent erobert hat.

"Drei Chinesen mit dem Kontrabass" und Co.: Texte nicht so wichtig?

Dr. Nepomuk Riva steht neben zwei Frauen auf einem gepflasterten Platz, alle haben einen Kontrabass neben sich stehen. © Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung
Dr. Nepomuk Riva (rechts) forscht zu "Racial Profiling" in Kinderliedern.

"Auffällig bei meiner Recherche war, dass diese Lieder eben alle einen pädagogischen Anspruch haben", so der Musikethnologe. "Bei den zehn kleinen N. ist es das Rückwärtszählen. Bei 'Drei Chinesen mit dem Kontrabass' ist es die Vokalveränderung. Bei 'Ein Mann, der sich Kolumbus nennt' soll eine geschichtliche Erzählung übertragen werden. Das sind also alles pädagogische Ansprüche, wo es dann leichtfällt zu sagen: Ja, aber die Lieder haben doch einen pädagogischen Anspruch und der Text ist doch gar nicht so wichtig. Und dafür möchte ich sensibilisieren und sagen: Nein, das ist wichtig, dass wir uns gerade mit diesen Texten auseinandersetzen."

Texte von rassistischen Kinderliedern umdichten?

Eine Alternative wäre, Texte umzuschreiben. Dazu erreichte Nepomuk Riva jüngst ein Textvorschlag auf die Melodie von "Drei Chinesen mit dem Kontrabass", verbunden mit dem Anspruch politischer Bildung:

Drei Studenten mit dem Lastenrad
Fahren auf der Straße, halten ein Plakat
Da kam die Polizei "stop, hier ist der Staat"
Drei Studenten mit dem Lastenrad Textvorschlag für die Melodie von "Drei Chinesen mit dem Kontrabass"

Auch andere Lieder, wie der Kanon "C-A-F-F-E-E", seien nicht schwierig umzudichten. Aus "Sei du kein Muselmann, der ihn nicht missen kann" lasse sich leicht "Sei du kein dummer Mann, der ihn nicht missen kann" machen. So könne man dem Lied die negative Verbindung mit dem Fremden nehmen.

Dr. Nepomuk Riva: Keine Notwendigkeit für weitere Überlieferung

Für Riva haben sich Lieder mit Texten wie "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" überlebt. "Es gibt genügend neue Lieder, die man jetzt singen könnte, die auf Freundschaft, auf internationalen Austausch, auf Inklusion abzielen", sagt er. "Und es gibt genügend deutsche Liedermacher, die sich genau in diesem Bereich bemühen. Meiner Meinung nach besteht schlichtweg keine Notwendigkeit, diese Lieder weiter zu überliefern."

Am Donnerstag, 16. September, hält Dr. Nepomuk Riva den Vortrag "Drei Chinesen mit dem Kontrabass - Racial Profiling in Kinderliedern?" ab 20.30 Uhr im Xplanatorium Schloss Herrenhausen in Hannover. Der Vortrag findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Herrenhausen Late" statt. Auf der Seite der Volkswagenstiftung finden Sie einen Livestream und bis zur Veranstaltung noch Restkarten.

Weitere Informationen
Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, aufgenommen am 30.09.1987 in Stockholm © Picture Alliance / dpa Foto: Jörg Schmitt

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 15.09.2021 | 15:40 Uhr