Stand: 08.11.2019 13:57 Uhr

Hitler-Attentat: "Unser aller Schatten wollte er töten"

von Peter Helling
Jens Harzer (links) und Helmut Butzmann errichten dem Widerstandskämpfer Georg Elser (Foto) ein mobiles Denkmal auf der Bühne des Thalia Theaters und lesen aus seinen Verhörprotokollen.

Am 8. November vor genau 80 Jahren verübte Georg Elser sein Attentat auf Hitler und die Nazi-Führung in München. Um an dieses Ereignis von 1939 zu erinnern, hat Helmut Butzmann vor zehn Jahren den Hamburger Schauspieler Jens Harzer gefragt, ob der Lust hätte, aus den Verhörprotokollen Elsers öffentlich zu lesen. Der sagte zu - zusammen mit Frank Spilker von der Hamburger Band Die Sterne. Seitdem treten sie jedes Jahr an einem anderen Ort in der Stadt auf. Am Freitag sind sie anlässlich des Jahrestages im Thalia Theater. Ein Treffen vorab mit dem Künstler.

Jens Harzer steht in seiner kleinen Garderobe. Bis man dorthin gelangt, muss man einige labyrinthische Abzweigungen nehmen. Ein Verlaufen ist dabei nicht ausgeschlossen. Georg Elser liegt ihm am Herzen, seit zehn Jahren liest er öffentlich aus den Verhörprotokollen der Gestapo: "Für mich ist es eine Notwendigkeit, das zu machen. Nicht agitatorisch, noch mit einem politischen Sendungsbewusstsein, sondern in der Bescheidenheit der Sprache oder des Wortes", erklärt Harzer.

Jens Harzer: "Große Sympathie für Georg Elser"

Georg Elser ist im Text des Erinnerns vielleicht so etwas wie der Gedankenstrich neben den zu Recht gewürdigten Ausrufezeichen Stauffenberg oder den Geschwistern Scholl: "Ich habe große Sympathie für ihn. Das fällt uns natürlich auch leicht, weil gerade wir Deutsche wissen, welchen unser aller Schatten er töten wollte", so Harzer.

Das war 1939, fünf Jahre vor Stauffenberg. Elser wusste: "Es kann nur verändert werden, wenn der Kopf der Bande weg ist oder des Regimes. Das war für ihn Adolf Hitler. Aber Elser war auch klar, es muss die ganze Führung weg." Der Widerstandskämpfer wusste auch, dass Hitler jedes Jahr am 8. November eine Rede im Münchener Bürgerbräukeller hielt. Die Säule hinter seinem Rednerpult höhlte Elser 30 Nächte lang aus. Immer dann, wenn die automatische Toiletten-Spülung eine Etage über ihm losging. So fiel das Geräusch nicht auf. Den Schutt schmuggelte er mit einem Koffer hinaus. In der hohlen Säule platzierte er seine Bombe. Diese ging per Zeitzünder präzise am 8. November um 21.20 Uhr los.

Fast hätte Elser die Weltgeschichte verändert

Kurz vor der Explosion verließ Hitler überraschend das Pult, um einen Zug statt eines Flugzeugs nach Berlin zu nehmen. Die Ursache war Nebel. Ein Zufall - fast hätte Elser die Weltgeschichte umgeschrieben: "Ich meine, unser aller Leben wäre anders verlaufen, wenn Hitler getroffen worden wäre", sagt Harzer.

Es ist das Leise, das Bescheidene, was Jens Harzer an diesem Tüftler aus Württemberg bewegt. Elser, der aus kleinen Verhältnissen stammte, konnte diese Tat nicht alleine ausgeführt haben, mutmaßte Hitler, mutmaßten aber auch die westlichen Alliierten. Sie alle hatten unrecht.

Zusammen mit dem Helmut Butzmann und Frank Spilker von der Band Die Sterne will Harzer Georg Elser stärker ins Bewusstsein rücken. "Ich persönlich halte das Erinnern an unsere deutsche Vergangenheit als ein stilles, ein eher zartes, eher nachdenkliches, oder ein tastendes, für das richtigere."

Bedeutung des Iffland-Ringes für Jens Harzer

Auch Jens Harzer tastet nach jedem Wort. Gleich muss er auf die Bühne. Eine Frage an den neu erwählten Träger des Iffland-Ringes - die vielleicht wichtigste Auszeichnung für Bühnen-Schauspieler im deutschsprachigen Raum - muss sein. Bruno Ganz hat den Ring an ihn vererbt. Wie trägt sich dieser? "Der trägt sich gar nicht. Der ist weggeschlossen", entgegnet der Künstler. "Ich hätte nicht gedacht, dass der Mythos des Ringes sogar hier im kalten Norden in Hamburg so viele Leute interessiert. Es geht mir gut, aber er ist mir, glaube ich, weniger wichtig als den anderen", ergänzt Harzer lächelnd.

Seine feine Stimme erhebt Harzer leise. 1945, nur einen Monat vor Kriegsende, wird Georg Elser im Konzentrationslager Dachau durch Genickschuss hingerichtet.

Schauspieler Jens Harzer (links) liest im Thalia Theater mit Helmut Butzmann (r.) aus den Verhörprotokollen von Georg Elser im Stück "Allein gegen Hitler" © Thalia Theater / Stephan Pflug Foto: pflug@freakmail.de

Der Beitrag zum Hören

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Vor 80 Jahren verübte Georg Elser sein Attentat auf Adolf Hitler. Am Thalia Theater Hamburg erinnert Jens Harzer an den Widerstandskämpfer mit einer Lesung der Verhörprotokolle Elsers.

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Dieses Thema im Programm:

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