Stand: 10.12.2014 07:40 Uhr  - Hamburg Journal

Davidwache: Kleines Revier, große Fälle

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de
Zivilfahnder Waldemar Paulsen ist zehn Jahre lang auf der Davidwache im Einsatz gewesen - sein Spitzname im Rotlicht-Milieu: Rotfuchs.

"Lust und Laster haben auf der Reeperbahn längst nicht mehr den Stellenwert wie einst", sagt Waldemar Paulsen. Der heute 67-Jährige muss es wissen. Von 1972 bis 1982 hat er auf Deutschlands berühmtestem Polizeirevier gearbeitet: der Davidwache. "Zu meiner Zeit gab es auf St. Pauli rund 2.000 registrierte Prostituierte, heute sind es gerade mal 350 rund um die Reeperbahn“, sagt Paulsen im Gespräch mit NDR.de. Auch wenn sich die Zeiten auf St. Pauli ändern, die Davidwache sitzt seit 100 Jahren im selben Gebäude am Spielbudenplatz. Am 10. Dezember 1914 bezog das Polizeikommissariat 15 das markante Klinker-Gebäude. Entworfen hat es der legendäre Hamburger Baudirektor Fritz Schumacher. Als Paulsen seinen Dienst auf der Davidwache antrat, hatte das Haus schon knapp sechs Jahrzehnte auf dem Buckel. "Die Polizeiwache war nicht modern, aber solide", erinnert sich Paulsen. "Nur die Vernehmungsräume hätten ruhig größer sein können."

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Heimatkunde: Davidwache

Die erste Davidwache wurde 1840 an der heutigen Kastanienallee eröffnet, als Reaktion auf die Entstehung des Kiezes. Vier Fakten über das kleinste Polizei-Revier Europas. Video (02:02 min)

"Ich kannte alle Alphatiere im Milieu"

Paulsen hatte keinen Schreibtisch-Job, er war als Zivilfahnder viel im Viertel unterwegs. Er war für die Prostitution und Zuhälterei zuständig. "Ich habe die Bordelle kontrolliert", erzählt er. Ob in der Herbertstraße, im 1967 eröffneten Eros-Center oder in den Sauna-Clubs. "Dabei habe ich viele brutale Szenen erlebt, etwa dass Prostituierte in der Herbertstraße mit der Reitpeitsche ins Schaufenster getrieben wurden." Mit seiner ehrlichen zuverlässigen Art verschaffte er sich schnell Respekt im Rotlicht-Viertel. "Ich habe alle Alphatiere gekannt und auch den Serienmörder Fritz Honka", sagt Paulsen.

Übler Nepp in Striptease-Lokalen

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Die Fanseite zur Davidwache

Eine Fanseite mit Bildern und Hintergründen zur Geschichte der "wohl berühmtesten Polizeiwache in Deutschland". extern

Aber die Gewalt war zu Paulsens Zeiten nicht das größte Problem. "Am meisten zu schaffen machte uns in den ersten Jahren der üble Nepp in den vielen Striptease-Lokalen", berichtet Paulsen. Ständig seien geprellte Gäste auf die Davidwache gekommen. Eine typische Rechnung damals: ein Bier für drei D-Mark, eine Packung Zigaretten für vier D-Mark und eine Flasche Schaumwein für die Animierdame für 599 D-Mark. "Wir haben uns dann zum Ziel gesetzt, dass kein Reeperbahn-Besucher den Kiez als Opfer verlässt", sagt Paulsen. Nach drei bis vier Jahren - und etlichen Razzien - hätten sie das Problem im Griff gehabt. Später hätten Drogen wie Koks und Heroin die Stimmung auf dem Kiez grundlegend gewandelt, erinnert sich Paulsen an seine Dienstzeit. Und Anfang der 80er-Jahre sei dann die Immunschwächekrankheit Aids aufgekommen, in den Bordellen lief fortan das Geschäft nicht mehr so gut.

Davidwache: Das kleinste Polizeirevier Deutschlands

Die Davidwache ist für das kleinste Polizeirevier Deutschlands zuständig. Nicht einmal einen Quadratkilometer macht das Gebiet rund um die Reeperbahn aus. Namenspate für das Polizeikommissariat ist die angrenzende Davidstraße. Am 9. Oktober 1970 verleiht der damalige Hamburger Innensenator Heinz Ruhnau der Wache das Recht, sich fortan offiziell, auch im Dienstsiegel, "Davidwache" zu nennen. Im Volksmund hieß die Dienststelle schon seit Jahrzehnten nur "Davidwache".

