Schriftsteller und Zeichner Robert Gernhardt bei der Verleihung des Heine-Preises 2004. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Achim Scheidemann

Robert Gernhardt und seine unverwüstlichen Gedichte

Stand: 30.06.2021 05:00 Uhr

Als Mitbegründer der "Neuen Frankfurter Schule" revolutionierte der Schriftsteller und Zeichner Robert Gernhardt mit den Kollegen von "Pardon" und "Titanic" den deutschen Humor. Vor 15 Jahren starb er in seiner Wahlheimat Frankfurt/Main.

von Alexander Solloch

Zur Welt kam Robert Gernhardt am 13. Dezember 1937 - und damit am 140. Geburtstag Heinrich Heines. Man darf annehmen, dass ihm das gefallen hat. Damals ahnte keiner, dass Gernhardt der Welt - wie einst der große Heine - unvergessliche und unverwüstliche Gedichte schenken würde.

"Ich leide an Versagensangst,
besonders, wenn ich dichte.
Die Angst, die machte mir bereits
Manch schönen Reim zu ... schanden." Robert Gernhardt: "Bekenntnis"

 

Schriftsteller und Zeichner Robert Gernhardt bei der Verleihung des Heine-Preises 2004. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Achim Scheidemann
AUDIO: Am 30. Juni 2006 starb Autor und Zeichner Robert Gernhardt (15 Min)

Trotz seiner Ängste hat Robert Gerhardt sich doch noch manch schönen Reim abgerungen. Das Leben, so Gernhardt, "ist ein Fenster, in dem du kurz erscheinst" - es wird geöffnet, es wird geschlossen, und im kurzen Augenblick dazwischen hat der Mensch seinen Auftritt. Gernhardt, als Deutschbalte in Reval (heute Tallinn) geboren, nach dem Krieg aufgewachsen in Göttingen, war entschlossen, seine Zeit zu nutzen. Schon mit seinem ersten Werk, noch als Schüler, wurde ihm staunend klar: Lyrik bewegt. Über seinen Lateinlehrer Otto Kampe dichtete er:

"Er ist wie Crassus sehr gerissen
und so beredt wie Cicero.
Gleich Maecen ist er kunstbeflissen,
ein Wüstenfuchs gleich Scipio.
Sallust, ihm gleicht er als Erzähler.
Wie Seneca sucht er das Wahre.
Er hat wie Cato keine Fehler
und so wie Caesar keine Haare."

Seinen Mitschülern machte das Gedicht große Freude und auch der Lateinlehrer musste lachen. Gernhardt bemerkte: "Man kann sich mit Gedichten angenehm machen, wenn man’s den Leuten angenehm macht."

Wenn der junge Mann dichtete, nannte er sich vorläufig Arthur Klett, Alfred Karch oder Lützel Jeman. Seinen wahren Namen wollte er der für ihn "schönsten, weil leisesten" aller Künste vorbehalten, der Malerei, die er an den Akademien in Stuttgart und Berlin studierte. Aber das Wort ließ nicht von ihm, er schliff an ihm als "Pardon"-Redakteur, als Mitbegründer der Satire-Zeitschrift "Titanic" und der "Neuen Frankfurter Schule". Hier lehrte er gemeinsam mit F.K. Waechter, F.W. Bernstein, Eckhard Henscheid und anderen: Der Sinn des Lebens oder jedenfalls der Kunst ist die Sinnverweigerung - die Gruppe brachte diese Botschaft in Ausstellungen, Sammelbänden und als Dichtergemeinschaft für Komiker wie Otto Waalkes unters Volk.

Der Reim gibt es vor

Aber spätestens seit Mitte der 1980er-Jahre dichtete Gernhardt, längst auch unter eigenem Namen, mehrspurig: Neben dem Nonsens flossen ihm immer mehr Verse aus der Feder, die dem Dichter dabei halfen, sich auf Gefühle, die sonst nicht formulierbar wären, einen Reim zu machen - und der Reim war ihm dabei in der Tat die stärkste Waffe: kein Relikt aus überkommener Zeit, sondern Instrument zur Suche nach einer unbekannten Wahrheit; ein Instrument, das in der Tiefe schürft. Dabei brachte er Gernhardt oft genug in Gefilde, von denen er zuvor nichts gewusst hatte: "Es ist wirklich so: Grad wenn man reimt, kommt man in Zusammenhänge, in die man nie kommen wollte, aber der Reim gibt das vor."

Wer, wenn nicht der Reim, könnte den Dichter dazu verleiten, im Hässlichen das Gute zu sehen? "Nachdem er durch Metzingen gegangen war" heißt dieses Gedicht:

"Dich will ich loben, Hässliches,
du hast so was Verlässliches.
Das Schöne schwindet, scheidet, flieht,
fast tut es weh, wenn man es sieht.
Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit,
und Zeit meint stets: Bald ist’s soweit.
Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer,
das Hässliche erfreut durch Dauer." Robert Gernhardt: "Nachdem er durch Metzingen gegangen war"

Alter und Krankheit nahmen Robert Gernhardt nichts von seinem Witz, nichts von seiner Neugier und Menschenfreundlichkeit. Man muss den Menschen ja mögen angesichts seines unabwendbaren Schicksals.

"Zu deinem Abtritt nur so viel:
Wenn mal das Rampenlicht erlischt,
dann ist der Vorgang hausgemacht,
der Pförtner hat es ausgemacht,
nach Plan, nicht nach Verdienst:

Dein Leben war dies Fenster,
in dem du kurz erschienst." Robert Gernhardt: "Dreiakter"

Robert Gernhardt starb am 30. Juni 2006 in seiner Wahlheimat Frankfurt am Main im Alter von 68 Jahren.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 13.12.2017 | 07:20 Uhr

Mehr Geschichte

Eine Gruppen von Menschen steht in der Ostsee, zwei Männer tragen Kinder auf den Schultern, vermutlich 1920er-Jahre © Jürgen Kraft

Vom Matrosenanzug zum Bikini: Bademoden im Wandel der Zeit

Mit den ersten Seebädern an Nord- und Ostsee wird auch die Frage nach dem passenden Badekleid immer wichtiger. Eine Zeitreise. mehr

Norddeutsche Geschichte