Sergio de Simone mit seinen Cousinen Tatjana und Andra an Sergios sechstem Geburtstag, 29.11.1943. © Archiv KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Sammlung Günther Schwarberg

NS-Opfer in Hamburg: "Sergio musste für immer Kind bleiben"

Stand: 14.01.2022 05:00 Uhr

Tatiana und Andra Bucci haben Auschwitz überlebt. Ihr Cousin Sergio de Simone kam von dort ins KZ Neuengamme. Am 20. April 1945 wurde er mit 19 weiteren Kindern im Außenlager Bullenhuser Damm getötet. Die Schwestern Bucci halten die Erinnerung an deren Schicksal wach.

von Stefanie Grossmann

Noch im Sommer 1943 verbringen Tatiana und Andra Bucci mit ihrem Cousin Sergio de Simone unbeschwerte Tage in ihrem Haus im italienischen Fiume. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Kinder noch nichts von den grausamen Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Und sie wissen nicht, dass sie Juden sind. "Was bedeutet es auch für ein Kind, jüdisch zu sein. Das wurde uns erst bewusst, als wir im Lager ankamen", erzählt Andra Bucci im Doku-Drama "Nazijäger - Reise in die Finsternis". Am 29. März 1944 wird die achtköpfige Familie verhaftet und deportiert. Am 4. April kommen die Kinder mit ihren Familienmitgliedern vor den Toren des Konzentrationslagers in Auschwitz-Birkenau an. Damals führen die Gleise noch nicht bis ins Lager hinein.

Tatiana Bucci: "Ich dachte, meine Mutter sei tot"

Sergio de Simone mit seinen Cousinen Tatjana und Andra Bucci im September 1943. © Archiv KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Sammlung Günther Schwarberg
Sie waren unzertrennlich: Sergio de Simone mit seinen Cousinen Tatiana und Andra Bucci.

Die Situation bei der Ankunft im Lager ist chaotisch, es spielen sich dramatische Szenen ab: Familienmitglieder werden getrennt, sie rufen einander noch zu, oft ist es das letzte Mal. KZ-Aufseher überwachen mit knurrenden Hunden das Durcheinander. Nachdem die Mädchen ihre Tätowierungen bekommen haben - Andra die Nummer 76483, Tatiana die 76484 -, nimmt Mutter Mira den Schwestern ein Versprechen ab: "Vergesst eure Namen nicht." Sie weist die Mädchen an, sich jeden Abend eine gute Nacht zu wünschen und sich beim Namen zu nennen. Es folgt die Trennung von der Mutter, von Großmutter Rosa und Tante Gisella, Sergio de Simones Mutter. Andra und Tatiana sind damals gerade mal vier und sechs Jahre alt. Die drei Kinder kommen in die "Baracke Nummer eins", in der auch Lagerarzt Josef Mengele seine Versuchsopfer auswählt. "Als ich unsere Mutter nicht mehr sah, dachte ich, sie sei tot. Ich erinnere nicht, dass ich geweint habe. Ich stellte sie mir auf den Leichenbergen vor, die wir täglich sahen. Die waren nicht weit weg von unserer Baracke", erinnert sich Tatiana Bucci.

"Wir haben eine Schutzmauer um uns errichtet"

Der Alltag der Kinder im Lager ist bestimmt von Kälte, dem Dasein in Schlamm und Schnee, vielen toten Körpern und dem ständig rauchenden Kamin. Es sei ein Leben gewesen, dass kein Leben war. Es habe niemanden gegeben, der sie umarmte, erinnern sich die Schwestern. So geben sie einander Halt und versuchen, sich mit den unmenschlichen Bedingungen zu arrangieren: "Wir haben eine Schutzmauer um uns errichtet. Wir mussten das tun, um zu überleben, um das alles hinnehmen zu können: das Fehlen der Mutter, den Hunger, den Durst. Diese Mauer hat uns geholfen, zu überleben, das Schreckliche zu überstehen", so Tatiana Bucci. Dass die beiden Schwestern überleben, verdanken sie wohl auch dem Zufall trotz ihres unterschiedlichen Alters, wie Zwillinge auszusehen. Zwillingsforschung gilt damals als modernste Methode auf dem Feld der Biomedizin.