Brennpunkt St. Pauli

So legendär die heutige Wache ist, so mickrig war ihr Anfang. Im Jahr 1840 genehmigt der Hamburger Senat eine Polizeiwache für das Landgebiet St. Pauli. Nach kurzer Bauzeit wird ein kleines Wachhäuschen an der Ecke Kastanienallee und Davidstraße - direkt neben dem heutigen Standort - für die Wachmannschaft des "Polizeidistrikts 15" bezugsfertig. Die Aktivitäten der neuen Polizeiwache müssen von Anfang an sehr rege gewesen sein. Obszöne Bilder werden beschlagnahmt und vernichtet, Tumulte niedergeschlagen und ein Theater geschlossen. 1867 ist eine Verstärkung der Polizeikräfte auf St. Pauli nötig, für die mehr Platz benötigt wird. Im Jahr 1868 zieht die Davidwache also ein paar Meter weiter - in ein ehemaliges Wachgebäude für Soldaten am Spielbudenplatz/Ecke Davidstraße.

Hickhack um Neubau

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Fritz Schumacher hat neben vielen anderen Hamburger Bauten auch die Davidwache entworfen - mit dem für ihn typischen roten Klinker.

1892 werden Spezialabteilungen wie Kriminal-, Sitten- und Ausländerpolizei für das ständig wachsende Vergnügungsviertel St. Pauli eingerichtet: Eine erneute Erweiterung der Räume ist vonnöten. Der Hamburger Senat entschließt sich zu einem Neubau und beauftragt Baudirektor Fritz Schumacher mit der Planung. Doch wo soll das neue Gebäude stehen? Bewohner und Betreiber der Amüsierbetriebe fordern eine Rückverlegung zur Kastanienallee - vergeblich. Die neue Davidwache wird am 10. Dezember 1914 der Polizei übergeben.

Davidwache: Ein stummer Filmstar

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Die Filme über die Davidwache haben das Polizeirevier über Hamburgs Stadtgrenzen hinaus bekannt gemacht - hier eine Szene aus Jürgen Rolands "Polizeirevier Davidswache" von 1964.

Die schillernde Halbwelt rund um die Reeperbahn lockte nicht nur Amüsierfreudige und Ganoven an, sondern auch so manchen Filmregisseur. Hans Albers und Curd Jürgens standen auf dem Kiez vor der Kamera. Auch die Davidwache wird zum Filmstar. Die Karriere beginnt 1950 mit dem Spielfilm "Nur eine Nacht" von Fritz Kirchhoff. 1964 setzte dann Jürgen Roland der Polizeiwache ein filmisches Denkmal: Der Film "Polizeirevier Davidswache" schildert 48 Stunden Polizeidienst auf der "schmutzigsten Meile der Welt" - so steht es auf dem Filmplakat.

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Der Film von Jürgen Roland über die Davidwache läuft 1964 auch im "Aladin" - nur knapp hundert Meter von dem Polizeirevier entfernt.

Angeblich schickte der damalige Innensenator und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Zug Bereitschaftspolizei zur Absperrung bei den Dreharbeiten. Der Streifen spielt 35 Millionen D-Mark ein. Der Erfolg des Films bringt die Variation des Spitznamens für die Wache mit sich - denn im Filmtitel heißt es fälschlicherweise "Davidswache" mit einem "s" in der Mitte. Die dritte Verfilmung kommt im Oktober 1971 mit dem Titel "Fluchtweg St. Pauli - Großalarm für die Davidswache" in die Kinos. Die Hauptrollen spielen Horst Frank, Christiane Krüger und Heinz Reincke. Noch heute dient die Davidwache der Vorabendserie "Großstadtrevier" als Vorbild, wobei die Innenaufnahmen der Serie in anderen Gebäuden entstehen; die Episoden jedoch spielen auf St. Pauli.

Warum Paul McCartney auf der Davidwache landete

Legendär sind nicht nur die Filme über die Davidwache, sondern auch die nun 100 Jahre alten Zellen im Keller des Gebäudes. Für unzählige Betrunkene endete der Reeperbahn-Besuch auf einer der harten Pritschen. Auch Beatle Paul McCartney musste Ende November 1960 eine Nacht auf der Davidwache verbringen. Nach einem ihrer täglichen Auftritte in den Musikclubs wurde McCartney festgesetzt. Allerdings lag es bei dem Engländer nicht am Alkohol. Der Vorwurf: McCartney soll - einer Legende nach - mit Schlagzeuger Pete Best in ihrer Absteige im Bambi Kino ein Kondom angezündet haben, weil sie im Clinch mit ihrem Vermieter lagen. Andere Quellen sagen, es sei ein Wandteppich oder eine Art Gardinenschnur gewesen, die brannte. McCartney und Best mussten nach dem Vorfall Deutschland verlassen, sie kehrten aber im Frühjahr 1961 zurück.

Der Fall Bruno Pupecka

Für großes Aufsehen hatte ein paar Jahre zuvor der Fall des "Unholds von St. Pauli" gesorgt. Kaum ein Kriminalfall setzte so viele Emotionen bei den Bürgern frei wie dieser. 1957 überfällt ein Mann an einem Tag drei Frauen und misshandelt sie. 1959 schlägt er wieder zu: Er vergeht sich an einem sieben Jahre alten Mädchen, eine Nachbarin findet das Kind blutüberströmt auf. Kurz darauf wird eine 16-Jährige Opfer des Sexualtäters. In der Davidwache tagt eine Sonderkommission. Eine Phantomzeichnung wird angefertigt: von einem Mann mit einem modisch flachen Hut. Ganz Hamburg beteiligt sich an der Jagd nach dem Täter: Innerhalb eines Tages werden 47 Männer mit Hüten festgenommen und unter den Schmährufen der Menschenmenge in die Davidwache geführt. Der "Spiegel" berichtet damals über den "Massenrausch der Lynchjustiz" in einem Artikel mit dem Titel "Des Teufels Hut". Alle Festgenommenen sind unschuldig.

