Die Sylter Inselbahn 1894 bei einer Fahrt durch die Munkmarscher Heide © Public Domain Foto: Wilhelm Dreesen

Als der "Käseschieber" noch über Sylt zuckelte

Stand: 29.12.2020 16:26 Uhr

Rund 30 Millionen Menschen hat die Sylter Inselbahn teils im Schritttempo durch die Dünen gefahren. Im Dezember 1970 war Schluss mit der als "Käseschieber" und "Rasende Emma" bekannten Bahn.

Einfach während der Fahrt die Hand raushalten und Blumen pflücken, wäre mit dem sogenannten "Käseschieber" auf der Nordseeinsel kein Problem gewesen. Wenn es nicht verboten gewesen wäre. Oft zuckelte die Bahn nur mit Schritttempo. Fast 83 Jahre gehörte die Inselbahn zu Sylt wie Wind, Wellen und Strand. Am 29. Dezember 1970 tuckerte die Kultbahn, im Volksmund" auch "Rasende Emma" oder "Feuriger Elias" genannt, aber das letzte Mal über die nordfriesische Insel. 45 Minuten brauchte die Bahn auf ihren einen Meter breiten Gleisen von der Nordspitze List bis zur Südspitze der Insel bei Hörnum - bei einer Geschwindigkeit von maximal 40 Kilometern pro Stunde.

Eisenbahn als Motor des touristischen Aufschwungs

Historische Aufnahme der Sylter Inselbahn mit Fahrgästen. (Undatierte Aufnahme)
Nicht nur Kurgäste, auch viele Sylter nutzten die Bahn fast täglich.

Am 8. Juli 1888 war die 4,2 Kilometer lange Strecke eröffnet worden. Bis dahin waren Pferdewagen die einzigen Fortbewegungsmittel auf der Nordseeinsel. Die ersten Dampfloks sollten die Kurgäste nach ihrer Ankunft mit dem Schiff zu ihren Unterkünften bringen. Die Bahn wurde zum Motor für den touristischen Aufschwung, wurde aber auch zunehmend von den Insulanern genutzt.

Vom Dampf zum Diesel

Die Inselbahn auf dem Bahnhof in Westerland auf der Insel Sylt. (Undatierte Aufnahme) © dpa - Report Foto: dpa
Im Lauf der Jahrzehnte wurde die Dampflok von umgerüsteten Lkw-Zugmaschinen abgelöst und die Strecke wuchs auf rund 40 Kilometer an.

Auch wenn der Fahrkomfort eher zu wünschen übrig ließ: Es ruckelte und holperte, anfangs gab es keine Heizung in den Wagen, die Bänke waren aus Holz. Die Sylter Inselbahn war ein Privatbetrieb, die Waggons und Triebwagen ein Mix von ausrangierten Kleinbahnen aus Rendsburg oder Eckernförde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lösten Diesellokomotiven und umgerüstete Lkw-Zugmaschinen den Betrieb mit Dampfloks ab.

Ende der Bahnromantik

Abschieds-Rundfahrt der Inselbahn auf Sylt am 29. Dezember 1970. © dpa - Report Foto: Wilhelm Herold
Am 29. Dezember 1970 fuhr die Inselbahn die auf inzwischen rund 40 Kilometer angewachsene Strecke zwischen List und Hörnum ein letztes Mal.

Anfang der 1970er-Jahre machten die mit dem Shuttle-Zug auf die Insel kommenden Autos der Bahn zunehmend Konkurrenz. Investitionen von 15 Millionen Euro in die Gleisanlagen, Schienen und den Fuhrpark wären nötig gewesen. Die war man nicht bereit aufzubringen. Das war das Aus, die Bahn verschwand. Von da an fuhren die Sylter mit Bussen über ihre Insel. Am 29. Dezember 1970 brach die Inselbahn zu ihrer Abschiedsfahrt auf. Was geblieben ist, sind Erinnerungen, Anekdoten und einzelne Relikte, wie das Denkmal vor dem Bahnhof Westerland und ein Hauch von Eisenbahnromantik.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.12.2015 | 16:30 Uhr

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