Perfides Versprechen: Sergios Sehnsucht ist zu groß

Kinder im Konzentrationslager Auschwitz. Aufnahme von Januar 1945. © picture alliance / dpa | epa pap
Mehr als 230.000 Kinder wurden ins KZ Auschwitz deportiert, nur wenige überleben die Zeit im Lager.

Zwar ist der SS-Arzt Mengele in Auschwitz bekannt für seine menschenverachtenden Experimente an Zwillingen. Doch Tatiana und Andra bleiben davon verschont. Auch weil sie im Lager auf eine "Blockowa" aus der Frauen-Baracke treffen, die ihnen wohlgesonnen ist. Diese Blockwärterin versorgt die Mädchen mit Essen und Kleidung. Als eines Tages ein SS-Offizier auf Geheiß von Mengele die Kinder-Baracke betritt und die Kinder fragt: "Wer will zu seiner Mama? Der soll einen Schritt vortreten", sind Andra und Tatiana gewarnt. Die "Blockowa" hatte ihnen am Vortag eingeimpft, sich ganz still zu verhalten.

Sie erzählen auch Cousin Sergio davon, doch dessen Sehnsucht nach seiner Mutter ist zu groß. "Ich", ruft der Siebenjährige voller Begeisterung. Wie Sergio lassen sich weitere 19 Kinder mit der emotionalen, aber perfiden Frage ködern - zehn Mädchen und zehn Jungen im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren fallen auf das falsche Versprechen hinein, ihre Mutter wiederzusehen. "Ich kann es mir nicht anders vorstellen als dass er glücklich lächelnd gegangen ist, im Glauben, zur Mutter zu gehen", erinnert sich Tatiana Bucci. Stattdessen sei er auf einen schrecklichen Tod zugegangen.

Im Zug von Auschwitz ins KZ Neuengamme

Zusammen mit den anderen Kindern besteigt Sergio am 27. November 1944 in Auschwitz einen Personenwaggon. Dessen Ziel: das KZ Neuengamme im ausgebombten Hamburger Stadtteil Rothenburgsort. Zwei Tage nach der Abfahrt kommen sie dort an. Sie werden unter anderem von dem holländischen Häftlingspfleger Anton Hölzl und dem französischen Professor Gabriel Florence betreut. Die beiden versuchen, den Kindern so gut wie möglich die Eltern zu ersetzen. Anders der SS-Arzt Kurt Heißmeyer, der an einer Behandlungsmethode gegen Tuberkulose arbeitet und die - längst widerlegte - Theorie vertritt, dass Infizierte Antikörper bilden. In Neuengamme hatte er Versuche mit Tuberkulose-Bakterien bereits an bis 100 KZ-Häftlingen durchgeführt - erfolglos. Daher hat er in Auschwitz nun 20 Kinder als "entsprechendes Material" angefordert.

Brutal und unsinnig: Heißmeyers Experimente an Kindern

Der Wehrpass von Kurt Heißmeyer © Gedenkstätte KZ Neuengamme
Als Arzt im KZ Neuengamme führte Heißmeyer Tuberkulose-Experimente durch - erst an Erwachsenen, dann an Kindern.

In Neuengamme werden die 20 Kinder Heißmeyers neue Opfer für äußerst schmerzhafte, brutale und mehr als fragwürdige Experimente. Dabei wird den Kindern in die Brust geschnitten und eine Bakterienlösung in die Wunde eingebracht. In der Folge bekommen Sergio und die anderen Kinder hohes Fieber, die Bakterien schwächen die ohnehin schon ausgemergelten Körper weiter. Doch die Versuche gehen gnadenlos weiter: Den Kindern werden Schläuche in die Luftröhre bis zu den Lungenflügeln eingeführt, um dort ebenfalls eine Bakterienlösung einzubringen. Die Folge sind starke Blutungen und Verletzungen. Schließlich operieren die KZ-Ärzte den Kindern die Lymphknoten auf beiden Seiten heraus - alles lediglich unter örtlicher Betäubung. Ein entsetzliches Martyrium. Noch dazu ohne jede "Wirkung": Wie schon bei den russischen Gefangenen bilden sich auch bei den Kindern keine Antikörper.  

