Stand: 10.06.2020 12:08 Uhr  - Unsere Geschichte

Bau des Nord-Ostsee-Kanals wird zum politischen Machtkampf

von Stefanie Grossmann

Eine Verbindung zwischen Nord- und Ostsee zu schaffen - an solchen Plänen arbeiten Deutsche wie Dänen seit Jahrhunderten. Ziel ist es, das gefährliche Skagerrak zu umfahren, denn viele Schiffe sind im "Kap Horn des Nordens" gesunken. Zwischen 1858 und 1885 kommt es zu 6.316 Schiffsunglücken mit vielen Toten. Zwar gibt es bereits den Eiderkanal zwischen Kiel und Rendsburg, doch der ist viel zu klein. 1864, mit Beginn des Deutsch-Dänischen Krieges, gibt Reichskanzler Otto von Bismarck den Auftrag, einen Seeweg zwischen den Meeren zu prüfen, "welche alle Kriegs-, Handels- und Dampfschiffe gut passieren können". Doch der Weg zur neuen Wasserstraße ist gespickt mit Hindernissen.

"Wenn wir geneigt sind, für maritim-militärische Zwecke eine Summe von 40 bis 50 Millionen Thalern auszugeben, dann würde ich Ihnen vorschlagen, statt eines Kanals für eine Flotte eine zweite Flotte zu bauen."

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Helmuth von Moltke galt als erfolgreicher Feldherr mit Siegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich.

In einer beherzten Rede spricht sich Generalstabschef Helmuth von Moltke am 23. Juni 1873 im Reichstag in Berlin in seiner Rolle als Abgeordneter gegen den Bau des Nord-Ostsee-Kanals aus. Das Wort des genialen Militärstrategen und verdienstvollen Heeresreformers des Kaiserreichs hat Gewicht - und so lehnt Berlin das Kanal-Projekt zunächst ab. Denn von Moltke verfolgt andere Pläne, will die stark in die Jahre gekommenen Flotten mit Panzerschiffen in Ost- und Nordsee stärken. Sein Bestandsplan bei der deutschen Flotte listet seinerzeit nur noch fünf Schiffe auf. Obwohl Reichskanzler Otto von Bismarck mit seinem Wunsch nach einer neuen Wasserstraße vorrangig das militärisch-strategische Argument betont, findet er ausgerechnet in dem Generalfeldmarschall seinen größten Widersacher. Und so steht von Moltkes "Flottengründungsplan" in Konkurrenz mit von Bismarcks Kanal-Plänen.

Von Moltke streut Zweifel am militärischen Nutzen

Von Moltke bringt weitere Argumente ins Spiel, um sich seinen Marine-Etat zu sichern.

Nun frage ich aber, meine Herren, für wen bauen wir eigentlich diesen Kanal? Ich kann mich irren, aber ich glaube, unsere Ostsee-Städte handeln nach Skandinavien und Russland, unsere Nordsee-Städte nach England, Amerika … Würden sich diese Staaten auch an den Kosten der Anlage beteiligen? Vielleicht!" Graf von Moltke in der Reichstagssitzung vom 23. Juni 1873

Der Generalfeldmarschall versucht, den militärischen Nutzen des Kanals mit Argumenten zu widerlegen. Denn im Krieg würde man einen neutralen Kanal gar nicht strategisch nutzen können, wenn sich mehrere Ländern finanziell am Bau beteiligen würden. Außerdem, "können wir zunächst in beiden Meeren engagiert sein." Das heißt Flottenanteile können sowohl an den Marinestützpunkten Kiel an der Ostsee und Wilhelmshaven in der Nordsee stationiert sein - und das macht aus von Moltkes Sicht einen Durchführkanal überflüssig. Doch Reichskanzler Otto von Bismarck lässt längst fleißig planen, beauftragt schon 1871 den Geheimen Oberbaurat Carl Wilhelm Gottfried Lentze mit Vorplanungen. Dieser war Mitglied einer Kommission zum Bau des Suezkanals und schlägt einen "Durchstichkanal" von Eckernförde nach St. Margarethen an der Elbe vor - allerdings mit einem kleinen Abstecher zum Kieler Flottenstützpunkt.

Auf die Sinnfrage des Baus folgt der Streit um Finanzierung

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Helmuth von Moltke (rechts) führte die Schlacht gegen Österreich in Königsgrätz persönlich. Für seinen militärischen Erfolg bekam er Orden und Schenkungen.

Dabei sind Bismarck und von Moltke nicht immer uneins - gelten die beiden Schwergewichte doch gemeinsam mit dem preußischen Kriegsminister Albrecht von Roon durch Siege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich als Reichsgründer. Doch die Pläne für einen Nord-Ostsee-Kanal entzweien die ehemals Verbündeten. Es geht immer wieder auch um die Kosten - woher soll das Geld für den Bau kommen? Von Moltke geht bei einer Ablehnung durch den Reichstag von einer privaten Finanzierung eines Schifffahrtskanals, ähnlich wie beim Suezkanal geschehen, aus. Doch von Bismarck kann sich auf Volkes Stimme verlassen, denn es befürwortet einen Kanal - und lehnt den Bau einer großen Flotte ab. Eine Einigung bleibt jedoch zunächst aus - und so liegt das ambitionierte Kanal-Projekt erstmal auf Eis.

