Zug im Sturm auf dem Hindenburgdamm, Motiv einer Postkarte von 1934 © picture alliance / arkivi

Hindenburgdamm: Mit der Bahn durchs Watt nach Sylt

Stand: 29.05.2017 18:15 Uhr

Seit Juni 1927 verbindet der Hindenburgdamm das Festland mit der Insel Sylt. Doch der Weg zum Damm war lang. Erst im dritten Versuch gelang der Dammbau. Seine Folgen sind nicht nur positiv.

von Werner Junge

Am 1. Juni 1927 dampfte Reichspräsident Paul von Hindenburg im Salonwagen über den neuen, etwa elf Kilometer langen Damm von Klanxbüll nach Sylt. Ein "großer Bahnhof" mit Ehrenpforte empfing ihn in Westerland. Die angeblich schönste Nordseeinsel und das Festland waren nun verbunden. Im Überschwang der Feier kommt dann die Idee auf, den neuen Schienenweg durch das Watt "Hindenburgdamm" zu nennen. So heißt er trotz immer wiederkehrender Diskussionen bis heute. Seit 1972 durchgängig zweigleisig, fahren heute pro Jahr knapp vier Millionen Menschen über den Damm hin und her, gelangen Huckepack eine knappe Million Autos nach Sylt.

Hindenburgdamm nach Sylt: Umstritten und notwendig

Ein Postkartenfoto aus den dreißiger Jahren den Hindenburgdamms, auf dem eine Dampflok fährt. Das Wasser schlägt hohe Wellen und der Himmel ist stark bewölkt. © imago/Arkivi
In den ersten Jahren gibt es nur ein Gleis, über das die Züge auf dem Hindeburgdamm vom Festland nach Sylt rollen.

1855 wird das Seebad Westerland gegründet. Immer mehr Fremde kommen zur Sommerfrische auf die Insel. Bereits 1876 wird untersucht, ob es nicht möglich ist, einen Damm zu bauen. Es ist möglich, doch die Sylter protestieren. Vor allem im Osten, in Archsum und Morsum, wo der Damm die Insel erreichen soll, will man ihn nicht. Es beginnt eine Debatte um die Überfremdung Sylts, die bis heute andauert. Doch schließlich reifen die Pläne für den Damm. 1913 genehmigt der preußische Landtag den Bau. Gebaut wird dann jedoch nicht, weil der Erste Weltkrieg ausbricht.

Ein Damm im dritten Anlauf

1920 - in Folge des Ersten Weltkrieges - gibt es eine Volksabstimmung über die deutsch-dänische Grenze. Dadurch wird der Kreis Tondern geteilt. Nun ist ein Visum erforderlich, um durch Dänemark zum Sylter-Festlandshafen Hoyerschleuse zu gelangen. Es muss ein "deutscher" Weg nach Sylt gesucht werden.

Ein gelbliches Postkartenfoto von 1929 des Hindenburgdamms zeigt eine Dampflok. © imago/Arkivi
Rund 1.500 Arbeiter bauen in den 20er-Jahren einen Streifen Festland in der Nordsee. Nach drei Jahren ist es soweit: "Sylt ist keine Insel mehr", titelt die Presse 1927 über den gut 20 Millionen Reichsmark teuren Bau.

1921 beginnen die Vorarbeiten. Im Mai zwei Jahre später startet der erste Bauversuch. Nach nur drei Monaten spült eine Sturmflut alles wieder weg. Ein neuer Plan muss her. Im Frühjahr 1924 beginnen die Bauarbeiter deshalb damit, eine Spundwand durch das Watt zu ziehen. Dafür treiben sie Stahlplatten in den Wattboden - so soll das Wasser gestoppt werden. Nun rollen täglich 70 Waggons mit Material vom Festland heran. Von Sylt schaffen 30 Frachtsegler, drei Schlepper und 20 Schuten das Material heran, um rechts und links der Spundwand jeweils einen halben Damm aufzuschütten. Bis zu 1.500 Menschen arbeiten an dem Damm mit einer Sohle von 50 Meter Breite. Zehn Meter hoch bietet der Damm auf seiner Krone elf Meter Breite. 3,6 Millionen Kubikmeter Erde (das entspricht einem Würfel mit einer Kantenlänge von 153 Meter) und 400.000 Tonnen Steine werden verbaut. Das ganze Bauwerk kostet 18,5 Millionen Rentenmark.

Eingleisig und ohne Autos

Ein Postkartenfoto aus den dreißiger Jahren des Hindenburgdamms, auf dem eine Dampflok fährt. Das Wasser schlägt hohe Wellen und es fliegen einige Möwen um die Lok herum. © imago/Arkivi
Bei Wind und Wetter werden die Schienen oft von Wellen überspült.

Zunächst verbindet nur ein Gleis das Festland mit der Insel. Darauf fahren Personen- und Güterzüge. Erst 1932 wird das erste Auto verladen. Seit 1950 dürfen die Insassen bei der Überfahrt im Auto sitzen bleiben. Zehn Jahre später fahren die ersten reinen Autozüge, seit 1962 auch doppelstöckig.

Doch immer wieder sind die Kapazitäten kleiner als der Bedarf. Auch deshalb brandet regelmäßig die Diskussion auf, den Eisenbahn- in einen Autodamm umzubauen. Die ist seit 1972 (vorerst) beendet. Seitdem ist der komplette Damm zweigleisig ausgebaut, und bis heute reine Bahnstrecke.

Der Hindeburgdamm zwischen Sylt und dem Festland wird von einem Zug befahren. © dpa - Bildfunk Foto: Julian Mieth
AUDIO: Friesisch für alle: Hindenburgdamm (3 Min)

Ein Damm gewinnt Land

Als der Damm fertig ist, ist er 11,3 Kilometer lang, er teilt das Watt. Damit umspülen Ebbe und Flut die Insel nicht mehr an ihrer Ostseite. Durch das beruhigte Wasser setzt sich immer mehr Schlick und Sand ab. 1954 entsteht so am Festland der Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog - er wird an den Damm gebaut.

Eine Insel läuft über

Damit ist der Hindenburgdamm inzwischen nur noch 8,1 Kilometer lang. Über den Damm sind seit 1927 nicht nur Millionen von Sylt-Urlaubern und von 1932 an ihre Autos auf die Insel gekommen. Er veränderte auch die Natur der Insel: Fuchs, Maulwurf und Dachs fanden über den Damm den Weg auf die Insel, mit enormen Folgen für die dortige Vogelwelt.

Tiefgreifender als die neuen Zuwanderer in Fauna und Flora wirkte sich der Dammbau aber auf das Inselleben aus. Sylt droht durch die vielen Autos inzwischen vor allem im Sommer ein Verkehrsinfarkt. Die Insel wird zunehmend zersiedelt und die explodierenden Immobilienpreise vertreiben inzwischen die Einheimischen von der Insel. Immer mehr Sylter leben inzwischen auf dem Festland und pendeln auf "ihre" Insel.

Karte: Der Hindenburgdamm nach Sylt

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 29.05.2017 | 20:05 Uhr

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