Der Täter - ein Mann namens Bruno Pupecka - hat sich unterdessen die Pulsadern aufgeschnitten, seine Mutter gibt der Polizei den entscheidenden Hinweis. Der 31-Jährige überlebt und wird gefasst. Im Prozess gesteht Pupecka, 19 Frauen misshandelt zu haben. Das Urteil lautet 15 Jahre Haft.

Ende der 80er-Jahre: Renovierung nötig

Ende der 1980er-Jahre ist das Gebäude nicht mehr sonderlich gut in Schuss. Das "Hamburger Abendblatt" schreibt im Mai 1988 vom "schleichenden Tod der Davidwache". Ein Gutachter urteilt damals: "Es muss dringend was getan werden. Sonst verfällt das traditionsreiche Gebäude immer mehr." Einer der Keramik-Köpfe an der Fassade zur Davidstraße hin war 1988 schon herabgefallen. Aber auch das Innere gilt als nicht mehr zeitgemäß. So können die damaligen Besucher beispielsweise den Polizeifunk mithören. 1991 erfolgt eine Renovierung. Inzwischen steht das Schumacher-Gebäude unter Denkmalschutz.

Moderner Anbau der Davidwache kommt 2005

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Der moderne Anbau steht genau dort, wo sich im 19. Jahrhundert das erste Gebäude der Davidwache befand.

Durch eine Neustrukturierung der Hamburger Polizei im Jahr 2003 werden in der Hansestadt Dienststellen zusammengelegt. Auch die Davidwache braucht folglich mehr Platz: Der Hamburger Senat beschließt einen Anbau. Nach 15-monatiger Bauzeit wird am 4. April 2005 das neue Gebäude offiziell übergeben - es grenzt an die alte Davidwache an. Die moderne Architektur kommt zumindest bei den Experten gut an: Das Bauwerk wird vom Hamburger Architekten- und Ingenieurverein zum "Bauwerk des Jahres 2004" gekürt.

Der Schuss verfehlt Paulsen nur knapp

Zivilfahnder Waldemar Paulsen hat seine Dienstzeit auf der Davidwache nur knapp überlebt. Bei einem Einsatz in einer Kneipe am 13. Dezember 1980 bedrohte ihn ein gesuchter Verbrecher mit einer Waffe. Der erste Schuss verfehlte Paulsen nur knapp, der zweite Schuss traf einen unbeteiligten Gast tödlich. Ein zweiter Polizist überwältigt den Schützen schließlich. "Das war der schlimmste Tag meines Lebens", sagt Paulsen.

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Ex-Polizist Paulsen lebt heute in Friedrichskoog.

Zwei andere Polizisten der Davidwache haben weniger Glück, sie werden im Dienst getötet. Am 17. April 1948 wird Hauptpolizist Walter Ringel im Alter von 35 Jahren erschossen, als er zu einer Schießerei auf der Großen Freiheit gerufen wird. Und am 8. Januar 1970 stirbt der Polizist Uwe Kraak, als der Verbrecher Heinz Saworra im Wachraum eine Waffe zieht.

"Das ist wie mein zweiter Geburtstag"

Paulsen entscheidet sich nach dem Vorfall in der Kneipe für ein ruhigeres Revier - schließlich ist er Familienvater. 1982 lässt er sich in das beschaulich und wohlhabende Wohnviertel Pöseldorf an der Außenalster versetzen - unterschiedlicher können zwei Polizeireviere in Hamburg kaum sein. 2007 geht Paulsen schließlich in den Ruhestand. Das 100-jährige Jubiläum feiert er nicht. "Ich habe auch gar keinen Kontakt mehr zu den Polizisten auf der Davidwache." Auch die neue Chefin Cornelia Schröder kennt er nicht. Sie ist die erste Frau in der langen Geschichte, die die Davidwache leitet.

Buch-Tipp

Der frühere Polizist Waldemar Paulsen hat ein Buch über seine langjährige Dienstzeit auf St. Pauli geschrieben: Meine Davidwache - Geschichten vom Kiez, Rowohlt Verlag, Preis: 9,99 Euro.

Paulsen feiert lieber drei Tage nach dem offiziellen Jubiläumstag. "Den 13. Dezember begehe ich bis heute wie meinen zweiten Geburtstag", sagt Paulsen. In Erinnerung an den Tag im Jahr 1980, an dem der Hamburger so gerade eben dem Tod entronnen ist.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 12.11.2014 | 19:30 Uhr

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