125 Jahre Nord-Ostsee-Kanal

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Es ist der gewaltigste Bau Norddeutschlands: der Nord-Ostsee-Kanal zwischen Kiel und Brunsbüttel, vor 125 Jahren eröffnet. Das Doku-Drama erzählt die bisher unbekannten Geschichten des Kanals.

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Von Bismarck findet Unterstützer für den Nord-Ostsee-Kanal

Aber von Bismarck kann auf Unterstützer zählen, zu ihnen gehört der Hamburger Reeder Hermann Dahlström. Der Reichskanzler lässt Lentzes Pläne auf eigene Kosten von Dahlström und dem Wasserbauinspektor Fritz Boden aus Schleswig überarbeiten. Der Reeder verfolgt dabei durchaus eigene Interessen. Denn seine Schiffsflotte nutzt bisher den Eiderkanal, von einem Neubau hätte der Eigner einen viel größeren wirtschaftlichen Nutzen. 1878/79 erscheint schließlich das Exposé über die "Ertragsfähigkeit eines schleswig-holsteinischen Schifffahrtskanals", das eine optimale Trassenführung beschreibt. Der Bau des Nord-Ostsee-Kanals rückt damit immer näher. Ziel ist es, Teile des bestehenden Eiderkanals zu nutzen. Außerdem findet ein Vorschlag des Konsuls August Sartori vom "Nautischen Verein" in Kiel Gehör, die Ausmündung von Eckernförde nach Kiel-Holtenau zu verlegen.

Reichskanzler von Bismarck trickst Kaiser Wilhelm I. aus

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Um seine Kanalidee zu realisieren, brauchte Reichskanzler Otto von Bismarck die Zustimmung des Kaisers.

Jetzt muss von Bismarck nur noch den Kaiser überzeugen, der kein großer Fan eines Kanals ist. Wilhelm I. interessiert sich mehr für Zölle und Grenzen als den tatsächlichen Handel. Doch von Bismarck trickst ihn und somit auch von Moltke mit einer Finte aus - denn das Lieblingskind des Kaisers ist die Kriegsmarine. Um die Zustimmung für seine Kanal-Idee zu bekommen, bringt der Reichskanzler militärische Argumente ins Spiel: Er skizziert den Kanal als Symbol für die Deutsche Einheit und eine Aufwertung Schleswig-Holsteins, das durch den Sieg gegen Dänemark jetzt zu Deutschland gehört. Schließlich bringt Wilhelm I. das Projekt 1883 nochmal in den Reichstag ein und gibt den Auftrag, über den Bau eines Seeschifffahrt-Kanals zu beraten - und zwar "mit den für die Kriegsflotte notwendigen Ausmaßen". Deshalb überprüfen die Ingenieure und Wasserbauer Georg und Ludwig Franzius, wo der Kanal münden soll - in die Kieler Förde oder in die Eckernförder Bucht. Basierend auf ihrem Votum beschließt der Reichstag trotz erheblicher Mehrkosten 1887 die Kieler Lösung.

Erlass Kaiser Wilhelms I. genehmigt 1886 Kanalbau

Am 16. März verabschiedet der Reichstag das Gesetz zum Bau des Nord-Ostsee-Kanals, und am 17. Juni 1886 ist der große Tag da - es gibt endlich die Genehmigung, die Wasserstraße mit Staatsgeldern zu bauen. "Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen, verordnen, dass ein für die deutsche Kriegsflotte geeigneter Schifffahrtskanal von der Elbmündung über Rendsburg nach der Kieler Bucht hergestellt werde", heißt es im Erlass.

Von Moltke wird kein Anhänger des Nord-Ostsee-Kanals

Von Moltke bleibt auch bis zum Schluss Gegner des Nord-Ostsee-Kanals. Am 6. April 1891, mit 90 Jahren, sieht er sich mit dem Kaiser die Bauarbeiten in Rendsburg an. In seinen Erinnerungen schreibt er melancholisch:

Der alte Eider-Kanal, der vor etwa hundert Jahren von der dänischen Regierung gebaut worden ist, ist in seiner Weise ein recht großartiges Werk. Wenn man bedenkt, dass damals ohne Hilfe der Maschinen der Jetztzeit gearbeitet werden musste, dass die ganze zum Teil bedeutende Erdbewegung nur mit dem Spaten und der Schubkarre, nur mit Menschenhänden zustande gebracht worden ist, so kann man wohl sagen, dass diese Arbeit, mit dem Maße ihrer Zeit und ihrer Verhältnisse gemessen, der jetzt von uns unternommenen nicht viel nachsteht. Von Moltke am 7. April 1891, Kiel

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Der Moltkestein in Schülp bei Rendsburg erinnert an den Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke.

Doch auch für den neuen Kanal findet er schließlich doch noch lobende Worte: Es sei eine ganz gewaltige Arbeit, die "zurzeit siebentausend Arbeiter und eine Unzahl von Maschinen, hauptsächlich Grund- und Trockenbagger, beschäftigt." Noch heute erinnert der "Moltkestein" bei Rendsburg - ein 15 Tonnen schwerer Findling aus dem Kanalbett - an diesen Besuch. Den Gedenkstein ließ der Kaiser 1896 aufstellen. Böse Zungen behaupten gar, Bismarck habe den Stein als Rache an von Moltke dort platzieren lassen.

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Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 11.06.2020 | 20:15 Uhr

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