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Berlin befiehlt Tötung der 20 Kinder am Bullenhuser Damm

Als sich britische Truppen gegen Kriegsende dem Hamburger Stadtgebiet nähern, steigt der Druck auf die SS, das Verbrechen an den Kindern zu vertuschen. Aus Berlin kommt schließlich der Befehl von Heinrich Himmler, "die Abteilung Heißmeyer aufzulösen" - und die Kinder zu beseitigen. Dr. Alfred Trzebinski, SS-Standortarzt in Neuengamme, bekommt vom KZ-Kommandanten Max Pauly den Auftrag, die Kinder zu töten. Sie werden am 20. April in die Schule am Bullenhuser Damm gebracht, einem Außenlager von Neuengamme. Abermals unter dem Vorwand, ihren Eltern übergeben zu werden.

Tod durch den Strick: "Wie Bilder an der Wand aufgehängt"

Das Gebäude zeigt das ehemalige Außenlager des KZ Neuengamme am Bullenhuser Damm in Hamburg-Rotenburgsort (Aufnahme von 1945). © Museet for Danmarks Frihedskamp 1940-1945
In der Nacht zum 21. April 1945 sterben am Bullenhuser Damm 20 Kinder, ihre vier Betreuer und 24 russische KZ-Häftlinge.

Im Keller des Gebäudes injiziert Alfred Trzebinski den Kindern unter dem Vorwand einer Typhus-Impfung zunächst Morphium, "so dass sie dann schliefen", erklärt Trzebinski später eidesstaatlich bei der Befragung zum Tathergang. Dann legt der stellvertretende KZ-Leiter Johann Frahm Hand an: Ein Kind nach dem anderen hängt er sie - eine Schlinge um den Hals - an zwei Haken im Heizungskeller. An einige der kleinen Körper hängt er sich mit seinem ganzen Gewicht dran. Frahm gibt später zu, dass er und andere den Kindern einen Strick um den Hals gelegt haben. "Sie wurden dann an Haken wie Bilder an der Wand aufgehängt", sagt er aus. Er sei davon ausgegangen, dass die Kinder zu diesem Zeitpunkt bereits tot gewesen seien, da SS-Standortarzt Trzebinski den Kindern zuvor Morphium gespritzt habe, so Frahm später im Hauptprozess gegen den Lagerstab des KZ.

Und Alfred Trzebinski sagt später aus: "Ich habe in meiner KZ-Zeit schon viel menschliches Leid gesehen und war auch gewissermaßen abgestumpft, aber Kinder erhängt habe ich noch nie gesehen." Neben den 20 Kindern sterben auch ihre vier Betreuer sowie etliche russische KZ-Häftlinge. Ihre Leichen werden im Krematorium verbrannt.

WCIU um Freud spürt Täter auf

Ende April 1945 stellen die Briten ein Ermittlerteam zusammen, um deutsche Kriegsverbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu stellen: die "War Crimes Investigation Unit" (WCIU), zu der auch Anton Walter Freud gehört. Der Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud ermittelt gegen die Verantwortlichen des KZ Neuengamme - und stößt dabei auf das Schicksal der 20 Kinder. Es gelingt ihm, Alfred Trzebinski aufzuspüren und zu verhaften. Der Arzt streitet zunächst alles ab, doch die Ermittler um Freud kommen - auch durch Aussagen ehemaliger Häftlinge - der grausamen Wahrheit immer näher. 1946 wird den Kriegsverbrechern im Hamburger Curio-Haus in Hamburg der Prozess gemacht. Kommandant Max Pauly, Alfred Trzebinski und weitere SS-Schergen wie Johann Frahm werden im Neuengamme-Prozess zum Tode verurteilt - nicht zuletzt wegen der Morde an den 20 Kindern im Keller der Schule am Bullenhuser Damm. Alle werden im Oktober 1946 im Hamelner Zuchthaus hingerichtet.

