Stand: 12.08.2011 12:37 Uhr

Rudolf Eucken: Der vergessene Nobelpreisträger

von Astrid Reinberger, NDR.de

Kindheit in Geest und Moor - der Lebensweg

Eine Landschaft im Morgengrauen in Ostfriesland. © NDR Foto: Dorothe Ahlheim, Norden
Eucken wuchs in Ostfriesland auf und war zeitlebens sehr naturverbunden.

Geboren wurde Rudolf C. Eucken am 5. Januar 1846 in Aurich. Sein Vater war ein wohlhabender Bauer, der jedoch durch eine Sturmflut alles verlor. Daraufhin schlug er eine Beamtenlaufbahn im Postwesen ein und verstarb, als sein Sohn noch keine sieben Jahre alt war. Euckens Mutter widmete sich voll und ganz dem Sohn und prägte ihn sehr. Sein Freund und Biograf, Otto Siebert, spricht davon, dass sie ihn ausgesprochen verwöhnte und ihm die praktischen Dinge des Lebens abnahm. In Euckens eigenen Lebenserinnerungen - erschienen 1921 - beschreibt dieser seine Kind- und Jugendzeit als einfach und naturverbunden. Die Landschaft seiner Kindheit ließ ihn nie ganz los.

Nach der Gymnasialzeit in Aurich ging Eucken in Begleitung seiner Mutter zunächst nach Göttingen, dann nach Berlin, um Philosophie und Altphilologie zu studieren. Von 1867 bis 1871 war er Gymnasiallehrer in Husum, Berlin und Frankfurt am Main. Dann kam ein Ruf als Ordinarius für Philosophie an der Universität Basel - in dieser Zeit verstarb die Mutter, für Eucken ein schwerer Schlag. Er vertiefte sich in die Arbeit. Ab 1874 wirkte er als Professor für Philosophie an der Universität Jena. Dort blieb er, von Gastvorträgen im Ausland abgesehen, bis zum Ende seines Lebens. 1882 heiratete er Irene Passow, mit der er drei Kinder bekam. Rudolf C. Eucken verstarb 1926 in Jena.

Krisenzeiten

Auch wenn seine Philosophie immer um Fragen des geistigen Lebens der gesamten Weltbevölkerung kreiste, war er doch - wie viele Gelehrte seiner Zeit - bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf Seiten des deutschen Kaiserreiches. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er, "dass das deutsche Volk ein gutes Recht hatte, in den Kampf zu gehen und sich gegen alle Angriffe zu verteidigen". In seinem während des Krieges verfassten philosophischem Werk "Mensch und Welt" erwähnt er den Krieg jedoch nur beiläufig, als ein Problem der Zeit unter vielen - so sehr war er seinem lebensphilosophischen Konzept verschrieben, demzufolge nur die Erringung eines geistigen Lebensinhaltes die Menschheit vor dem inneren Zerfall behüten könne. Der Krieg sei nur ein äußerer Umstand gewesen, ein Detail.

Preisverleihung 1908

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AUDIO: Literaturnobelpreis für Paul Heyse (15 Min)

Eucken - zu Lebzeiten umstritten, heute in Vergessenheit geraten - gilt nicht nur als Begründer des Neu-Idealismus, weil er das heile Geistesleben als das eigentliche Leben sah, losgelöst vom tatsächlichen Sein, sondern auch, weil er so ganz und gar mit seiner Person für sein aus heutiger Sicht etwas versponnenes Weltkonzept eintrat.

Zeitlebens folgte er seiner Maxime: "Alle echte Philosophie ist ein Ringen des Ganzen einer Persönlichkeit mit dem Ganzen des Alls". Der Philosoph hatte sich seiner Sache hingegeben, war mehr idealistischer Prediger als Aufklärer. In dieser Hinsicht war die Vergabe des Literaturnobelpreises ausgesprochen passend, hatte Alfred Nobel doch in seinem Testament verfügt, der Preis möge in jedem Jahr an denjenigen gehen, "der in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat".

Die Medaille mit dem Konterfei von Alfred Nobel.  Foto: Kay Nietfeld
Der Literaturnobelpreis wurde erstmals 1901 vergeben - damals ging er auch an einen Philosophen, den Franzosen Sully Prudhomme.

Die schwedische Akademie verlieh Eucken am 14. November 1908 den Nobelpreis in Anerkennung "des ernsthaften Suchens nach Wahrheit, der durchdringenden Gedankenkraft und des Weitblicks, der Wärme und Kraft der Darstellung, womit er in zahlreichen Arbeiten eine ideale Weltanschauung vertreten und entwickelt hat". Er ist bis heute einer der wenigen Fachphilosophen, die den Literaturnobelpreis erhalten haben.

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Dieses Thema im Programm:

30.09.1999 | 21:00 Uhr

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