Kurt Heißmeyer praktiziert bis zur Verhaftung in der DDR

Dr. Kurt Heißmeyer (Abbildung aus seinem Wehrpass, undatierte Aufnahme) © Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, HA IX/11 ZUV, Nr. 46
Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bekam Kurt Heißmeyer lebenslänglich.

Von Kurt Heißmeyer fehlt zunächst jede Spur. Noch bis 1963 arbeitet er unbehelligt als Arzt in Magdeburg. Erst nach Berichten in der westdeutschen Presse verhaften ihn die DDR-Behörden. Im Prozess sagt Heißmeyer im April 1964 aus: "Ich bin mir heute bewusst, mit diesen Experimenten an den Kindern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben, denn die Kinder waren völlig wehrlos." Entsprechend seiner "faschistischen Überzeugung" habe er die jüdischen Kinder damals aber nicht als vollwertige Menschen angesehen. Er wird am 30. Juni 1966 im Bezirksgericht Magdeburg zu lebenslänglicher Haft verurteilt und stirbt schließlich 1967 im Gefängnis von Bautzen an Herzversagen.

Tatiana und Andra Bucci überleben den Holocaust

Anders als Cousin Sergio haben Andra und Tatiana Bucci Glück - wie 70 weitere Kinder aus Auschwitz überleben sie das NS-Märtyrium. Nach der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Russen kommen die Schwestern zunächst in ein Kinderheim nach Prag, im März 1946 dann in den Süden Englands - nach Lingfield House. Das Anwesen von Sir Benjamin Drage dient als Heim für Kinder, die aus Nazi-Lagern befreit wurden. Pädagogen und Psychologen wie Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, kümmern sich um die vom Holocaust traumatisierten Kinder. Dort seien sie im Land der Spielzeuge gewesen - wie im Märchen, sagt Tatiana Bucci rückblickend. Auch Mutter Mira überlebt den Holocaust und geht nach Italien zurück, der Vater kehrt nach seiner Kriegsgefangenschaft in Afrika in die Heimat zurück. Internationale Suchdienste spüren die beiden auf, im Dezember 1946 können Andra und Tatiana ihre Eltern endlich wieder in die Arme schließen.

Tatiana Bucci: "Die Erinnerung im Besonderen wachhalten"

Die Schwestern und Holocuast-Überlebenden Andra und Tatjana Bucci bei den Dreharbeiten zum Doku-Drama "Nazijäger - Reise in die Finsternis" in Auschwitz. © NDR
Tatiana und Andra Bucci (rechts) sehen es als ihre Pflicht an, "die Erinnerung wachzuhalten."

"Meine Tante hat immer gesagt: 'Sergio ist so hübsch, jemand wird ihn am Ende des Krieges mitgenommen und großgezogen haben. Eines Tages wird es an unserer Tür klopfen, ich werde hingehen, die Tür öffnen und da wird er dann stehen.' Die Hoffnung hat geholfen, weiterzuleben", so Andra Bucci. Erst viele Jahre später erfahren die Schwestern durch den "Stern"-Journalisten Günther Schwarberg von Sergios Schicksal.

Schwarberg war es bei Recherchen gelungen, die meisten Kinder zu identifizieren und die Angehörigen zu finden. Noch heute besuchen Tatiana und Andra Bucci mit Schülern regelmäßig Auschwitz: "Für uns wenige, die wir noch in der Lage sind darüber zu sprechen, ist es eine Pflicht, die Erinnerung wachzuhalten, diese Erinnerung im Besonderen" - auch an ihren Cousin, so Tatiana Bucci. "Wir hatten das Glück, aufwachsen zu dürfen. Zu heiraten. Mütter zu werden. Großmutter zu werden. Sergio musste für immer ein Kind bleiben", resümiert Tatiana Bucci rückblickend ihr Leben.

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Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Reportage & Dokumentation | 16.01.2022 | 21:45 Uhr

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